"Die Luft war im wahrsten Sinne mit Tauben gefüllt. Das mittägliche Licht beschattet wie bei einer Sonnenfinsternis. Kot regnete vom Himmel, ein bisschen so wie schmelzender Schnee. Und das kontinuierliche Rauschen der Schwingen lullten meine Sinne ein … Noch vor Sonnenuntergang erreichte ich Louisville, 55 Meilen von Hardensburgh entfernt. Die Tauben zogen immer noch in unverminderter Zahl – und das dauerte noch drei weitere Tage an." Diesen riesigen Schwarm von Wandertauben (Ectopistes migratorius) beschrieb der US-amerikanische Ornithologe und Naturmaler John James Audubon im Herbst 1813, als er sein Haus in Henderson, Kentucky verließ, um nach Louisville zu reisen. Vielleicht mehr als eine Milliarde Vögel flogen in dieser Massenansammlung; ein noch größerer Schwarm mit schätzungsweise 3,5 Milliarden Individuen querte womöglich 1866 das südliche Ontario – wohl kein anderes landlebendes Wirbeltier kommt an diese Zahlen heran.

Wandertauben
© John James Audubon / public domain
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Wandertauben gehörten zu den häufigsten Wirbeltieren, die jemals an Land lebten. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurden die apart gefärbten Vögel jedoch ausgerottet.

Überhaupt gelten Wandertauben als die häufigste Vogelart, die in historischer Zeit auf der Erde gelebt hat: Ihr Gesamtbestand betrug auf dem Höhepunkt bis zu fünf Milliarden Vögel. Und dennoch gelang es den amerikanischen Siedlern, die Art innerhalb eines Jahrhunderts auszurotten. Denn am 1. September 1914 starb mit der Taube Martha der letzte bekannte Vertreter dieser Spezies einen einsamen Tod im Zoo von Cincinnati. Das Schicksal der Wandertaube war allerdings schon einige Jahrzehnte zuvor entschieden. Doch wie konnte es überhaupt dazu kommen?

Wechselhaftes Auf und Ab

Womöglich war die Wandertaube in ihrer evolutionären Geschichte nicht immer so zahlreich wie im 19. Jahrhundert – zumindest deutet dies eine Genanalyse von Hung Chih-Ming von der National Taiwan Normal University an, der zusammen mit seinen Kollegen aus vier Museumsexemplaren Genmaterial gewinnen und das Erbgut mit dem verwandter Taubenarten vergleichen konnte. Und in ihrem Genom hatte sich das wechselhafte Leben der Wandertauben eingeprägt. "Die Art erlebte sehr wahrscheinlich dramatische Bestandsschwankungen", so der Molekularbiologe: "Sie war nicht immer so extrem häufig wie kurz vor ihrem Aussterben." Denn immer wieder musste die Wandertaube durch einen relativen genetischen Flaschenhals, als ihre Populationen zusammengeschrumpft waren. Während der letzten eine Million Jahre könnte ihre Zahl bis auf 50 000 Tiere gefallen sein, im Durchschnitt betrug der Bestand wohl um die 330 000 Brutvögel.

Ectopistes migratorius neigte also zu Massenvermehrungen, wenn die Bedingungen optimal waren – und ihre Population brach zusammen, wenn sie sich verschlechterten. Prinzipiell passt dieser Verlauf zur Naturgeschichte Nordamerikas, in der Eiszeiten dafür sorgten, dass die Wälder und damit die Nahrungsquellen der Vögel immer wieder schrumpften. So bedeckten Gletscher vor etwa 20 000 Jahren Teile des nordöstlichen Nordamerikas und sorgten dafür, dass damals nur wenige Tauben überlebten. Vor 6000 Jahren hingegen lebten wieder etwa 1,6 Milliarden Tiere, die reichlich Futter in den ausgedehnten Eichen-, Buchen- und Kastanienwäldern der Region fanden.

Vogeljagd
© aus: The Illustrated Shooting and Dramatic News, July 1875 / public domain
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Einen weiteren und letztlich fatalen Schub erlebte die Wandertaube, als die Europäer die Neue Welt eroberten und dabei die einheimische Bevölkerung durch Krieg und Krankheiten dezimierten. Die Indianer konkurrierten mit den Vögeln um die Samen und jagten die Tiere selbst – ohne diese große Konkurrenz konnten sie die frei gewordenen Ressourcen selbst nutzen und sich weiter vermehren. Das galt allerdings nur bis zu einer bestimmten Grenze, denn Milliarden Individuen benötigen gigantische Mengen Futter pro Tag, die nur in so genannten Mastjahren geliefert wurden: Dann produzieren die Bäume massenhaft Eicheln oder Bucheckern, um die Chance zu erhöhen, dass einzelne Sämlinge schließlich durchkommen. Audubon schätzte, dass der von ihm beobachtete Schwarm pro Tag etwa 307 000 Kubikmeter Nüsse und Samen verzehren musste – eine unvorstellbare Menge, die anschließend natürlich auch wieder ausgeschieden wurde.

