Im Mai und Juni dieses Jahres starben mehrere zehntausend Saiga-Antilopen in Kasachstan: Ein schwerer Schlag für die bedrohte Art, denn insgesamt verendeten mehr als 130 000 Tiere – vor allem Weibchen und Kälber – und damit etwa die Hälfte des Weltbestands der bedrohten Art. Doch bis heute konnten Veterinärmediziner keine Ursache für das Massensterben zweifelsfrei nachweisen, dessen Ausmaß den Geoökologen Steffen Zuther von der kasachischen Altyn Dala Conservation Initiative überraschte: "In dieser Dimension und mit der hohen Geschwindigkeit, mit der es sich durch die Herden mit den kalbenden Müttern ausgebreitet hat, wurde noch kein Massensterben bei einer Art beobachtet", so der Forscher gegenüber den Medien. Zuther und sein Team waren allerdings zeitweilig direkt vor Ort und konnten daher von frisch verendeten Tieren, von den Futterpflanzen und aus dem Boden Proben entnehmen, die sie mittlerweile auf Krankheitserreger analysiert haben.

Über das gesammelte Gewebematerial konnten sie nachweisen, dass Gifte von Pasteurella- und womöglich auch Clostridium-Bakterienarten intensive innere Blutungen in den Organen der Antilopen ausgelöst hatten, die schließlich zum Tod führten. Zumindest Pasteurella-Spezies gehören jedoch zur natürlichen Mikrobenbesiedlung von Wiederkäuern wie den Saiga-Antilopen und lösen bei gesunden Tieren keine besonderen Symptome aus. Zuther und Co führen daher die Verluste auf die besonderen Witterungsbedingungen im letzten Winter und Frühling zurück: Auf einen kalten, harten Winter folgte ein nasser Frühling, der nicht nur das Graswachstum antrieb, sondern auch weite Teile der Weidegebiete versumpfen ließ. Über den ausgeschiedenen Kot und die nassen Wiesen verteilten sich aggressivere Bakterienstämme großflächig und infizierten die weiblichen Antilopen, die sich für die anstehenden Geburten in diesem Teil der kasachischen Steppe traditionell einfanden. Nach dem kräftezehrenden Winter war ihr Immunsystem geschwächt, so dass sich die Bakterien im Körper ausbreiten und toxisch werden konnten. Über die Milch gaben die Tiere dann die Toxine an ihre Kälber weiter, die wie ihre Mütter rasch an den Folgen der Vergiftung starben. Bereits in der Vergangenheit kam es immer wieder zu ungeklärten Massensterben unter Saiga-Antilopen; allerdings zählte deren Population vor wenigen Jahrzehnten noch mehrere Millionen Individuen – gelegentliche Seuchenzüge oder Wetterkatastrophen wirkten sich also im Gegensatz zu heute nicht bestandsbedrohend aus.