"Wir können das Verhalten der Milbe verändern. Und das funktioniert auch in der täglichen Praxis", freut sich der Bienenforscher Peter Rosenkranz. Denn er hat mit seinen Kollegen einen neuen Ansatz gefunden, mit der sich die unter Imkern gefürchtete Varroamilbe biologisch vielleicht bekämpfen lässt. Der Schlüssel dazu liegt im Sexualleben des Parasiten, der schon zahlreiche Bienenstöcke verwüstet hat. Genauer gesagt spielt hierfür ein Duftstoff eine entscheidende Rolle, mit dem der Plagegeist seine Partner anlockt. "Wir haben das Sexualpheromon der Milbe entschlüsselt", erklärt der Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim. Am Ziel wähnt er sich zwar noch nicht, "aber zwei Drittel des Weges sind geschafft". Gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Bettina Ziegelmann hat Rosenkranz in den vergangenen fünf Jahren daran getüftelt, wie man der Varroamilbe (Varroa destructor) als wichtigstem Parasiten der Honigbiene (Apis mellifera) den Sex vermasseln kann.

Um die Milbe zu stören, muss man sie jedoch erst verstehen. Gar nicht so einfach bei den nur ein bis zwei Millimeter kleinen Tieren, die in den Tiefen eines wuselnden Honigbienenstocks leben. Die Milbenweibchen saugen sich an der Biene fest, ernähren sich von ihrem Körpersaft und lassen sich von ihr herumtragen. Ihr Bienenvehikel verlassen sie nur, wenn die Gelegenheit günstig ist: entweder, um auf eine andere Biene "umzusteigen" oder wenn sie in die Nähe einer Bienenbrutzelle gelangen, in der sich eine Larve kurz vor der Verpuppung befindet. Dann lässt sich die Milbe fallen, krabbelt in die Wabenzelle hinein und versteckt sich im Futtersaft unter der Bienenlarve.

Der Duft der Frauen

Etwa drei Tage, nachdem die Ammenbiene die Zelle mit einem dünnen Wachsdeckel verschlossen hat, beginnt die Milbe mit der Eiablage. Ähnlich einer Bienenkönigin kann auch die Muttermilbe entscheiden, ob sie ihren Spermienvorrat verwendet, um ein Ei zu befruchten oder nicht. Das erste Ei, das sie legt, lässt sie unbefruchtet, so dass es sich zu einem Männchen entwickelt. Das winzige Männchen bleibt während seines gesamten kurzen Lebens in der Zelle und wartet nun darauf, dass aus den folgenden befruchteten Eiern seine Schwestern schlüpfen. Sobald die jungen Weibchen geschlechtsreif sind, werden sie begattet.

Varroamilbe im Bienenstock
© fotolia / Claude Calcagno
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernVarroamilbe im Bienenstock
Eine Varroamilbe wartet auf ein potenzielles Opfer: Die Spinnentiere gehören zu den gefürchtetsten Plagen in der Imkerei.

Die Hohenheimer Forscher entdeckten, dass sich das Männchen dabei an einem Sexuallockstoff orientiert, der nur von den jungen Weibchen während und kurz nach der Häutung ausgestoßen wird. Der Duft besteht aus Ölsäure, Palmitinsäure, Stearinsäure und den dazugehörigen Estern, wobei es den Männchen vor allem die verlockenden Fettsäuredüfte angetan haben: Ihr Ortungssinn ist darauf quasi geeicht. Dadurch ist sichergestellt, dass das Männchen keine Zeit verliert und nacheinander alle voll entwickelten Weibchen in seiner Umgebung befruchtet – denn die Zeit für das Familienleben der Milben ist kurz. Meist reicht sie sogar nur, um ein oder zwei der vier bis fünf sich entwickelnden Schwestern zu begatten. Wenn die Bienenarbeiterin nach etwa zwölf Tagen schlüpft, zernagt sie den Wachsdeckel ihrer Zelle und startet ins Erwachsenenleben. Dann sterben alle weiteren Varroaentwicklungsstadien und das Männchen, weil sie in der offenen Zelle austrocknen. Nur befruchtete Milben sind so vital, dass sie längere Zeit außerhalb der Zelle überleben können. Und nur diese Tiere sind in der Lage, ihrerseits als Muttermilben weibliche Nachkommen in neuen Brutzellen zu produzieren und damit zur Vermehrung der Parasitenpopulation beizutragen. Eine Muttermilbe kann innerhalb des Bienenvolkes zwei bis drei solcher Zyklen überleben.

