Am Ende waren alle zufrieden: Die Franzosen waren zufrieden, dass auch die nächste europäische Rakete wieder unter französischer Führung gebaut wird. Die Italiener waren zufrieden, dass dabei ihre hauseigenen Feststoffantriebe zum Einsatz kommen werden. Und die Deutschen waren zufrieden, dass sie künftig nicht nur in Bremen, Ottobrunn sowie Lampoldshausen Raketenbauteile testen und entwickeln dürfen, sondern künftig auch in Augsburg.

Also alles perfekt? Mitnichten.

Alexander Stirn
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Der Kompromiss zum Bau der nächsten europäischen Rakete, zu dem sich die Minister der 20 Mitgliedsstaaten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA am Dienstag (02. Dezember 2014) in Luxemburg durchringen konnten, zeigt vielmehr: Europas Raumfahrt ist nach wie vor gefangen in einem nationalen Standortdenken, in einer Kirchturmpolitik, die kaum über die Arbeitsplätze in den eigenen Raumfahrtbetrieben hinausgeht.

Für die Zukunft verheißt das nichts Gutes, schließlich ist das Raketengeschäft weltweit im Umbruch. Vor allem das amerikanische Unternehmen SpaceX mischt derzeit, gefördert von großzügigen Aufträgen der US-Raumfahrtbehörde NASA, den Weltmarkt auf. Mit den Kampfpreisen und der einfachen Technik von SpaceX kann die riesige Ariane 5, deren Ursprünge bis ins Jahr 1985 zurückreichen, nicht mithalten.

Die ESA hat immerhin erkannt, dass sie handeln muss. Dass es gilt, die Herausforderung durch die globale Konkurrenz technisch und wirtschaftlich zu kontern. Beides macht Europa allerdings nur halbherzig. Sicherlich: Die Ariane 6, sollte sie im Jahr 2020 tatsächlich erstmals abheben, ist technisch eine solide Rakete. Einen Innovationspreis wird sie allerdings nie gewinnen. Dafür sorgt schon allein die Tatsache, dass ihre zentralen Komponenten von existierenden oder bereits geplanten Raketen stammen – die bisherigen industriellen Strukturen in den europäischen Ländern und die damit verbundenen Arbeitsplätze müssen laut ESA-Logik schließlich erhalten bleiben.

Und wo doch einmal modernere Ideen Einzug halten, zum Beispiel bei der von Deutschland vorangetriebenen Kohlefasertechnologie für die Feststoffraketen, geschieht dies meist aus einem simplen Grund: Das im eigenen Land vorhandene Knowhow soll vorangetrieben werden. Wirkliche Technologiesprünge wie Hybridtriebwerke, die sowohl mit der Luft der Atmosphäre als auch mit flüssigem Sauerstoff arbeiten können, oder wiederverwendbare Komponenten sucht man bei der Ariane 6 vergebens. Derweil demonstriert SpaceX ein ums andere Mal, wie eine ausgebrannte Raketenstufe kontrolliert zum Erdboden zurückfliegen kann – in der Hoffnung, mit ihr künftig erneut ins All starten zu können.

Auch wirtschaftlich steht die Entscheidung von Luxemburg für ein hasenfüßiges "Weiter so": Eines der Grundprobleme des europäischen Raketengeschäfts ist das Prinzip des so genannten Georeturns. Jedes Land soll demnach mindestens so viele Industrieaufträge erhalten, wie es zuvor an Beiträgen für die jeweiligen ESA-Programme gezahlt hat. Im Fall der Ariane führt das dazu, dass der Bau der Raketen – ähnlich wie beim Flugzeughersteller Airbus – über halb Europa verteilt ist. Das ist schön für die einzelnen Länder, unterm Strich wird es aber teuer und ineffizient.

Start einer Ariane-Rakete
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Sie ist der Lastesel der europäischen Raumfahrt – doch ihre Zukunft ist ungewiss: Eine Ariane-Rakete hebt vom europäischen Raumfahrtbahnhof in Kourou in Französisch-Guayana ab.

Im Vorfeld des Ministertreffens ist daher intensiv diskutiert worden, wie diese Arbeitsteilung mit Hilfe der Industrie vereinfacht werden kann. Selbst von Festpreisen war die Rede. Statt jede Schraube einzeln in Rechnung zu stellen, sollten die künftigen Ariane-6-Konstrukteure pro Start einen festen Betrag erhalten – und somit das Risiko von Preissteigerungen, Problemen und Verzögerungen selbst tragen. Doch während in Luxemburg beherzt darüber diskutiert wurde, wer für den Beton der neuen Startrampe in Französisch-Guayana zahlen soll und in welchem Land künftig eine Tankfabrik stehen könnte, tauchten die grundsätzlichen Fragen nur am Rande auf. So sprachen sich die ESA-Staaten in einer Resolution lediglich dafür aus, bis zum Jahr 2016 eine Rahmenvereinbarung zu dieser Problematik zu entwerfen. 2018 könnte der Vertrag dann gemeinsam mit der Industrie unterzeichnet werden – zehn Jahre nach den ersten Ideen für eine neue Ariane.

Wenn jemand mit den Ergebnissen aus Luxemburg zufrieden sein kann, dann eine Firma wie SpaceX, die in solchen Zeiträumen gleich mehrere Generationen von Raketen zur Marktreife bringt. Sie muss auf absehbare Zeit keine Angst vor der Konkurrenz aus Europa haben.