Die Polizeibehörden in Chinas Nordwestprovinz Xinjiang haben vor einiger Zeit begonnen, von Einwohnern DNA-Proben zu sammeln. Nun rüsten sie zudem ihr gentechnisches Equipment auf, um die DNA-Daten auch auswerten zu können, legen von Aktivisten und "Nature"-Informanten gesammelte Indizien nahe.

Schon im April 2017 berichtete das Human-Rights-Watch-Netzwerk von zuletzt weiter angetriebenen Bemühungen der Provinzregierung in Xinjiang, Blutproben von den muslimischen Uiguren zu sammeln, der größten Volksgruppe der Provinz. Dort vor Ort geht die chinesische Staatsführung seit einigen Jahren massiv gegen Separatistenbewegungen vor – was nun die Sorge bestärkt, dass eine DNA-Datenbank als politisches Druckmittel eingesetzt werden könnte.

"Wir fürchten, dass gerade eine flächendeckende DNA-Sammlung entsteht – und dies ohne gesetzliche Grundlage und ohne die Betroffenen zu informieren", fasst Maya Wang zusammen, die in Hongkong für Human Rights Watch arbeitende Autorin der Studie. Darin berichtet die Organisation, dass die Behörden in Xinjiang zwölf DNA-Sequenziermaschinen bestellt haben, was sich durch Nachforschungen von "Nature" bestätigten ließ. Eine Sichtung von Lieferpapieren sowie Befragungen bei am Transport Beteiligten lassen erkennen, dass die Polizei nun ausreichende Kapazitäten aufgebaut hat, um rund 2000 DNA-Proben pro Tag zu verarbeiten. "Nature" scheiterte allerdings beim Versuch, telefonisch eine Stellungnahme über den Zweck der Anschaffung zu erhalten: Die Polizei legte einfach auf.

Für forensische Routineaufgaben allein sei die neu aufgebaute Geräteleistung jedenfalls deutlich überdimensioniert, meint der Genomforscher Sumio Sugano von der Universität Tokio. "Sicherlich könnte man solche Kapazitäten verwenden, um eine Gendatenbank aufzubauen", ergänzt ein Experte, der Forensikzentren in China mit Ausstattung beliefert und anonym bleiben möchte. "Sie bauen ein Genlabor auf", vermutet er nach einem Blick auf die Einkaufsliste von Sequenziergeräten.

Ein Mitarbeiter des im Beschaffungsprozess involvierten Unternehmen gibt an, die Polizei von Xinjiang habe acht Sequenzer von Thermo Fisher Scientific aus Waltham in Massachusetts erworben. Diese Geräte taugen dazu, die kurzen, individuell von Mensch zu Mensch abweichenden DNA-Bereiche auszulesen, die Kriminaltechniker üblicherweise beim DNA-Fingerprinting mit an einem Tatort gesammelten DNA-Spuren abgleichen. Eine Sequenzdatenbank könnte dazu dienen, einzelne Menschen oder nahe Angehörige eindeutig identifizierbar zu machen.

Vier weitere Sequenziermaschinen aus einheimischer Produktion dienen womöglich demselben Zweck. Zudem belegen Recherchen von "Nature" den Einkauf von DNA-Sequenzern der neuesten Generation – damit wird es möglich, die Abstammungslinie eines Menschen, seine Augenfarbe und verschiedene körperliche Merkmale anhand seiner Gendaten zu erfahren.

"Eine flächendeckende DNA-Sammlung entsteht – ohne gesetzliche Grundlage und ohne die Betroffenen zu informieren"
(Maya Wang)

Der Bericht von Human Rights Watch enthält weitere Details über die ganz China umfassende Datenbank, die bereits seit den frühen 2000er Jahren aufgebaut wird und mittlerweile wohl 44 Millionen Einträge von 40 Millionen Menschen enthält – darunter etwa 1,5 Millionen Spuren, die etwa an Zigarettenstummeln an Tatorten gefunden wurden. Die chinesischen Behörden geben offiziell zu Protokoll, die Datenbank sei zur Aufklärung ungelöster Kriminalfälle gedacht. Human Rights Watch hat nach eigenen Angaben aber eindeutige Hinweise darauf gefunden, dass hier auch systematisch "massenhaft biometrische Profile von ganz gewöhnlichen Staatsbürgern" zusammengestellt werden.

Nun setzen viele Staaten weltweit auf genetisches Fingerprinting zur Aufklärung von Straftaten, um entführte Kinder ihren Eltern zuordnen zu können oder um Tote zu identifizieren. Daher, so meinen einige Experten, sei auch die auffällige Neuanschaffung von Sequenziergeräten durch die chinesischen Behörden nicht per se ungewöhnlich. "Eine Ausweitung polizeilicher Überwachungsmaßnahmen ist in allen hoch entwickelten Staaten erwartbar", findet etwa Sara Katsanis, die die Anwendungsszenarien der neuen Genanalysetechniken an der Duke University in Durham erforscht.

Allerdings ist Katsanis wie andere Fachleute über die Art und Weise des chinesischen Vorgehens bei der DNA-Probensammlung beunruhigt – und dies insbesondere in Xinjiang. Schon 2016 hatte Human Rights Watch berichtet, dass die Einwohner der Provinz neue Pässe nur noch nach Abgabe einer Blutprobe ausgestellt bekamen. Im März 2017 berichteten die chinesischen Staatsmedien über den Beschluss zur Durchführung eines viermonatigen Programms, in dessen Rahmen 17,5 Millionen Menschen, vor allem Uiguren, einem Gesundheitscheck unterzogen werden sollen – inklusive Analyse einer Blutprobe. Im Mai kamen dann Berichte darüber ans Licht, dass die Teilnehmer diese Untersuchungen zwangsweise über sich ergehen lassen mussten.

Die Biomedizinethikerin Megan Allyse von der Mayo Klinik in Rochester, Minnesota, bewertet das DNA-Profiling in China besonders kritisch, weil keine Richtlinien reglementieren, wie die Proben gesammelt, gespeichert und verbreitet werden – oder solche, die einschränken, wie sie vor Gericht oder in anderen Fällen Verwendung finden. Sie hofft auf eine zwischenstaatliche Zusammenarbeit, um eine rechtssichere Datenverwendung zu gewährleisten: "Wir brauchen einen breiten internationalen Konsens über den angemessenen Einsatz von nationalen DNA-Datensammlungen."


Dieser Artikel ist im Original "China expands DNA data grab in troubled western region" in "Nature" erschienen.