Besonders beliebt bei den Parasiten sind zudem die Drohnen, die männlichen Bienen: Sie benötigen von der Verpuppung bis zum Schlupf rund zwei Tage mehr Zeit als die Arbeiterinnen. Und die großen Larven bieten zudem eine bessere Nahrungsgrundlage. Bei ihrem ursprünglichen Wirt, der asiatischen Honigbiene (Apis cerana), befällt die Varroamilbe sogar ausschließlich die Drohnenbrut.
Varroamilbe auf einer Honigbiene
© USDA / ARS / EMU
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernVarroamilbe auf einer Honigbiene
Diese Makroaufnahme zeigt, wie eine Varroamilbe durch eine Biene zu einer Wabenzelle im Bienenstock transportiert wird.

Den Milbenmännchen die Sinne vernebeln

In ihrer in "Chemoecology" veröffentlichten Studie zeigen Bettina Ziegelmann und Peter Rosenkranz, was passiert, wenn sie den Milbenmännchen mit einer Überdosis Sexpheromon die Sinne vernebeln. Peter Rosenkranz erläutert die Methodik: "Ab einer bestimmten Pheromonkonzentration in ihren Zellen verlieren die Männchen ihre Orientierung – zumindest im Labor. Sie begatten dann alles, was ihnen zwischen die Beine kommt: allen voran die noch nicht geschlechtsreifen Nymphenstadien der Weibchen, aber auch Muttermilben und sogar milbengroße Pflanzensamen, die wir ihnen angeboten haben." Durch diese Fehlkopulationen verlieren sie jedoch Zeit, und sie pflanzen sich seltener erfolgreich fort. "Wir testeten dies anschließend im Bienenstock und besprühten eine leere Brutwabe mit Ölsäure – dem Hauptbestandteil des Pheromons –, bevor die Bienenkönigin sie benutzte. Diese Brutzellen infizierten wir von Hand mit Varroamilben." Verglichen mit den Kontrollwaben, die nur mit Ethanol besprüht wurden, erhielten die darin befindlichen Weibchen deutlich weniger Spermien. Und rund 20 Prozent der Weibchen blieben sogar ganz unbefruchtet, während das in der Kontrollgruppe nur bei einem Prozent zutraf.

Kein Wundermittel

Die Ergebnisse lassen zwar noch nicht erwarten, dass die Imker in Zukunft einfach ein wenig Fettsäure auf ihre Waben sprühen müssen, um die Milbenbelastung in den Griff zu kriegen. Aber die ersten praxisnahen Versuche machen Hoffnung, dass daraus ein weiterer wichtiger Baustein im Arsenal der Varroabekämpfung werden könnte. Ein Problem der derzeitigen Bekämpfungsmethoden mit organischen Säuren oder synthetischen Akariziden – Pestiziden gegen Milben – ist, dass man sie zur Hauptvermehrungszeit der Milben im Frühjahr und Frühsommer nicht einsetzen darf, um keine Rückstände im Honig zu riskieren. Die Fettsäuren dagegen, aus denen der Sexualduftstoff besteht, kommen in vielen Lebensmitteln vor. Sie sind für Mensch und Biene unschädlich, und es sind keinerlei Rückstände zu erwarten. "Das wäre eine ideale Ergänzung in unserer Bekämpfungsstrategie", meint Rosenkranz.

Die nächste Herausforderung sieht Rosenkranz, der selbst seit über 30 Jahren imkert, daher in der technischen Umsetzung: "Der Imker kann nicht jede Wabe einzeln einsprühen, wir brauchen ein Verfahren, bei dem der Duft möglichst lange in der Wabe bleibt." Beispielsweise ließe sich die Fettsäure in die Wachsmittelwände eingießen, die der Imker den Bienen als "Baugerüst" für die Waben anbietet. "Wir müssen sehen, ob wir ein derartiges System mit noch etwas höherem Wirkungsgrad und entsprechender Zulassung als Tierarzneimittel realisieren können. Das kann auch locker noch schief gehen", gibt sich Rosenkranz realistisch und ergänzt: "Bevor wir die Methode wirklich den Imkern in die Hand geben können, vergehen noch mal ein paar Jahre." Immerhin: Falls es nicht schiefgeht, so haben sich die Forscher das Verfahren schon patentieren lassen und suchen nun nach einem Firmenpartner für die weitere technische Ausarbeitung.

Denn auch über 30 Jahre, nachdem die Varroamilbe ihren Weg von der asiatischen zur europäischen Honigbiene gefunden hat, bleibt das Problem akut. Diesen Winter befürchtet die Imkerschaft immense Verluste: Die milden Temperaturen schon früh im Jahr gaben der Entwicklung der Milben einen Schub, während der eher feuchte und kühle Sommer die Behandlung der Völker behinderte. Der Ausblick für 2015 scheint daher düster.