Einige Evolutionsbiologen vermuten, dass der frühe Verlust eines Elternteils sich auf die Geschwindigkeit der sexuellen Entwicklung der Kinder auswirkt. Die Theorie dahinter beruht auf der evolutionsbiologischen Idee der "adaptiven Antwort" von biologischen Individuen auf Herausforderungen der Umwelt: etwa dem Wachstum eines dicken Fells bei einem heranwachsenden Affen, der in der Kindheit größerer Kälte ausgesetzt ist. Analog könnte der Verlust des Vaters beim kleinen Menschen besonders herausfordernde Umweltbedingungen anzeigen, die es biologisch sinnvoll erscheinen lassen, möglichst rasch groß zu werden und sich selbst fortzupflanzen (bevor es vielleicht zu spät ist). Ein Mädchen würde also als "adaptive Antwort" sexuell früher reif und reproduktionsfähig. Einige Biologen halten diese Idee für arg theoretisch, manche schlicht für Quatsch. Peeter Horak und Markus Valge von der Universität Tartu in Estland haben daher nun nach Belegen gesucht, um die Hypothese zu stützen oder zu stürzen.

Sie durchforsteten zu diesem Zweck einen einzigartigen Datenschatz, den der Evolutionsbiologe Juhan Aul in Estland seit den 1930er Jahren angelegt hatte: Rund 50 000 Menschen und ihre Lebensdaten sind hier über Jahrzehnte dokumentiert. Horak und Valge interessierten sich darin besonders für junge Mädchen, deren Vater im Zweiten Weltkrieg starb, sowie deren Altersgenossinnen ohne dieses Schicksal. So konnten sie am Ende an 1678 Einzelfällen auswerten, wann die Mädchen später selbst ihr erstes Kind und wie viel Nachwuchs sie insgesamt bekommen hatten. Zudem ließ sich abschätzen, ob die Frauen etwa aus Familien stammten, die ohnehin genetisch bedingt besonders kinderreich sind. Auch andere Effekte, die sich auf die Fruchtbarkeit auswirken – eine schlechtere Ernährung, andere Gewalteinflüsse oder traumatische Erlebnisse neben dem Tod des Vaters –, ließen sich an den Daten oft erkennen: Sie führten im Zweifel dazu, die Betroffenen nicht in die Auswertung einzubeziehen.

Am Ende steht ein eindeutiges Ergebnis: Die Daten zeigen keinen statistisch relevanten Unterschied zwischen Mädchen mit und ohne Vater. Demzufolge stimmt die Ausgangshypothese der evolutionsbiologisch getrieben frühreifen vaterlosen Mädchen also nicht. Rein rechnerisch hatten die Halbwaisen am Ende sogar weniger Kinder (1,43 statt 1,73 wie der Durchschnitt). Natürlich kann dies allerlei Gründe haben, die in den Ausgangsdaten nicht zu finden sind, geben die Forscher zu bedenken. Ausgeschlossen sei aber zum Beispiel, dass die vaterlosen Kinder generell schlechtere Bedingungen zu erleiden hatten, die dann den Effekt mehr als ausgeglichen haben – etwa eine Mangelernährung. Dies hätte sich zum Beispiel auch auf den Wuchs und das Gewicht der Mädchen ausgewirkt, was anhand der Daten aber nicht nachzuvollziehen ist. Ein Evolutionsprozess sei jedenfalls nicht am Werk, schlussfolgern die Wissenschaftler – oder zumindest nicht ganz so einfach zu beobachten.