Emotionale Worte, etwas anderes fiel einem ansonsten wohl eher sachlich-nüchtern argumentierendem Forscher nicht mehr ein, als er an den Ort des Geschehens gelangte. "Ich habe noch nie zuvor so etwas Ehrfurcht gebietendes gesehen. Wir flogen die Bruchlinie entlang und beobachteten das gigantische Ausmaß der Bewegung weg von dem Spalt. Riesige, hausgroße Eisbrocken lagen und schwammen herum, als wären sie wie Schutt ausgekippt worden. Es sieht aus wie nach einer Explosion", berichtete Jim Elliott vom British Antarctic Survey (BAS) von seinem Beobachtungsflug, der ihn über das sich auflösende Wilkins-Eisschelf geführt hatte.

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 Bild vergrößernBröckelnder Rand des Wilkins-Eisschelfs
Die Zukunft des Wilkins-Eisschelf ist gefährdet: Nur noch eine kleine Barriere schützt es vor dem Einfluss von Wetter und Gezeiten.
Nur noch ein dünner Streifen aus fragilem Meereis zwischen zwei Inseln schützt den Rest des einst 16 000 Quadratkilometer großen Wilkins-Eisschelfs an der Küste der Antarktischen Halbinsel vor Wind, Wetter und Gezeiten, die ihn bald völlig zermürben und zerstören könnten. Mehrere tausend Quadratkilometer dieses alten und dicken Eispakets sind bereits zerfallen und treiben nun als Eisberge durch die See – darunter Riesen von der Größe der britischen Isle of Man. Immerhin: "Der Meeresspiegel steigt dadurch nicht, da Wilkins ohnehin schon auf dem Wasser schwimmt. Aber die Entwicklung bezeugt, dass der Klimawandel die Region beeinflusst", erläutert David Vaughan vom BAS.

Satellitenaufnahme des "seidenen Fadens"
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1993 hatte der Forscher prognostiziert, dass zumindest der nördliche Teil des Wilkins-Eisschelfs innerhalb von 30 Jahren verschwinden dürfte, sollte sich die Region weiterhin in hohem Tempo erwärmen: Um mehr als drei Grad Celsius liegen die Durchschnittstemperaturen heute höher als vor 50 Jahren – ein Anstieg, der weltweit nur in Alaska zu finden ist. Doch nun könnte Wilkins deutlich schneller Larsen A und B, Muller, Jones oder Prinz Gustav nachfolgen, deren Eispakete bereits der jüngeren Vergangenheit angehören. "Wilkins ist das größte Eisschelf der Halbinsel, den die Erwärmung nun bedroht. Ich hätte nicht gedacht, dass die Dinge sich so schnell entwickeln. Das Schelf hängt nun an einem seidenen Faden", zeigt sich Vaughan überrascht und besorgt.

Die neuen Erkenntnisse von Eric Steig von der University of Washington in Seattle und seinen Kollegen dürften den britischen Forscher nicht beruhigen, widerlegt ihre Arbeit doch das lange vorgetragene Mantra, große Teile der Antarktis würden sich dem globalen Aufheizungstrend entziehen. Dieser These zufolge sollte sich der Eiskontinent trotz der starken Erwärmung auf der Halbinsel netto sogar noch weiter abkühlen, weil über den deutlich größeren Landmassen der West- und Ostantarktis die Temperaturen weiter fielen. Der Grund: das Ozonloch. Dieses verstärkt durch sein winterliches Ausdünnen die atmosphärische Zirkulation um die Antarktis, weshalb der Luftmassenaustausch mit höheren – wärmeren – Breiten unterbunden wird. Dies kühle die Antarktis weiträumig zunehmend aus, so die vorherrschende Meinung.

Nettotemperaturentwicklung in der Antarktis
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Neue Datenauswertungen zeigen: Die Antarktis hat sich im Gesamten in den letzten 50 Jahren erwärmt – auch wenn der Temperaturanstieg regional unterschiedlich ausfiel (je dunkler, desto stärker).
Doch dem ist offensichtlich nicht so. "Überall hört man, dass die Antarktis kälter wird. Das ist aber nicht der Fall – wenn überhaupt, dann ist das Gegenteil richtig", so Steig. Im Gegensatz zu anderen Weltgegenden mangelte es lange an Daten von dem Südkontinent: Satelliten erfassen ihn erst seit etwa 25 Jahren richtig, und Wetterstationen stehen zwar seit 1957 vor Ort, jedoch meist nur an der Küste – im großen Rest herrschte Leere. Steigs Team entdeckte nun allerdings, dass die Satellitendaten sehr eng mit jenen der Wetterstationen übereinstimmen – niemand zuvor hatte beide Messreihen kombiniert und damit ein derart exaktes Bild erhalten. Aus den Temperaturmessungen früherer Zeiten konnten die Forscher deshalb die bislang unbekannten damaligen Werte aus dem Landesinneren ableiten.

Temperaturentwicklung zwischen 1969 und 2000
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Zusammengenommen zeigen sie einen klaren Trend: Auch außerhalb der Antarktischen Halbinsel erwärmten sich große Areale des Kontinents – in einem ähnlichen Ausmaß wie der Rest des Planeten. Im Durchschnitt stiegen die Temperaturen seit 1957 um 0,5 Grad Celsius, allerdings mit starken regionalen Unterschieden. So fiel die Zunahme im Westteil deutlich stärker aus als im Osten. "Die Westantarktis ist ganz anders als die Ostantarktis, weil das Transantarktische Gebirge die Landmasse strikt trennt", erläutert Steig. Das Inlandeis ragt westlich des Höhenzugs mit 2000 Metern über dem Meer deutlich weniger weit in die Atmosphäre auf als jenes östlich davon, das immerhin über 3000 Meter hoch ist.

Die Westantarktis gelangt daher öfter in den Einflussbereich relativ warmer und feuchter Luftmassen, die Schnee bringen, aber auch mildere Bedingungen. Zugleich beeinflusst das Ozonloch diese Kontinenthälfte schwächer, so dass der Kühleffekt ausfällt und stattdessen die Temperaturen überproportional steigen. Ihre Zunahme überwiegt jene Abnahmen, die in wenigen Teilbereichen östlich des Transantarktischen Gebirges in den letzten Jahrzehnten aufgetreten sind.

Temperaturentwicklung zwischen 1957 und 2006
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Damit entzieht sich also auch der antarktische Kühlschrank nicht dem globalen Trend zur Aufheizung. Was das für die Zukunft der Eisschilde bedeutet, bleibt noch unklar – das schützende Meereis vor der Westantarktis beginnt sich allerdings schon aufzulösen wie in der Amundsen-Bellinghaus-See. Eine eigentlich positive Nachricht könnte zukünftig sogar noch mehr Ungemach bedeuten, fürchtet Steig: "Bald werden die Maßnahmen zum Schutz der Ozonschicht wirken. Und dann wird sich die gesamte Antarktis wie der Rest der Welt erwärmen."