Christoph Simon
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Wie kommt es, dass wir Menschen auf einmal neu auf Moleküle in unserem Umfeld allergisch reagieren?

Christoph Simon: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Entweder wir werden mit tatsächlich neuen Allergenen konfrontiert, mit denen wir bisher noch keinen Kontakt hatten. Oder wir reagieren empfindlicher auf Allergene, die schon immer da waren, weil wir bestimmten belastenden Kofaktoren ausgesetzt sind.

Wo begegnen uns denn neue Allergene?

Simon: Viele neue Allergien kommen aus dem Nahrungsmittelbereich. Denn in einer globalisierten Welt steht uns einfach eine viel größere Vielfalt zur Verfügung. Die Nahrungsgewohnheiten ändern sich, und so gibt es beispielsweise auf einmal Allergien gegen den Viktoriabarsch. Den kannte bis vor Kurzem noch keiner, aber nun taucht er plötzlich als Delikatesse auf den Speisekarten teurer Restaurants auf.

Welche Beispiele aus dem Nahrungsmittelbereich gibt es noch?

Simon: Soja ist ebenfalls so ein Thema. Soja gilt im Dunstkreis von Fitness und Wellness als ein ausgesprochen gesundes Nahrungsmittel. Doch kaum einer weiß, dass manche Birkenpollenallergiker auch auf bestimmte Sojaeiweiße reagieren, weil sich gewisse Moleküle der beiden Pflanzen von der Struktur her sehr ähnlich sind. Ohne es zu wissen, besteht für den Allergiker in diesem Fall bereits beim ersten Schluck oder Bissen eines Sojaproduktes die Gefahr eines schwersten allergischen Schocks.

Uta Jappe
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Uta Jappe: Ein anderes Beispiel sind tropische Früchte. Als seinerzeit die Kiwi bei uns neu eingeführt wurde, gab es kurz darauf die ersten Allergien dagegen. Heute beobachten wir allergische Reaktionen gegen die Drachenfrucht oder in leicht zunehmendem Maße auch gegen die Litschi. Mir ist aus Bochum der Fall eines 37-Jährigen bekannt, der nach dem Trinken eines Apfelsaftes einen anaphylaktischen Schock bekam. Wie sich herausstellte, enthielt das Getränk auch den Saft der tropischen Acerolakirsche. Auf diese reagierte der Mann, der eine Latexallergie hatte, aufgrund einer Kreuzallergie zwischen Acerola und Latex ebenfalls heftig. In den geschilderten Fällen ist die Allergenquelle ja an sich nicht neu. Sie wird vielmehr von einer neuen – bisher dem Allergen nicht ausgesetzten – Menschengruppe genossen oder tritt in einer neuen Region auf. Das Immunsystem kann darauf reagieren und eine Allergie dagegen entwickeln.

So wie bei der gefürchteten Ambrosia-Pflanze?

Simon: Genau. Vor 20 bis 30 Jahren kam diese Pflanze, deren Pollen hochallergen sind, nur im Mittelmeerbereich vor. Doch auf Grund der Klimaveränderungen ist die Ambrosia auch jenseits der Alpen eingewandert und wächst nun ebenso in Österreich und Deutschland. Im Rahmen des Leipziger LIFE Forschungszentrums für Zivilisationskrankheiten haben wir in Sachsen eine deutlich Zunahme von Patienten festgestellt, die auf Ambrosia reagieren.

Wenn man liest: "Neues Allergen der Hausstaubmilbe oder der Erdnuss entdeckt", welche Bedeutung und Auswirkungen auf die Allergiker haben diese "neuen Allergene"?

Jappe: In der Tat taucht die Wendung "neue Allergene" auch noch in einem anderen Zusammenhang auf. Unsere Arbeitsgruppe in Borstel verfolgt wie andere Teams das Ziel, mit molekularbiologischen Methoden alle einzelnen allergenen Komponenten einer bekannten Allergenquelle zu identifizieren. So haben wir gerade im letzten Jahr zwei neue Allergene der Erdnuss beschrieben. Durch dieses neue Wissen können wir unter anderem die Diagnostik verbessern. Außerdem gibt es zum Beispiel bei der Erdnuss Hinweise dafür, dass bestimmte einzelne Allergene besonders schwere Symptome beim Allergiker auslösen.

Aber jede Erdnuss wird doch die gleichen Bestandteile enthalten?

Jappe: Nein. Je nach Erdnusssorte findet man einen unterschiedlichen Allergenreichtum. Eine Sorte aus Bali etwa enthält deutlich geringere Mengen eines Allergens als andere Erdnüsse. Man kann nicht ausschließen, dass das für den ein oder anderen Betroffenen eine Rolle spielt.

Was ist dran an dem Volksglauben: Je "fremder" ein Nahrungsmittel, Pflanzenpollen oder ähnliches sind, desto wahrscheinlicher reagiert der Körper allergisch darauf?

Simon: Mit fremd hat das nichts zu tun. Ausschlaggebend ist eher etwa anderes: Je mehr man von neuen Proteinen umgeben ist, desto höher ist einfach die Wahrscheinlichkeit, dass ein oder zwei darunter sind, die eine Allergie auslösen. Aber die Vielfalt auf dem Speisezettel ist ein Zugewinn an Lebensqualität und ich bin bestimmt nicht derjenige, der fordert: zurück zu Kartoffeln und Quark.

