"Abnehmen ist doch ganz einfach: weniger essen – mehr bewegen!" Diese Auffassung vertreten viele Normalgewichtige, wenn es um Diäten geht – schließlich wird es sogar in etablierten Abnehmprogrammen so beworben. Wer da nicht mithalten kann, gilt schnell als verfressen, faul oder unmotiviert. Laut einer Befragung der Universität Marburg aus dem Jahr 2008 glauben 85 Prozent der Deutschen, zu viele Pfunde auf den Rippen seien selbst verschuldet. Dabei weiß man inzwischen, dass die Gene bis zu 80 Prozent an der Entstehung von Übergewicht beteiligt sein können, ebenso wie nur schwer zu beeinflussende Umweltfaktoren wie der Wohnort, die Bildung der Eltern, die kulturelle Verwurzelung oder auch der allzu leichte Zugang zu Nahrungsmitteln in westlichen Überflussgesellschaften.

Doch die weit verbreitete Annahme, Menschen mit mehr Hüftspeck seien schlichtweg disziplinlos, hat Folgen: Übergewicht wird dadurch stigmatisiert. Laut der Marburger Studie haben rund 23 Prozent der Bevölkerung Vorurteile gegenüber Übergewichtigen, 55 Prozent sind sich nicht sicher, ob die Stereotype zutreffen, und nur 22 Prozent begegnen ihnen vorbehaltlos.

Schon in der Schule sind mollige Kinder ungeliebte Kameraden und werden gehänselt. In einer US-Studie gaben 64 Prozent der befragten 14- bis 18-Jährigen an, in der Schule gemobbt zu werden. Je höher das Gewicht war, desto häufiger wurden sie Mobbingopfer. Übergewichtige erhalten auch weniger Unterstützung durch Eltern und Lehrer dabei, höhere Bildungswege einzuschlagen. Das betrifft vor allem Mädchen. Bei der Ausbildungsplatzsuche sinken die Chancen ebenfalls, wenn sich die Pfunde auf den Hüften sammeln.

Dieser Trend setzt sich auch später im Leben fort: Personaler laden Menschen mit Übergewicht seltener zu Vorstellungsgesprächen ein – und wenn doch, bekommen beleibte Männer und Frauen trotzdem seltener die ausgeschriebene Stelle. Auch bei Beförderungen werden sie häufig übergangen und sind die Ersten, wenn es um betriebsbedingte Kündigungen geht. Vor allem Frauen bekommen unliebsamere Tätigkeiten zugeteilt und verdienen weniger. Ärzte halten Übergewichtige für unkooperativ und wenig reinlich. Sie wenden weniger Zeit für die Behandlung der Betroffenen auf, und bestimmte Untersuchungen werden seltener durchgeführt. Gerne geben Ärzte ungefragt Diättipps.

Kein Glück in der Liebe

Rundliche Frauen sind auch in der Partnerschaft unzufriedener, fühlen sich permanent unter Druck, abzunehmen. Übergewichtige haben es allgemein schwerer, einen Partner zu finden. Bedrückend ist, dass viele Menschen auf soziale Distanz gehen: Laut einer aktuellen Leipziger Studie würden 14 Prozent der Befragten Menschen mit Adipositas (ab einem Body-Mass-Index von 30) nicht ihren Freunden vorstellen, und 13 Prozent hätten etwas dagegen, wenn jemand mit starkem Übergewicht in die Familie einheiratet.

Betroffene berichten auf der Website der "Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung", dass ihnen ihr Fitnessabo gekündigt wurde, weil andere Trainierende ihren Anblick abstoßend fänden. Dazu kommt die Diskriminierung durch ungeeignete Ausstattung, etwa zu kleine Stühle in Restaurants, im öffentlichen Nahverkehr, im Flugzeug. Auch Sportgeräte sind oft nur bis zu einem bestimmten Gewicht belastbar. Ganz zu schweigen von den schiefen Blicken und dem Tuscheln von Passanten. Das geht so weit, dass sich Übergewichtige auch in Abwesenheit von offener Diskriminierung in der Öffentlichkeit beobachtet und beurteilt fühlen.

Teufelskreis
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Wer nicht dem schlanken Schönheitsideal entspricht, wird schneller depressiv – was häufig zu verstärkter Nahrungsaufnahme führt. Ein Grund dafür ist vor allem die gesellschaftliche Stigmatisierung.

So hat eine aktuelle Literaturübersicht mit 46 Studien von Forschern um Claudia Sikorski vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen der Universität Leipzig aufgedeckt: Übergewichtige haben starke Minderwertigkeitsgefühle und ein schlechtes Körpergefühl. Sie verinnerlichen das negative Bild, das sich durch die Stigmatisierung zeigt, als Selbstbild. Und das erhöht die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression oder Angststörung zu erkranken. Menschen mit Adipositas haben ein um etwa 50 Prozent erhöhtes Risiko, eine Depression zu entwickeln – der humorvolle, fröhliche Dicke ist also ein Mythos. Auch ungünstige Bewältigungsstrategien kommen bei ihnen im Vergleich zu Normalgewichtigen deutlich häufiger vor. Studien belegen etwa, dass Übergewichtige, die einem starken sozialen Druck ausgesetzt sind, eher noch mehr essen, Diäten abbrechen und weniger Sport machen.

