Wer sich im Mittelmeerraum an den Strand legt, muss mit einem UV-Index von 8 bis 9 rechnen – das ist genügend Bestrahlungsstärke, um sich vor übermäßiger Sonne zu schützen und Sonnencreme aufzutragen. Verglichen mit den Werten, die deutsche und US-amerikanische Geowissenschaftler um Nathalie Cabrol vom SETI Institute Carl Sagan Center und Uwe Feister vom Meteorologischen Beobachtungszentrum in Lindenberg aber in den Anden Boliviens gemessen haben, erscheinen diese Werte wie Kleinkram: Während ihrer Beobachtungen in den Jahren 2003 und 2004 registrierten ihre Sensoren am 29. Dezember einen Index-Spitzenwert von 43,3 – mehr hat man zuvor noch nie auf der Erde aufgezeichnet. "Wenn der Index einen Wert von 30 bis 40 erreicht, will und sollte man sich am besten nicht mehr draußen aufhalten", betont Cabrol, die die Forschungsarbeiten leitete.

Extreme in den Anden
© NASA, GSFC / MITI / ERSDAC / JAROS und U.S./Japan ASTER Science Team
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Aus dem All betrachtet sieht die Region um den Vulkan Licancabur (unten links) zwar nicht grün, aber doch relativ idyllisch aus. Zumindest das Blau der Laguna Blanca lädt zum Baden ein. Doch Vorsicht ist geboten: Auf 4300 Meter Höhe ist es relativ frisch – und die UV-Strahlung mitunter extrem hoch.

Mehrere Faktoren hatten zu diesem Rekordwert beigetragen, der erst jetzt publiziert wurde. So installierten die Forscher ihre Dosimeter am Gipfel des Vulkans Licancabur in knapp 6000 Meter Höhe sowie an der Laguna Blance in 4340 Meter Höhe über dem Meer: Die dünne Höhenluft begünstig die Einstrahlung, da hier auch in der Stratosphäre darüber weniger Ozon vorhanden ist, das die UV-B-Strahlung normalerweise herausfiltert. Gleichzeitig stand die Sonne beim Rekord nahe ihrem Zenit. Dennoch mussten noch weitere Faktoren hinzukommen, um den Index derart in die Höhe zu treiben. So hatten nach Angaben der Wissenschaftler Aerosole aus saisonalen Waldbränden sowie Unwetter zuvor ebenso zum Ozonabbau beigetragen wie wohl eine starke Sonneneruption zwei Wochen vor dem 29.12. Die Teilchen dieser Ausbrüche beeinflussen die chemische Zusammensetzung der Atmosphäre und zerstören dabei sehr wahrscheinlich auch schützende Ozonmoleküle. In den folgenden Wochen ereigneten sich weitere starke UV-B-Strahlungseinbrüche, die jedoch nicht mehr den Rekordwert erreichten.

"Ein Indexwert von 11 gilt bereits als extrem, und in den vergangenen Jahren hatten wir auch immer wieder Spitzen von 26 erreicht. Aber die Belastung an diesem Tag ist bislang einzigartig", so Cabrol, die mit ihrem Team eigentlich astrobiologische Studien im bolivianischen Hochland durchführen wollte. Eine derart hohe UV-B-Strahlung kann die DNA von Lebewesen schädigen, die Überlebensfähigkeit von Eiern und Larven – etwa von Amphibien und Fischen – mindern und die Fotosynthese stören. Bedenklich stimmt die Forscher vor allem, dass diese Belastung nicht in der menschenleeren Antarktis unter dem Ozonloch gemessen wurde, sondern mitten in den Tropen in relativer Nähe zu Dörfern und Kleinstädten. "Möglicherweise hatten wir es mit einer Art perfektem Sturm zu tun, doch das kann wieder passieren", warnt Cabrol: "Denn die ursächlichen Faktoren treten immer wieder auf. Wir müssen diese Entwicklungen im Auge behalten: Diese Werte sind vergleichbar mit jenen auf dem frühen Mars – nur dass sie über bewohntem Gebiet vorkommen."