Einmal angenommen, ein Mensch kommt zu Ihnen in die Sprechstunde und klagt über allergische Beschwerden, kann aber nicht genau angeben, woher die Symptome rühren könnten. Wie gehen Sie vor?

Jappe: Am Anfang müssen wir durch Befragung herausfinden, zu welcher Zeit, draußen oder drinnen, die Person möglicherweise welche Allergene zu sich genommen hat. Das ist eine Detektivarbeit. Hat das zu einem Verdacht geführt, kann mit diagnostischen Tests der Kreis möglicher Kandidaten weiter eingeengt werden.

Und wenn das auslösende Allergen noch gar nicht als Test verfügbar ist, weil es eben ein neues, bisher unbekanntes Molekül ist?

Jappe: Dann bitten wir den Patienten, den verdächtigten Auslöser, etwa eine tropische Frucht mitzubringen und machen damit direkt einen Hauttest. Wenn er reagiert, stellen wir einen Extrakt der Frucht her, trennen diesen mit Hilfe molekularbiologischer Methoden auf und können schließlich über ein Verfahren, das sich "Western Blot" nennt, IgE-Antikörper gegen die Bestandteile der Frucht nachweisen, so sie denn vorhanden sind.

Haben Sie auf diese Weise schon einmal neue Allergene identifiziert?

Jappe: Schon mehrfach. Eine Patientin etwa reagierte schwer allergisch auf ein verzehrtes Nusshörnchen. Wir hatten zuerst die Nüsse im Verdacht. Doch der Auslöser war das Lupinenmehl, das Weizenmehl hin und wieder zugesetzt wird. Das war bis vor wenigen Jahren in Deutschland noch gar nicht bekannt. Die Patienten reagierte auf Bestandteile der Lupine in dem Hörnchen. Und für uns war dies der Anstoß für eine Studie, um einzelne "neue" Allergene der Lupine zu identifizieren.

Herr Simon, Sie sprachen eingangs davon, die Ursachen von neuen Allergien könnten auch an einer erhöhten Empfindlichkeit beziehungsweise am Auftreten von Kofaktoren liegen, die diese Empfindlichkeit steigern. Welche Faktoren sind hier gemeint?

Simon: Ein wichtiger Punkt ist sicherlich, dass wir auf Grund unseres Lebensstils nicht mehr so viel draußen sind, sondern uns häufig in Räumen aufhalten. Wir untersuchen daher ob bestimmte Innenraumschadstoffe Allergien begünstigen können. Ein Beispiel: Die Belastung mit Schimmelpilzen hat in den Innenräumen als negative Folge der energieeffizienten Bauweise in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen. In Kooperation mit dem Leipziger Helmholtzzentrum für Umweltforschung haben wir herausgefunden, dass bestimmte Bestandteile des Schimmels die Bereitschaft des Immunsystems deutlich erhöhen, allergisch zu reagieren. Das gleiche gilt für die so genannten flüchtigen – volatilen – organischen Verbindungen (VOCs), die von einigen Fußbodenmaterialien oder Farben ausgedünstet werden.

Welche Möglichkeiten gibt es, entgegenzuwirken, so dass das Spektrum an Molekülen, auf das ein Allergiker bereits reagiert, nicht größer wird?

Jappe: Nicht jeder Pollenallergiker reagiert zum Beispiel auf mögliche Kreuzallergene in Nahrungsmitteln. Es kann sein, dass die Betroffenen jahrelang nichts bemerken und auf einmal heftig auf etwa Kern- oder Steinobst ansprechen. Welche Faktoren nun fördern, dass sich die Kreuzallergie in Form von Symptomen äußert, wissen wir noch nicht. Man kann aber mit Hilfe einer Hyposensibilisierung, die sich gegen die Pollenallergie richtet, auch die Nahrungsmittelallergie, die sich bereits oder noch nicht eingestellt hat, positiv beeinflussen.

Simon: Wir koordinieren hier in Leipzig eine große deutschlandweite Studie, um die Frage zu beantworten, ob eine Hyposensibilisierung die Kreuzallergie zwischen Birkenpollen und Soja beeinflusst. Betroffene können sich in diesem Jahr noch gerne an uns wenden. Unsere Idee dabei ist: Wenn wir das Immunsystem durch eine Hyposensibilisierung umtrainieren, reagiert es nicht mehr allergisch gegen die Birkenpollen. Aber ebenso auch nicht mehr auf die Sojaeiweiße, so dass die Betroffenen nicht mehr auf Soja in der Nahrung verzichten müssen.

Wäre es auch eine Möglichkeit, zum Beispiel gentechnisch veränderte Nahrungsmittel zu züchten, die keine Allergene enthalten oder zumindest allergenarm sind?

Jappe: Das bezweifle ich. Selbst wenn man eines Tages alle Allergene eines Nahrungsmittels kennen würde, wäre es wohl kaum möglich, allergenfreie Pflanzen zu züchten. Diese Moleküle sind ja oftmals Stoffe, ohne die die Pflanze gar nicht überleben kann. Die beiden Allergene der Erdnuss, die wir gerade neu entdeckt haben, sind so genannte antimikrobielle Peptide, mit denen sich die Pflanze vor Infektionen schützt. Was passieren würde, wenn der Erdnuss diese und andere Allergene fehlen, kann keiner vorhersagen.

Frau Jappe, Herr Simon, vielen Dank für das Gespräch.