Eine Zeit lang glaubte man, dass es hilfreich sei, den Betroffenen ins Gewissen zu reden, um ihnen beim Abnehmen zu helfen. Doch der Körper macht dem einen Strich durch die Rechnung: Er reagiert auf chronischen Stress mit einem dauerhaft erhöhten Cortisolspiegel im Blut, was den Appetit stimuliert, Sättigungsmechanismen hemmt und den Fettabbau blockiert. US-Studien zeigen, dass krankhaftes abdominales Übergewicht, also Fettpolster am Bauch, und eine gestörte Glukosetoleranz vor allem bei denjenigen Übergewichtigen vorkommt, die stark diskriminiert werden – und das unabhängig vom BMI. Möglicherweise gehen auch die Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen zum Teil direkt auf das Konto der ablehnenden Haltung gegenüber Menschen jenseits des Schönheitsideals.

"Der Einfluss der Stigmatisierung auf die Gesundheit der Betroffenen ist beunruhigend", schreibt Rebecca Puhl, Psychologin an der Yale University, in einem Review aus dem Jahr 2010. Die Betroffenen ziehen sich zurück, isolieren sich, vereinsamen. Hilfe beim Arzt suchen sie nicht, sie nehmen auch seltener Vorsorgeuntersuchungen wie Krebsscreenings in Anspruch – schließlich haben sie allzu oft schlechte Erfahrungen gemacht. Schon übergewichtige Kinder und Jugendliche scheuen den Gang zum Arzt. Auch sie internalisieren das Fremdbild, leiden unter Depressionen, haben im schlimmsten Fall Todessehnsüchte. Das kann dazu führen, dass die Betroffenen schlechtere Noten mit nach Hause bringen, weniger Sport treiben und die Schule schwänzen. Eva Barlösius, Soziologin an der Universität Hannover, hat in einer Studie im Jahr 2012 aufgedeckt, dass Dicksein in der Pubertät, also in der Zeit, in der Zurückweisung durch das andere Geschlecht als besonders dramatisch empfunden wird, ein erheblich belastendes und prägendes Ereignis darstellt.

Die Diskriminierung nimmt zu

Laut US-Studien ist das Ausmaß der Diskriminierung von 2000 bis 2010 um 66 Prozent gestiegen. Was aber nicht heißt, dass dicke Menschen vor 20 Jahren nicht gemobbt wurden. "Wir können davon ausgehen, dass es die Stigmatisierung schon länger gibt, sie heute aber durch gewisse gesellschaftliche Tendenzen verstärkt wird", sagt Claudia Sikorski. So werde etwa in den letzten zehn Jahren von einer regelrechten "Adipositas-Epidemie" gesprochen, die fast den Eindruck vermittele, dass wir es mit einer ansteckenden Erkrankung zu tun hätten. Auch die Berichte über mögliche Folgeerkrankungen werfen kein gutes Bild auf die Betroffenen. "Da scheint es vielen legitim, von Übergewichtigen zu verlangen, sich angesichts der Sparzwänge im Gesundheitssystem stärker selbst zu beteiligen", so die Leipziger Psychologin.

Doch es gibt auch noch andere gesellschaftliche Strömungen, die es den Übergewichtigen schwer machen. Eva Barlösius spricht von einer "Moralisierung des Essens": "Das Essen ist der Bereich unseres Lebens, der am stärksten normiert ist." Essen werde nicht mehr als etwas Natürliches behandelt, es sei etwas, worüber man ständig reflektieren müsse. Und damit auch über das vermeintlich kontrollierbare Gewicht. So entsteht ein hoher Anspruch an jeden Einzelnen, fit und gesund bis ins hohe Alter zu bleiben. "Abweichungen von der Norm werden weniger akzeptiert und häufiger sanktioniert", erklärt Sikorski.

Die Forscherin glaubt, dass man hier in einem ersten Schritt ansetzen könne, um der Stigmatisierung entgegenzuwirken. So hätten erste experimentelle Studien gezeigt: "Wenn eine schlechte Meinung über Adipöse in der Allgemeinbevölkerung völlig inakzeptabel ist, bessern sich Einstellungen und Meinungen." Dafür bräuchte es beispielsweise eine Gegenbewegung zu dem herrschenden Schlankheitswahn wie die Fat-Acceptance-Bewegung in den USA. Theoretisch sind auch Anti-Stigma-Kampagnen wirksam, das hat sich etwa im Fall von Aids gezeigt. Doch die sind aufwändig und teuer. Der Weg, ein Umdenken zu bewirken, ist in jedem Fall lang. Denn: "Es ist leichter, ein Atom zu zerstören als ein Vorurteil", soll schon Albert Einstein gesagt haben. In der Fachwelt wird auch heftig diskutiert, ob eine Einstufung der Adipositas als Behinderung dabei hilft, der Diskriminierung etwa in der Arbeitswelt Herr zu werden.

In Leipzig verfolgt man einen ganz anderen Ansatz. Claudia Sikorski arbeitet derzeit an einer speziellen Therapie, die den Betroffenen ermöglicht, mit dem Stigma besser umzugehen und sich zu wehren, und die letztlich auch das Abnehmen erleichtert. Erste Ansätze gibt es bereits im Therapiekonzept der Leipziger Adipositas-Ambulanz: "Wichtig ist, dass adipöse Menschen lernen, ihren Körper so zu akzeptieren, wie er ist, und negative Gedankenschleifen loszuwerden", sagt die Psychologin Anja Hilbert. Spiegelübungen und kognitive Verhaltenstherapie helfen dabei und stärken das Selbstwertgefühl. "Dadurch gewinnen die Patienten eher die Kraft, ihr Essverhalten zu kontrollieren", sagt Hilbert. Ein solches Coaching-Programm ist bereits für die Essanfallstörung, auch "Binge-Eating-Störung" genannt, evaluiert: 60 Prozent der Patienten sind langfristig völlig symptomfrei.