Unter dieser Exkrementenflut wie unter dem reinen Gewicht der Tiere litten die Wälder: Sie wurden überdüngt, Bäume brachen unter der Last zusammen. "Man kann sich kaum vorstellen, dass die Wandertauben über lange Zeit einen hohen Bestand aufrechterhalten konnten. Sie waren unglaublich zerstörerisch für den Wald", erzählt die Biologin Beth Shapiro von der University of California in Santa Cruz, die sich schwerpunktmäßig mit der Art beschäftigt. Das Ökosystem wurde also stark geschädigt und benötigte mitunter lange Jahre, um sich wieder zu erholen. Daraus folgte ein Massensterben, und die Überlebenden zogen zu besseren Nahrungsgründen und Brutplätzen weiter.

Als die Wälder fielen

Während des 19. Jahrhunderts begannen jedoch auch die Laubwälder im Nordosten der USA stark zu schrumpfen: Die Siedler rodeten sie, um Platz für die Landwirtschaft oder die wachsenden Städte und Industrien zu gewinnen. Das einst nahezu geschlossene Waldökosystem wich einem Flickenteppich aus kleineren Waldinseln, Ackerland, Weiden und Ansiedlungen. Ausweichräume für die Taubenschwärme verschwanden, ihre Brutkolonien wurden leichter zugänglich und durch Straßen und Eisenbahnlinien erschlossen – und das erlaubte plötzlich die industrielle Verwertung der Tiere. Millionenfach wurden sie abgeschossen und das Fleisch zu den Ballungszentren an der Küste transportiert. Ein einzelner Jäger soll tatsächlich in einem einzigen Jahr – 1878 – drei Millionen Vögel vermarktet haben.

Martha, die letzte Wandertaube
© Smithsonian Institution Archives
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Um die Vögel zu erlegen, setzten die Jäger immer effektivere und brutalere Methoden ein: Die Tauben wurden nicht nur aus der Luft geschossen, sondern auch massenhaft mit alkoholgetränkten Saaten angelockt und gefangen. Unter Nistplätzen zündeten die Sammler Gras und Schwefel an, um die Alttiere zu benebeln und die Küken aus den Nestern zu treiben. Bisweilen fällte man sogar diese Brutbäume oder setzte sie in Brand, um an die Tiere zu gelangen. Die Störungen in den Kolonien waren oft so gravierend, dass sie völlig aufgegeben wurden. Und da bereits der Nachwuchs der Jagd zum Opfer fiel, konnte er tote Eltern nicht mehr ersetzen: Der Bestand brach entlang der gesamten Ostküste zusammen, als letzter Verbreitungsschwerpunkt verblieb Michigan, wo ebenjener Jäger 1878 noch eine riesige Ladung in den Handel brachte.

In der Zwischenzeit erließen verschiedene Bundesstaaten sogar strenge Schutzgesetze, die jedoch nicht effektiv umgesetzt und verfolgt wurden – als die Behörden und die beginnende Umweltbewegung sich endlich besannen, war es zu spät: Um 1890 war die Wandertaube bereits funktionell ausgestorben, nur noch wenige versprengte kleinere Grüppchen durchstreiften das ursprüngliche Verbreitungsgebiet. "An einem nebligen Tag im Oktober 1884 blickte ich aus meinem Schlafzimmerfenster und sah, wie sechs Tauben herabflogen und sich auf die toten Äste einer großen Pappel setzten (…). Während ich sie freudig anstarrte und mich fühlte, als wären alte Freunde zurückgekommen, sausten sie rasch wieder davon und verschwanden im Nebel. Danach sah ich nie wieder einen dieser Vögel in der Umgebung", beschrieb der Naturforscher Charles Dury aus Cincinnati mehr als ein Jahrzehnt später seine letzte Begegnung mit der Art im "Journal of the Cincinnati Society of Natural History". Schon zum Zeitpunkt der Beobachtung hatten zu wenige überlebt, um noch erfolgreich zu brüten. Da die Art in Kolonien nistete, benötigte sie den Schutz größerer Gruppen aus mehreren hundert oder besser tausenden Individuen gegen Fressfeinde und die Stimulation durch zahlreiche Artgenossen, um überhaupt in Balzstimmung zu geraten. Im März 1900 tötete schließlich Press Clay Southworth, ein Junge aus Ohio, das letzte bekannte und offiziell bestätigte Wildtier der Wandertaube mit einem Luftgewehr.

