Paläoanthropologie: "Ungeheuer robust und kräftig"

Die Sierra de Atapuerca im Norden Spaniens gilt als die ergiebigste Fundstelle für Fossilien des Homo heidelbergensis - dem Neandertaler-Vorfahren, der vor rund 500 000 Jahren in Europa lebte. Seit über 15 Jahren gräbt die Paläoanthropologin Ana Gracia Téllez dort in der Sima de los Huesos, der "Knochengrube". spektrumdirekt fragte nach, was bei den Grabungskampagnen so alles zum Vorschein kam.
Das Gespräch führte Jan Dönges, freier Wissenschaftsjournalist in Heidelberg.
Die Einwohner der Sima de los Huesos
© Kennis & Kennis / Madrid Scientific Films
(Ausschnitt)
spektrumdirekt: Frau Dr. Gracia, wer ist Miguelón?

Ana Gracia Téllez: Miguelón? Sie meinen wohl den beinahe komplett erhaltenen Schädel eines Homo heidelbergensis. Vermutlich der bekannteste Fund aus der Sima de los Huesos. Es könnte natürlich auch Miguel Induráin sein, nach dem wir den Schädel benannt haben, weil "Miguelón", wie er in Spanien heißt, damals zum fünften Mal die Tour de France gewonnen hatte.

Ana Gracia Téllez
© Javier Trueba / Madrid Scientific Films
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernAna Gracia Téllez
spektrumdirekt: Ich dachte in der Tat an den Schädel. Geben Sie denn allen Ihren Fossilien Namen?

Gracia Téllez: Ja, es gibt doch vergleichsweise wenige davon, und für uns haben sie alle eine eigene Persönlichkeit. Wie beispielsweise "Elvis, the pelvis", ein Beckenknochen, den wir 1994 völlig zerbrochen gefunden haben und später wieder zusammensetzten.

spektrumdirekt: Bei den Ausgrabungen in der Sima de los Huesos sind – neben Elvis und Miguelón – eine ganze Reihe von Fossilien zum Vorschein gekommen. Was macht die Funde so einzigartig?

Gracia Téllez: Zum einen haben wir dort bestimmte Teile des Skeletts von Homo heidelbergensis gefunden, die beinahe überall sonst fehlen, wie zum Beispiel die feinen Fingerknöchelchen. Das ist schon toll, aber gleichzeitig stehen wir damit auch vor einem Problem: Wir kennen Vergleichsmaterial nur vom modernen Menschen. Wie will man da eine sinnvolle Analyse machen? Bei Oberschenkelknochen sieht das ganz anders aus, weil es dazu eine Menge passender Stücke von Neandertalern gibt.

spektrumdirekt: Und in welcher Hinsicht noch?

Gracia Téllez: Zum anderen haben wir dort die Überreste von mindestens 28 Individuen gefunden. Daraus können wir die Variabilität innerhalb einer Population ablesen, was es sonst ausgesprochen selten gibt.

spektrumdirekt: Diese Funde gehören zu den ältesten in ganz Europa. Wie alt sind sie genau?

Gracia Téllez: Wir haben in Atapuerca zwei verschiedene Menschenarten gefunden: Die Heidelbergensis-Funde aus der Sima, von denen Sie gerade gesprochen haben, sind mindestens 530 000 Jahre alt. Von dieser Art gibt es anderswo noch ältere Funde.
Wir gehen davon aus, dass sie damals schon eine Sprache hatten
Und dann haben wir aus dem nicht weit davon entfernten Fundplatz Gran Dolina über 750 000 Jahre alte Funde von Homo antecessor, die gehören in der Tat zu den ältesten Europäern.

spektrumdirekt: Homo antecessor gilt ja als Vorform des Homo heidelbergensis – wo steht eigentlich der Homo sapiens in dieser Linie?

Gracia Téllez: Das kommt ganz darauf an, welcher Auffassung Sie zuneigen. Relativ unbestritten ist, dass aus Homo antecessor der Homo heidelbergensis und dann der Neandertaler entstanden ist. Es gab allerdings zur gleichen Zeit, also im Mittleren Pleistozän, auch noch eine afrikanische Form des Heidelbergensis, aus diesem haben sich dann später die modernen Menschen entwickelt.

spektrumdirekt: Und beide gehörten zur gleichen Art?

Gracia Téllez: Das ist die Frage – ob man beide Varianten trennt. Vielleicht konnten sich die Menschen in Europa und Afrika theoretisch miteinander vermischen, aber wegen der geografischen Trennung halten wir es für sinnvoll, von unterschiedlichen Arten zu reden. Demnach ist Homo heidelbergensis der Europäer, der "Vor-Neandertaler". Für den Afrikaner hat sich die Bezeichnung Homo rhodesiensis eingebürgert.

spektrumdirekt: Was war der Neandertaler-Vorfahr für ein Mensch?

