"Wenn das kein Ig-Nobelpreis wird" – als Ende Mai Forscher verkündeten, Viagra helfe Hamstern gegen Jetlag, griff die Presse natürlich begeistert zu. Wissenschaft, die zum Lachen anregt, findet immer ein Publikum. Das zeigt sich denn auch alljährlich in der Vergabe der Ig-Nobelpreise, die längst zu den Höhepunkten der Wissenschaftswelt und der Medien gehören. Bereits zum 17. Mal kürte die Jury in Harvard nun Forscher für ungewöhnliche Denkansätze und Studienprojekte. Doch Vorsicht: Genaueres Studium könnte sich als runzelfördernd erweisen – für die Denkerstirn wie die Lachfältchen.

Falten, Runzeln und Co standen jedenfalls im Zentrum der Arbeiten von Lakshminarayanan Mahadevan von der Harvard-Universität und Enrico Cerda Villablanca von der Universität Santiago de Chile. Vielleicht mussten sie sich zu oft über trotz straffen Zerrens knitternde Frischhaltefolien ärgern oder hatten vergeblich versucht, eigenhändig einen alten Sessel faltenfrei mit Möbelstoff zu beziehen, wer weiß. Als ordentliche Wissenschaftler analysierten sie das Problem in speziell gestalteten Experimenten und entwickelten daraus eine regelrechte Faltenformelsammlung, für die sie nun mit dem Ig-Nobelpreis für Physik gewürdigt werden.

Ökosystem Bett

Einen genaueren Blick auf Falten wirft schon seit Jahrzehnten auch Johanna van Bronswijk von der Universität Eindhoven. Doch interessiert sie sich dabei für einen ganz besonderen Lebensraum: das Laken und seine Begleiter. Penibelst hat sie die Lebewelt niederländischer Matratzen unter die Lupe genommen und kartiert – vom Bakterium bis zur Bettwanze. Nun wissen wir, dass wir unser Schlafgemach mit Milben, Insekten, Spinnen, Pseudoskorpionen, Krebstieren, Algen, Farnen und Pilzen teilen – da behaupte noch einer, Multikulti auf engem Raum sei zum Scheitern verurteilt. Frau van Bronswijk darf sich für ihre intimen, detaillierten Einblicke ins Ökosystem Bett über den Ig-Nobelpreis für Biologie freuen.

Doch gehört zu lebendigem Miteinander auch grundlegende Kommunikation. Und hier kann es Schwierigkeiten geben. So sollte man, das lernen wir von Juan Manuel Toro, Josep Trobalon und Núria Sebastián-Gallés von der Universität Barcelona, die Verständigungsmöglichkeiten von hoffentlich nicht im Bett gefundenen Ratten nicht überschätzen: Sie können rückwärts gesprochenes Japanisch schlicht nicht von rückwärts gesprochenem Holländisch unterscheiden. Für das Aufdecken dieser nagenden Unzulänglichkeit ernteten die drei Forscher den Ig-Nobelpreis für Sprachwissenschaft.

Statt missverständlicher Worte empfiehlt sich daher wohl der Einsatz chemischer Verhütungstechniken im Kampf gegen tödliche Gefahren. Hier will sogar die US-Luftwaffe inzwischen auf die Friedensbewegung setzen – "make love, not war", nehmen sie wörtlich: Ein speziell entwickeltes Gas soll gegnerische Soldaten in ablenkende Sextaumel stürzen. Fruchtlose Kriege durch furchtlose Triebe zu beenden, ist nach Ansicht der Jury ganz sicher den Ig-Nobelpreis für Frieden wert. Experimentier-Schauplätze gäbe es ja genug.

Vanille aus Kuhmist

Dass Düfte aber auch einen wenig sozialen Effekt haben können, merkt jeder, der einmal in Kuhmist getreten ist: Sein Umfeld rückt eher von ihm ab. Wenn die wüssten, welch Kostbarkeiten so mancher Mist bietet! Mayu Yamamoto vom japanischen Internationalen Medizinischen Zentrum hat darin einen Schatz gefunden, den wohl nur wenige vermutet hätten: Vanillearoma – und dafür auch gleich noch die nötige Extraktionsmethode aufgeschrieben. Für diese überhaupt nicht anrüchige Leistung erhält sie den Ig-Nobelpreis für Chemie. Und den Ruhm einer nach ihr benannten Eissorte bei Toscanini's Ice Cream, dem besten Eis-Dealer in Cambridge in Massachusetts. Leider wissen wir nicht, ob der Waffel auch Landluft entströmt.

