Ständige Müdigkeit und unbeherrschbare Schlafattacken mit plötzlich auftretenden Muskellähmungen (Kataplexien) – das sind die typischen Symptome der rätselhaften Schlafkrankheit Narkolepsie, von der nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin allein in Deutschland etwa 40 000 Menschen betroffen sind. Je nach Schweregrad kann sie zur Arbeitsunfähigkeit oder gar zur Frühverrentung der Betroffenen führen. Die Ursachen des seltenen, meist lebenslangen Schlafzwanges sind unklar.

Ein internationales Team von Neurowissenschaftlern um Chiara Tesoriero vom Karolinska-Institut in Stockholm bringt die Schlafkrankheit mit der so genannten Schweinegrippe in Zusammenhang. Die charakteristischen Schlafstörungen werden zumindest bei immungeschwächten Mäusen, denen B- und T-Zellen aufgrund einer gentechnischen Veränderung fehlen, durch eine Infektion bestimmter Hirnregionen mit H1N1-Viren ausgelöst, erklären die Forscher. Ihre Ergebnisse könnten vielleicht auch die mysteriöse Häufung von Narkolepsiefällen infolge der Schweinegrippepandemie in den Jahren 2009 und 2010 erklären. Bisher stand der damals weltweit millionenfach verabreichte Teilpartikelimpfstoff Pandemrix in Verdacht. Doch möglicherweise wurde die Schlafkrankheit durch das Virus selbst ausgelöst.

Für ihre Studie infizierten die Wissenschaftler Mäuse über Nasensprays mit H1N1-Viren und zeichneten die Hirnströme und Körperbewegungen der Nager auf. Nach einer Latenzzeit von drei bis vier Wochen zeigten fast alle Versuchstiere gravierende Schlafstörungen. Ähnlich wie bei einer manifesten Narkolepsie wechselten bei ihnen Wach- und Tiefschlafphasen in schneller Folge. Zusätzlich traten so genannte SOREMP-Episoden auf. Darunter verstehen Schlafmediziner vorzeitig auftretende REM-Schlafphasen. Deren Auftreten ist für die Schlafkrankheit typisch und gilt daher als sicheres diagnostisches Kriterium. Um auszuschließen, dass die Schlafstörungen lediglich Folge der Atemwegsinfektion sind, warteten die Forscher mit ihren Messungen, bis die Grippesymptome abgeklungen waren und sich in den Atemwegen der Mäuse keine Grippeviren mehr nachweisen ließen. Zudem hatten sie das Immunsystem der Tiere durch Genmanipulation so verändert, dass durch das Fehlen einer Abwehrreaktion gegen die Krankheitserreger auch die Auswirkung einer auf das Gehirn übergreifenden Influenzainfektion untersucht werden konnte.

Um einen kausalen Zusammenhang zwischen Virusinfektion und Narkolepsie zu belegen, verfolgten die Wissenschaftler die Ausbreitung der Viren in Hirnschnitten der Tiere mit Hilfe fluoreszierender Antikörper. Die Infektion breitete sich entlang der Riechnerven aufsteigend über die Hirnnervenkerne bis zum Hypothalamus aus. Interessanterweise blieb die Infektion auf spezielle Neuronenpopulationen beschränkt, die bekanntermaßen an der Schlafregulation beteiligt sind, erklären die Forscher. Fast alle Nervenzellen, in denen sich die Grippeviren nachweisen ließen, produzieren die Schlafhormone Hypocretin/Orexin. Deren starker Einfluss auf das Schlaf-wach-Verhalten war bereits in früheren Studien nachgewiesen worden. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Funktion dieser Neurone durch die viralen Proteine nachhaltig gestört wird.

Die Narkolepsiefälle nach der Grippepandemie waren bisher vielfach durch so genannte molekulare Mimikry erklärt worden. Dabei geht man davon aus, dass bei Menschen mit einer speziellen genetischen Veranlagung in dem Grippeimpfstoff Pandemrix enthaltene Virenproteine mit dem Neurotransmitter Hypocretin verwechselt werden. Aber schon damals kamen Zweifel an dieser Hypothese auf, denn es war auch in solchen Ländern zu einem vermehrten Auftreten von Narkolepsie gekommen, die auf die Impfung gegen die Schweinegrippe komplett verzichtet hatten. Der Zusammenhang zwischen einer Infektion mit dem H1N1-Virus und der Schlafkrankheit lässt sich wegen der langen Latenzzeit meist nur schwer herstellen. Zwischen der Infektion und der Narkolepsie vergehen mehrere Wochen. Zudem treten auch nicht bei allen Menschen, die sich mit dem Influenzavirus infizieren, die klassischen Symptome auf. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts hat vermutlich ein Drittel der Betroffenen sogar gar keine Beschwerden, trotzdem können sie andere anstecken. Dann kommt die Narkolepsie scheinbar aus dem Nichts, erklären die Forscher.