Miguelón (Atapuerca 5)
© Javier Trueba / Madrid Scientific Films
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Gracia Téllez: Er war ungeheuer robust und kräftig von Statur. Ein männliches Individuum, das wir gefunden haben, wog bei einer Körpergröße von 1,75 Meter mindestens 95 Kilo. Das muss ein ganz schöner Brocken gewesen sein. Gleichzeitig haben die Menschen damals schon relativ komplexe Steinwerkzeuge vom so genannten Acheuléen-Typ hergestellt und planvoll gejagt. So haben wir in den verschiedenen Höhlen von Atapuerca ganz unterschiedliche Fundspektren vorgefunden: In einer Höhle haben sie nur Werkzeuge hergestellt, in der Galería dagegen zeigen Tierknochen, dass dort Pferde und anderes Wild zerlegt wurde.

spektrumdirekt: Das klingt ja relativ fortschrittlich …

Gracia Téllez: Die Gesellschaft war wohl in der Tat sehr komplex organisiert. Wir gehen auch davon aus, dass sie damals schon eine Sprache hatten. Das schließen wir zumindest aus den gefundenen Zungenbeinen und aus der Analyse der Hörfähigkeit. Allerdings sind das alles ganz, ganz neue Erkenntnisse, die wir noch sorgfältig überprüfen müssen. Bislang hatte man solche Fähigkeiten ja, wenn überhaupt, frühestens den Neandertalern zugesprochen.

spektrumdirekt: … aber die kamen ja erst ein paar hundertausend Jahre später.

Gracia Téllez: Genau! Diese Geschichte kann man nicht einfach um mehr als 300 000 Jahre zurück verlegen. Und es bleiben ja durchaus Unterschiede: Die Neandertaler hatten zum Beispiel eine sehr viel weiterentwickelte Werkzeugkultur.

spektrumdirekt: Wie kommt es eigentlich, dass Sie so viele Individuen – immerhin über 28 – an einer einzigen Stelle gefunden haben?

Gracia Téllez: Wie es scheint, haben sie wohl ihre Artgenossen in die Grube geworfen.

spektrumdirekt: In die Grube geworfen?

Die Höhlenbelegschaft beim Gruppenbild
© Kennis & Kennis / Madrid Scientific Films
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 Bild vergrößernDie Höhlenbelegschaft beim Gruppenbild
Gracia Téllez: Für mich ist das die einzig logische Erklärung. Die Fundstelle liegt am Ende eines langen Schachts. Dort gibt es nur Knochen von Fleischfressern, hauptsächlich Bären – und eben von Menschen. Dass Raubtiere die Knochen zusammengetragen haben, kommt nicht in Betracht, weil dann auch Überreste von Pflanzenfressern dabei sein müssten, und gelebt haben die Menschen dort auch nicht, denn wir haben keinerlei Werkzeuge gefunden.

spektrumdirekt: Und warum haben sie das gemacht?

Gracia Téllez: Da können wir leider nur spekulieren …

spektrumdirekt: Der Fundplatz liegt ja auch heutzutage noch in einer Höhle. Ich stelle mir das nicht gerade angenehm vor, dort unten auszugraben.

Gracia Téllez: Oh ja, das ist ein schweres Los für uns (lacht)! Das Ende des Schachtes liegt etwas über fünfzig Meter tief unter der Erdoberfläche. Wir müssen vom Höhleneingang erst einen halben Kilometer durch das Karstsystem kriechen, bis wir in der Sima ankommen.

spektrumdirekt: Aber es scheint sich ja zu lohnen. Ganz in der Nähe der Sima haben Sie im Sommer 2007 einen spektakulären Fund gemacht: einen Zahn, der offenbar noch älter ist, als alle anderen menschlichen Fossilien in Westeuropa.

Gracia Téllez: Ja, in der Trinchera del Elefante. Wir hatten ja schon früher Hinweise – hauptsächlich Werkzeuge – aus Italien, Spanien und auch aus Frankreich, dass die ersten afrikanischen Einwanderer derart früh in Europa ankamen. Aber mit dem ersten tatsächlichen Fossilfund ist jetzt klar: Sie waren auch schon vor 1,2 Millionen Jahren hier.

spektrumdirekt: Handelt es sich dann immer noch um Homo antecessor, oder zu welcher Menschenart gehörten diese Erstbesiedler?

Gracia Téllez: Da steht uns noch viel Arbeit vor, um das herauszufinden.
Es gibt so viele Wissenschaftler und so viele Meinungen
Es könnte Homo antecessor oder meinetwegen auch Homo erectus sein. Wir können das zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

spektrumdirekt: Über den menschlichen Stammbaum wird ja immer noch heftig gestritten …

Gracia Téllez: … oh ja, leider! Es gibt so viele Wissenschaftler und so viele Meinungen!

spektrumdirekt: Warum ist es eigentlich so schwierig, die richtige Abstammungslinie zu finden?

Gracia Téllez: Das liegt zum einen natürlich daran, dass es nur so wenige Fossilien gibt. Wegen der riesigen Zeitspanne klaffen da enorme Lücken, die man nur schwer überbrücken kann. Und dann kommt noch hinzu, dass wir nicht immer die passenden Vergleichsstücke haben. Wenn der eine Forscher eine Schädeldecke findet und der andere aus der gleichen Zeit einen Kiefer – wie wollen Sie das vergleichen?

spektrumdirekt: Das heißt, wir können uns noch auf größere Überraschungen freuen?

Gracia Téllez: Davon können Sie getrost ausgehen!
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