Ebenso wenig wissen wir, ob Yamamoto seine Duftforschung gelegentlich den Appetit verschlug. Es mag ihn im Zweifelsfall trösten, dass auch andere Forscher an ihrer Arbeit gelegentlich schwer zu schlucken haben. Bibliothekare zum Beispiel. Nicht weil sie Bücher verschlingen, sondern ihnen der harmlose kleine Artikel "the" das alphabetische Ordnen in Listen Magenschmerzen bereitet. Für ihren Beitrag zu den Grundlagen und Ausprägungen des Konfliktes ehrte die Jury Glenda Brown aus Blaxland mit dem Ig-Nobelpreis für Literatur.

Ein wirklich harter Brocken ist das aber nicht, dürften Schwertschlucker finden. Ihre schneidige Kost war Gegenstand einer Untersuchung von Brian Witcombe, Radiologe aus Gloucester, und Dan Meyer aus Antioch in Tennessee, Vorsitzender der Internationalen Schwertschluckervereinigung. 46 ihrer Mitglieder – überwiegend Männer – gaben Auskunft zu medizinischen Problemen im Zusammenhang mit dem Genuss einer mindestens zwei Zentimeter breiten und 48 Zentimeter langen Stahlklinge. Die Hälfte nannte Schmerzen im Hals und unteren Brustkorb, sechs hatten sich schon einmal Rachen oder Speiseröhre perforiert, und bei einem sei die Klinge schon einmal am Herz "vorbei geschrammt". Stahlharte Ergebnisse, die eines Ig-Nobelpreises für Medizin würdig sind.

Mysteriöser Suppenteller

Weiche Schonkost steht in dieser Künstlerriege daher wohl häufiger auf dem Speiseplan, was sie direkt für ein Forschungsprojekt von Brian Wansink von der Cornell-Universität qualifiziert hätte. Wir alle wissen, dass die Augen manchmal größer sind als der Magen – Wansink und seine Kollegen haben es uns unlängst bewiesen. Als sie à la Hogwarts die Suppenteller ihrer Freiwilligen unbemerkt ständig nachfüllten, schlürften diese eifrig auch dann noch weiter, als ihre nicht derart bedachten Nachbarn längst den Löffel abgelegt hatten. Für diesen Einblick in den offenbar nicht zu stillenden Appetit des Menschen erhalten sie den Ig-Nobelpreis für Ernährungswissenschaften.

Kuo Cheng Hsieh hingegen möchte eine andere Suppe ausgelöffelt wissen: Drängt der Hunger nach barer Münze und mündet in einem Banküberfall, so soll ein herabfallendes Netz dem Missetäter die Flucht vereiteln. Leider scheint ausgerechnet er als Erfinder dieses Patents abgetaucht, berichtet das Komitee der Ig-Nobelpreis-Verleiher, und verleiht ihm trotzdem den Ig-Nobelpreis für Wirtschaft – ganz ohne Haken und Ösen.

Womit wir am Ende und gleichzeitig am Anfang der preiswürdigen Arbeiten angelangt sind: dem Ig-Nobelpreis für Luftfahrt, verliehen an Patricia Agostino, Santiago Plano und Diego Golombek von der Nationaluniversität von Quilmes in Argentinien. Sie waren es, die uns vor wenigen Monaten Viagra als Mittel gegen Jetlag offenbarten – wenn auch bislang nur für Hamster und ostwärts gerichtete Flüge.

Und wie bei so vielen der hier vorgestellten Arbeiten steckt hinter der lustigen Botschaft ein durchaus ernstzunehmender Hintergrund: Die Suche nach Substanzen, mit denen sich die innere Uhr beispielsweise von Schichtarbeitern, aber auch Vielfliegern ohne schwere Nebenwirkungen beeinflussen ließe – schließlich ist Jetlag mehr als nur ein kleines Urlauberproblem. Vielleicht stecken wir in ein paar Jahren die blauen Pillchen mit ganz anderer Absicht als derzeit ins Handgepäck. Und lachen dann über unsere heutige Belustigung.