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Berühmtes Fossil

Ur-Archaeopteryx war gar keiner

Der "Haarlemer Archaeopteryx" galt als erstes je gefundenes Exemplar des Urvogels. Problem dabei: Es ist in Wirklichkeit gar keiner.
Das "Haarlemer Exemplar"

Im Jahr 1861 sorgte die Beschreibung des "Urvogels" Archaeopteryx für Furore: Nur zwei Jahre vorher hatte Darwin seine Evolutionstheorie vorgestellt, nun kamen die Kronzeugen dieses naturgeschichtlichen Vorgangs zum Vorschein, die "missing links" im Stammbaum. Der Archaeopteryx etwa galt als solches Bindeglied zwischen Reptilien und Vögeln. Inzwischen zählt die Gattung, von der nur zwölf Exemplare bekannt sind, die alle im Solnhofener Plattenkalk in der Fränkischen Alb gefunden wurden, zu den berühmtesten Sauriern der Welt.

Bis vor Kurzem hatten Wissenschaftler angenommen, dass es sogar 13 fossile Exemplare gibt. Doch das älteste davon, das so genannte Haarlemer Exemplar, benannt nach seinem Aufbewahrungsort in den Niederlanden, ist offenbar gar kein Archaeopteryx. Das ist das Ergebnis von Christian Foth und Oliver Rauhut. Die Forscher der Universitäten Fribourg und München ordnen das Fossil jetzt als ersten außerhalb Chinas gefundenen Vertreter der Gruppe der Anchiornithiden ein.

Lebendrekonstruktion eines Vertreters der Anchiornitiden
Lebendrekonstruktion eines Vertreters der Anchiornithiden | Die Ähnlichkeit zu den Vögeln ist kaum zu übersehen, doch die Anchiornithiden stammen aus einer parallel verlaufenden Entwicklungslinie. Die Fleisch fressenden, flugunfähigen Raubsaurier waren zuvor nur aus China bekannt.

Das Haarlemer Exemplar wurde von Archaeopteryx-Entdecker Hermann von Meyer bereits 1857 gefunden, aber falsch gedeutet: Der Paläontologe sah darin einen Flugsaurier der Art Pterodactylus crassipes. Zu seinen gefiederten Urvögeln, die er sechs Jahre später der Öffentlichkeit vorstellen würde, rechnete er diesen Fund nicht. Erst seit den 1970er Jahren gilt das Haarlemer Exemplar als Archaeopteryx. Damals hatten Forscher erkannt, dass es sich nicht um einen Pterodactylus handelt.

Aber: "Nicht alles, was in den Solnhofener Platten gefunden wird, muss ein Archaeopteryx sein", sagt Rauhut. Gemeinsam mit seinem Kollegen wies er nun entscheidende Unterschiede zu dieser Gattung nach, die sie in einem Artikel im Journal "BMC Evolutionary Biology" beschreiben.

Beim Haarlemer Exemplar scheint es sich um einen anderen Vertreter vogelähnlicher Raubsaurier aus der Jurazeit zu handeln. Bislang kannte man aus dieser Gruppe hier zu Lande nur den Archaeopteryx. Nun zeige die Neuuntersuchung, wie Foth erläutert, "dass die ganze Gruppe der den Vögeln nahestehenden Raubsaurier aus Ostasien kommt – alle geologisch ältesten Funde stammen aus China. Im Zuge ihrer Expansion Richtung Westen haben sie auch das Solnhofener Archipel erreicht." Der Raubsaurier, der bislang fälschlicherweise als Archaeopteryx galt, würde damit zu den ersten Ankömmlingen seiner Gruppe in Europa gehören. Das Fossil sei darum eine noch viel größere Rarität.

Wie die Universität München in einer Pressemitteilung erklärt, war das Solnhofener Archipel im heutigen Altmühltal vor 150 Millionen Jahren eine Riff-Insel-Landschaft, die sich Richtung Westen und Süden zum Meer hin öffnete. Das Haarlemer Fossil wurde einst in der Nähe des ehemaligen Festlands entdeckt. Da die Anchiornithiden im Gegensatz zum Archaeopteryx nicht fliegen konnten, seien sie möglicherweise nicht viel weitergekommen. Fossilien des Archaeopteryx dagegen hätten die Forscher bisher nur im westlichen Plattenkalk nah dem damaligen offenen Meer entdeckt, wo sie vermutlich auf kleineren Inseln lebten.

49/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 49/2017

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