Der Nachwuchs des Grauen Tropfenflügeltyrannen (Laniocera hypopyrra) hat eine ungewöhnliche Strategie, nicht von Raubtieren gefressen zu werden: Die Küken des Vogels aus dem Amazonasbecken tarnen sich in ihrer frühesten Lebensphase als giftige Raupe. Zu diesem Schluss kommt ein Team um Gustavo Londoño von der University of California nach ausführlichen Beobachtungen in freier Wildbahn. Als Vorbild identifizierten sie die Raupe einer bisher noch nicht benannten Insektenspezies, deren Haare einen unangenehm reizenden Giftstoff tragen. Die Raupen leben in der Nähe des Nestes und sind leuchtend orange gefärbt. Die Tarnung des Vogelbabys reicht so weit, dass es sich der gleichen kriechenden Bewegungen befleißigt wie die Raupen selbst.

Um die Tarnung zu perfektionieren, bewegt sich der Nachwuchs der Vögel auch kriechend wie eine Raupe fort.
© Santiago David-Rivera
(Ausschnitt)
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Um die Tarnung zu perfektionieren, bewegt sich der Nachwuchs der Vögel auch kriechend wie eine Raupe fort.

Wie das Team um Londoño feststellte, sind die Küken in ihrer Regenwaldheimat einem erheblichen Jagddruck ausgesetzt – etwa 80 Prozent von ihnen werden von Nesträubern gefressen. Unter diesen Bedingungen greift das Tier zu einem extremen Mittel, das bei Vögeln bisher nicht beobachtet wurde. Den Trick, sich als ein anderes, gefährliches oder ungenießbares Tier quasi zu verkleiden, bezeichnet man als batessche Mimikry – man kennt ihn zum Beispiel von Fliegen, die das schwarz-gelbe Streifenmuster von Wespen übernehmen. Die Forscher stießen auf die ungewöhnliche Methode, weil sie sich darüber wunderten, dass die verwundbaren Jungtiere so grell gefärbt sind, obwohl man erwarten würde, dass sie sich möglichst unauffällig verhalten, um nicht gefressen zu werden. Die Erwachsenen sind dagegen sehr dezent grau gefärbt.