Soll man oder soll man nicht? Die Frage, wie, wann und ob eine zweisprachige Erziehung überhaupt nützt – und wenn ja, wem? – wartet noch auf eine definitive Antwort. Entsprechend diffizil ist es für Eltern, zwischen den zahlreichen Versprechungen einschlägiger Dienstleister und den Warnungen vor Überforderung des Kindes eine informierte Wahl zu treffen. Die Angst, mit der Entscheidung seinem Nachwuchs die Zukunft zu verbauen, ist leider kein guter Ratgeber.

Vielleicht ist es da ganz hilfreich, dass jetzt auch eine Studie von Ágnes Kovacs und Jacques Mehler von der Scuola Internazionale Superiore di Studi Avanzati in Triest den sich abzeichnenden Minimalkonsens bestätigt: Zweisprachige Erziehung scheint die Kinder immerhin nicht zu überfordern. Statt in der Leistung nachzulassen, wächst unser Denkorgan mit seinen Aufgaben, könnte man das Ergebnis der beiden Wissenschaftler zusammenfassen.

20 Probanden aus bilingualen Familien verglichen sie dazu mit einer ebenso großen Kontrollgruppe einsprachig aufwachsender Kinder. Die Besonderheit: Sämtliche Versuchsteilnehmer waren gerade einmal sieben Monate alt, konnten also selbst noch gar nicht sprechen. Weil zu Hause mal Italienisch und mal die jeweils andere Sprache gesprochen werde, seien die Babys schon sehr früh mit ganz unterschiedlichem Input konfrontiert worden, sagen die Forscher. Und das schlage sich zu diesem Zeitpunkt auch in ihrer Verstandesleistung nieder.

Für die Kleinen gab es zu lernen, dass auf ein Fantasiewort hin immer eine lustige Cartoonfigur erscheint – und zwar auf einem von zwei Bildschirmen. Weil im ersten Durchgang das Bild immer auf derselben Seite auftauchte, hatten die meisten den Zusammenhang bald erfasst und blickten nach dem Signal tendenziell auf diesen Schirm.

Nach neun Versuchen änderte sich allerdings der Reiz. Jetzt ertönte – wieder neun Versuche lang – ein anderes Wort, und die Figur erschien auf der entgegengesetzten Seite. Während nun im Mittel die einsprachig Aufwachsenden unverwandt auf die alte Seite starrten, zeigte sich bei den bilingualen Kleinkindern eine Art Umlerneffekt: Es schien ihnen leichter zu fallen, den neuen Reiz mit einer neuen Situation in Verbindung zu bringen. Sie blickten am Ende erwartungsfroh auf Monitor 2.

Dabei spielte es keine Rolle, ob Fantasiewörter zu hören oder – in einem zweiten Experiment – geometrische Figuren zu sehen waren. Deshalb machen die Forscher weniger die linguistische Kompetenzen die kleinen Probanden verantwortlich als vielmehr eine weiterentwickelte allgemeine geistige Flexibilität.

Zu früh freuen sollte sich Familie Schmidt-Gonzalez allerdings nicht, bremsen die Wissenschaftler: Die zweisprachig aufwachsenden Kinder seien sicher nicht schlauer als ihre Altersgenossen, sondern nähmen eine Entwicklung vorweg, die üblicherweise erst später anstehe. Offenbar trainiert es die Kleinen, tagtäglich zwischen den beiden Sprachwelten daheim hin- und herzuwechseln. Dass sie dazu schon lange vor ihrem ersten eigenen Wort in der Lage sind, haben frühere Studien zweifelsfrei ergeben. Nicht nur der Klang der Sprache, sondern auch die Mimik der Eltern dient ihnen dabei als Anhaltspunkt.

Alles in allem sprechen die Forscher von einer frühzeitigen Reifung einer psychologischen Komponente namens "exekutive Funktionen". Sie wird für Leistungen, bei denen es um das Umschalten zwischen Aufgaben geht, verantwortlich gemacht. Doch was passiert, wenn irgendwann die Altersgenossen aufholen? Dann sei der Vorteil möglicherweise einfach dahin, meinen Kovacs und Mehler. Einen Schaden dürften die Zweisprachler dadurch jedoch nicht davontragen.