Während sich bei uns der frisch gekürte Kanzlerkandidat und seine amtierende Kontrahentin für das kommende "Superwahljahr" langsam warmlaufen, rüsten sich überm Teich die politischen Gegner zum großen Showdown. Am 4. November 2008 werden wir wissen, wer zum mächtigsten Mann der Welt aufsteigen wird.

Angesichts der Leistungen des jetzigen Amtsinhabers mag sich manch Europäer verwundert die Augen reiben, warum voraussichtlich auch diesmal die Wahlen zum US-Präsidenten ziemlich knapp ausgehen werden. Politische Ansichten erweisen sich eben doch als äußerst hartnäckig und schwer wandelbar.

Demokraten und Republikaner
© Joel Brehm
(Ausschnitt)
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Was steckt dahinter? Sind es die persönlichen Lebenserfahrungen, die unsere Überzeugungen prägen? Haben wir sie von unseren Eltern gelernt? Oder werden wir auf raffinierte Weise durch geschickte Propaganda manipuliert?

All das möchte John Hibbing nicht ausschließen. Doch der Politikwissenschaftler von der University of Nebraska-Lincoln interessiert sich auch für Evolutionspsychologie – und dachte sich ein kleines Experiment aus. Zusammen mit seinen Kollegen nahm er das Telefonbuch von Lincoln, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Nebraska, um die politische Einstellung von zufällig ausgewählten Einwohnern zu erfragen. Hiervon suchten die Forscher 46 Personen aus, deren Ansichten sich als besonders radikal erwiesen – seien sie eher links oder eher rechts orientiert. Ein ausführlicher Fragebogen analysierte dann die politischen Überzeugungen, die persönlichen Charaktereigenschaften sowie die demografischen Faktoren.

Es kristallisierten sich grob zwei Gruppen heraus: Erstere zeigte sich bibelfest, plädierte für Tugenden wie Gehorsamkeit und unterstützte hohe Rüstungsausgaben, geheime Abhöraktionen, die Todesstrafe sowie den Irakkrieg.
"Wir bezeichnen diese Sammlung politischer Positionen nicht als 'liberal' oder 'konservativ'"
(Douglas Oxley et al.)
Zweitere setzte mehr auf Verständigung und Pazifismus, forderte höhere Entwicklungshilfe sowie eine striktere Waffengesetzgebung und hatte keine Probleme mit vorehelichem Sex, gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, Abtreibung oder Pornografie. Kurz: Die beiden Gruppen unterschieden sich in ihrer Sorge um Sicherheit und Ordnung – auch wenn die Wissenschaftler einschränkend bemerken: "Wir bezeichnen diese Sammlung politischer Positionen nicht als 'liberal' oder 'konservativ', da wir nur einen Gesichtspunkt der Weltanschauungen gemessen und andere Aspekte wie die Haltung zu ökonomischen Problemen außer Acht gelassen haben."

Zwei Monate später luden die Forscher ihre Probanden zu physiologischen Tests ein. Zunächst zeigten sie ihnen eine Reihe harmloser Fotos, bei denen ab und zu eines von drei eher unappetitlichen Bilder auftauchte: eine riesige Spinne auf einem angstverzerrten Gesicht, eine benommene, blutverschmierte Person oder eine offene Wunde, in der sich Maden tummeln. Derartige Anblicke führen bei jedem Menschen zu mehr oder weniger ausgeprägten Schweißausbrüchen, die sich leicht über den elektrischen Hautwiderstand messen lassen.

Im zweiten Test konzentrierten sich die Probanden auf einen Bildschirmpunkt und wurden dabei ab und zu durch ein lautes Geräusch per Kopfhörer erschreckt. Als Maß für die Schreckreaktion diente diesmal das Blinzeln der Augen.

Damit konnten die Wissenschaftler die politische Weltanschauung mit der Neigung zur Schreckhaftigkeit korrelieren.
"Unsere Ergebnisse erklären den Mangel an Formbarkeit in den Ansichten von Individuen mit festen politischen Überzeugungen und die damit verbundene Allgegenwart politischer Konflikte"
(Douglas Oxley et al.)
Und siehe da: Wer eher auf Sicherheit setzte, offenbarte sich als ängstlich; die etwas gelasseneren Zeitgenossen tendierten dagegen zu weniger restriktiven Ansichten.

Genügt damit eine kleine Hautwiderstandsmessung, wie sie bei so genannten Lügendetektoren Usus sind, um zukünftige Wahlergebnisse zu prognostizieren? Wohl kaum. Doch unsere freie Meinung, die wir bei politischen Diskussionen in tiefster Überzeugung zum Besten geben, könnte auf einer biologischen Basis beruhen – vermutlich verborgen in unseren Genen – und somit unserer Vorstellung von Willensfreiheit einen leichten Dämpfer versetzen.

So weit wollen sich Hibbing und Co gar nicht aus dem Fenster lehnen. Sie bemerken lediglich: "Unsere Ergebnisse zeigen eine mögliche Erklärung für einerseits den Mangel an Formbarkeit in den Ansichten von Individuen mit festen politischen Überzeugungen und andererseits für die damit verbundene Allgegenwart politischer Konflikte."