News | 19.02.2007 | Drucken | Teilen

Metallurgie

Vergebliche Schatzsuche

Die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus entfachte in Spanien den Hunger nach Gold und Silber aus der Neuen Welt. Doch die erste Siedlung in der Karibik brachte dem italienischen Eroberer nur wenig Ruhm.
Bleierz
© James Quine
Fahrt des Kolumbus 1494
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Als der Seefahrer Christoforo Colombo im Frühjahr des Jahres 1493 in Spanien eintraf, wurde er bejubelt und gefeiert. Knapp zehn Montane zuvor war der Italiener im Auftrag der spanischen Krone aufgebrochen, eine Westroute nach Indien aufzutun, um den Engpass an kostbaren Gewürzen zu beheben. Nun stand er vor dem Thron, im Gepäck nicht nur Geschichten von den wundersamen Begegnungen mit den Eingeborenen der fremdländischen Inseln, die er entdeckt hatte, sondern auch mit einigen Stücken Gold aus deren Besitz.

Die Funde des raren Edelmetalls elektrisierten ihn ebenso wie das Königspaar Ferdinand und Isabela, die in ständigen kostspieligen Kriegsstreitigkeiten standen, und schon wenige Monate später stach Kolumbus mit 1500 Mann und insgesamt 17 Schiffen erneut in See, um neben dem Seeweg nach Asien auch die ungezählten Reichtümer des vermeintlichen Indiens für die spanische Krone zu sichern.

Hartes Leben in der Neuen Welt

Grabungsstätte La Isabela auf der Insel Hispaniola
© James Quine
 Bild vergrößernGrabungsstätte La Isabela auf der Insel Hispaniola
Im November 1494 erreichte Kolumbus mit seiner Flotte Hispaniola, die zweitgrößte der Westindischen Inseln, deren größter Teil heute zur Dominikanischen Republik gehört. Schon auf der ersten Reise hatte er hier Halt gemacht und einen Teil seiner Leute in einem Fort angesiedelt. Doch von den Spaniern fehlte nun jede Spur. Sie waren blutigen Kämpfen mit dem einheimischen Volk der Taíno zum Opfer gefallen. Kolumbus jedoch gründete sogleich eine neue Siedlung: La Isabela, die erste Goldgräberstadt Amerikas.

Der Abbau von Gold und Silber gestaltete sich allerdings beschwerlich. Die Erze in der Nähe der jungen Stadt waren wenig ergiebig, ständig gab es Konflikte mit den Taínos, die sich der brutalen Gewaltherrschaft der Spanier nicht fügen wollten. Hurrikane, Hunger und Krankheiten taten ihr Übriges. 1496 musste sich Kolumbus in Spanien für seine Misserfolge vor der Krone verantworten, zwei Jahre später war La Isabela verwaist, die Eroberer weiter nach Süden abgewandert.

Die Überreste der ersten Besiedelung jedoch waren wahre Fundgruben für spätere Archäologen. In den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts bargen sie die Ruinen des königlichen Speichers – einer geschützten Anlage, die zur Sicherung wertvoller Besitztümer errichtet worden war. Hier fanden sich knapp sechzig Schmelztiegel und flüssiges Quecksilber. In der Nähe eines kleinen Brennofens entdeckten die Archäologen zudem 90 Kilogramm Bleierz und über 200 Kilogramm Metallschlacken. Hatten die Spanier hier also doch die begehrten Edelmetalle entdeckt?

Blei-Silikat-Schlacke von La Isabela
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Ein Forscherteam um Alyson Thibodeau von der Universität von Arizona hat diese Frage nun beantwortet – dank einer Untersuchung der Schlacken und Erze mit modernstem Gerät. So ergab eine Elektronen-Mikrosondenuntersuchung, dass die Bleierze wirklich hohe Mengen an Silber enthielten. Doch anscheinend hatten die Siedler einige Mühen, das Silber aus den Erzen heraus zu bekommen. Denn der Großteil der Schlacken war dichtes, schwarzes Glas aus einem Blei-Silikat-Gemisch. Ein Blick unter das Elektronenmikroskop zeigte chemisch veränderte Überreste von Quarzkristallen, die durch Hitze zerstört worden waren. Zudem fanden sich komplexe Einschlüsse von Blei, Bleioxid und Silber.