Einsam im Zoo

Immer wieder gab es auch noch danach Gerüchte, dass hier und dort eine kleine Gruppe aufgetaucht sei, doch sorgte nicht einmal eine Belohnung dafür, dass weitere Exemplare gefunden und gefangen wurden. Denn die letzte Hoffnung bestand nun darin, die Wandertauben in Gefangenschaft nachzuzüchten, wo ebenfalls ein paar der Vögel das Gemetzel überlebt hatten. Wie in Freiheit, so stellte sich aber auch in den Zoos das Problem, dass die Vögel mangels Masse nicht in Brutstimmung gerieten. Und so geschah am 1. September das Unvermeidliche: Mit dem Weibchen Martha starb der letzte bekannte Vertreter der Wandertauben in Cincinnati. Die häufigste Vogelart der Erde war nach wenigen Jahrzehnten Bejagung ausgerottet.

Oder doch nicht? Es gibt tatsächlich Wissenschaftler, die die Wandertaube wieder zurückbringen wollen – mit Hilfe gentechnischer Methoden. "Es ist wahrscheinlich nicht notwendig, alle 20 000 Gene eines Vogel- oder Säugetiergenoms wiederherzustellen: Die charakteristischen der ausgestorbenen Art genügen. Und selbst wenn man sie doch brauchen würde, wäre es nicht schwer, sie zu kreieren. Die Kosten für die relevanten Technologien sind meist niedrig – und fallen weiter", meint zum Beispiel der Genetiker George Church von der Harvard Medical School, ein Befürworter des Klonens ausgestorbener Arten.

Die neuen Erkenntnisse von Hung könnten dieses Ansinnen theoretisch erleichtern: Da die Bestände der Wandertauben phasenweise bei weniger als 100 000 Paaren lagen, nisten sie womöglich auch in kleineren Kolonien. "Wahrscheinlich benötigen wir nicht Milliarden Wandertauben, um ihren Bestand stabil zu halten", so Shapiro. Lebensraum wäre zumindest einigermaßen vorhanden, da sich die Wälder seit dem Kahlschlag im 19. Jahrhundert wieder ausgedehnt haben, auch wenn manche Baumarten durch Krankheiten – und den Verlust der Wandertauben selbst – zurückgegangen sind: Die Amerikanische Kastanie wurden durch einen Pilz fast vollständig vernichtet, Weißeichen verschwanden zu Gunsten von Roteichen. Doch dass die Vögel anpassungsfähig sind, hatten sie während der letzten Jahrtausende bereits bewiesen, da sie trotz der Eiszeiten und der wechselnden Bewaldung immer überlebten.

Letzte Hoffnung Gentechnik

Deshalb treiben Biologen wie Beth Shapiro von der University of California in Santa Cruz das Projekt "De-Extinction" voran, das möglichst in 15 Jahren mit der Wiederbelebung der Wandertaube erfolgreich enden soll. Dazu analysieren sie nicht nur das Genom dieser Art, sondern auch nahe Verwandte wie die Schuppenhalstaube (Patagioenas fasciata) und die Felsentaube (Columba livia), besser bekannt als Haustaube. Diese Studien sollen zeigen, welche Gene die Wandertaube einzigartig gemacht haben, so dass daraus hervorgehenden Eigenschaften später wirklich in den neu geschaffenen Exemplaren auftreten.

Bis dahin müssen die Forscher jedoch noch große und vielleicht unüberwindliche Hürden meistern, wie der ebenfalls beteiligte Ben Novak in seinem Blog erläutert: "Vögel sind aus zweierlei Gründen eine Herausforderung für das Wiederbeleben. Ihre Genome wurden seltener untersucht als die von Säugetieren – und vor allem ist es fast unmöglich, sie zu klonen, weil sie Eier legen. Um einen Embryo gegen einen Klon auszutauschen, muss man es schaffen, beide durch die sich bildende harte Eierschale zu bekommen – ohne dass Schäden entstehen. Und dann muss man hoffen, dass sich der Klon im Eigelb einnistet und weiterentwickelt. Das ist kompliziert." Auch die Entwicklung so genannter Chimären bietet keinen optimalen Ansatz: die Entwicklung von Mischwesen, die zum Teil das Erbgut der Wander- und jenes der Schuppenhalstaube tragen. "Es würde hunderte oder tausende Generationen dauern, bis wir wieder reine Wandertauben hätten", so Novak.

Dennoch wollen die Biologen um Shapiro mit der Verschmelzung beider Genome beginnen: Gensequenzen der Schuppenhalstaube würden dann durch die entsprechende Abschnitte aus dem Wandertaubenerbgut ersetzt und das Resultat in Keimzellen der Schuppenhalstauben übertragen, um daraus ganz am Ende echte Wandertauben zu ziehen. Allerdings: "Manche der nötigen Techniken befinden sich noch im Entwicklungsprozess", schränkt Shapiro ein – es wird also wohl noch lange dauern, bis die Wandertaube wieder den Himmel verdunkelt. Das nötige genetische Ausgangsmaterial steht den Wissenschaftlern jedoch reichlich zur Verfügung: Von keiner ausgestorbenen Vogelart existieren mehr Exemplare in Museen weltweit als von der Wandertaube.