Antike Verfahren für die Gier nach Edelmetall

Die Einwohner von La Isabela, schließen Thibodeau und ihre Kollegen hieraus, hatten anscheinend versucht, das Silber mittels Kupellation aus den Bleierzen zu gewinnen. Bei diesem schon seit der Antike üblichen Verfahren wurde das Bleierz zu Blei reduziert, indem man die Erze zerstieß und sie auf ein Lagerfeuer warf. Im Erz enthaltener Schwefel verflog als Schwefeldioxid, und jegliche Silbervorkommen verbanden sich mit dem Blei. Dieses Bleigemisch wurde dann anschließend in einem Holzkohlenfeuer geschmolzen und mit Hilfe von Blasebälgen oxidiert. Das flüssige Bleioxid kam in einen Trichter, der üblicherweise mit Knochenasche ausgelegt war. In dieser Kupelle wurde das Bleioxid dank einer veränderten Oberflächenspannung schnell von der Asche aufgesaugt. Das Silber jedoch, das anders als unedle Metalle nur sehr schwer oxidiert, blieb in Form kleiner Perlen übrig.

Silberhaltiges Bleierz und bearbeitetes Blei
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In La Isabela jedoch hatten die Exil-Spanier anscheinend keine Asche verwendet, um das Bleioxid aufzusaugen, sondern den Sand der Inselstrände. Und dieser enthielt hohe Quarzanteile, die bei Hitze mit dem Bleioxid reagierten. Die angehenden Metallurgen hatten bei der Gewinnung des Edelmetalls wichtige chemische Grundregeln nicht beachtet – und so das ersehnte Silber eingesperrt, statt es zu fördern. Die Extraktion des Edlemetalls war gescheitert. Doch wäre die Spanische Krone wirklich so dumm gewesen, unwissenden Siedlern die Aufgabe der Silbergewinnung zu übertragen? Die Forscher bezweifelten dies und untersuchten die Bleierze mittels einer Isotopen-Analyse auf ihre Herkunft – mit überraschendem Ergebnis.

Erze aus der Heimat

Denn die Erze stammten gar nicht von der karibischen Insel. Ihre Zusammensetzung passte zu keinem der Erzvorkommen, die dort registriert wurden. Auf der Suche nach der Herkunft der Steine wurden die Forscher erst in Spanien fündig – in Erzfeldern nahe Cadíz. Sie waren den ganzen langen Weg im Bauch der spanischen Schiffe nach Hispaniola gebracht worden – wahrscheinlich als Reagens zur Gewinnung des ersehnten Silbers. Denn es wäre sicherlich äußerst frustierend gewesen, wenn man in der Neuen Welt zwar Silbervorkommen gefunden hätte, nicht aber die Bleierze, die für die Kupellation benötigt wurden.

Als jedoch in La Isabella keine Edelmetalle gefunden wurden, zogen die meisten der Einwohner nach Süden, wo sie neue Städte gründeten. Unter den Zurückgebliebenen nahmen schießlich die Konflikte zu, vermuten die Forscher: Probleme mit Meutereien sind überliefert. Gegen Ende der Ära von La Isabela muss ein kleiner Trupp Abtrünniger in der verlassenen Stadt noch einmal sein Glück versucht haben. Doch die Männer wussten nicht, wie genau die Kupellation funktioniert, statt des erhofften Silbers erhielten sie unförmige Glasschlacken. Irgendwann gaben sie auf.

Und auch Kolumbus hatte längst bessere Schatzsucher gefunden: die Einheimischen. Mit äußerster Brutalität zwang er die von ihm versklavten Taíno zu einer regelmäßigen Goldabgabe. Wer nicht lieferte, wurde ermordet.
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