Mit den Schöpfern der eindrucksvollen Höhlenmalereien von Lascaux oder Chauvet haben heutige Europäer wohl rein gar nichts mehr gemein. Denn die Kunstwerke entstanden Jahrtausende vor einer einschneidenden Wende, auf die Forscher nun bei der Analyse alten Erbguts gestoßen sind. Klimatisch turbulente Zeiten läuteten eine Umbruchphase ein, an deren Ende der Kontinent vielleicht sogar fast menschenleer zurückblieb.

An den Genen heutiger Europäer ist die bewegte Geschichte des Kontinents abzulesen. Sie offenbaren die Spuren einer vermutlich indoeuropäischen Einwanderung, die Hinterlassenschaften früher Ackerbauern aus dem Nahen Osten – und auch der Jäger-und-Sammler-Kulturen, die das Land durchstreiften, bevor Sesshaftigkeit und Landwirtschaft Einzug hielten.

Doch von einer Gruppe langjähriger Bewohner fehlt im Genpool vermutlich jede Spur: von den Abkömmlingen der ersten anatomisch modernen Menschen, die vor etwa 45 000 Jahren nach Europa vordrangen, hier auf die Neandertaler trafen, eiszeitliche Temperaturen erduldeten und eben auch die großen kulturellen Leistungen der Altsteinzeit hervorbrachten.

Auf ihr Verschwinden wurde nun ein internationales Forscherteam um Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena aufmerksam. Es hatte dazu von insgesamt 35 Skeletten, die bei Ausgrabungen zum Vorschein gekommen waren, Genproben genommen. Der älteste Fund war 35 000 Jahre alt, der jüngste 7000. Krause und sein Team bestimmten dabei die so genannte mitochondriale DNA, die jeder Mensch ausschließlich von seiner Mutter erbt und an der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Populationen besonders gut festzumachen sind. Aus den Daten lassen sich Abstammungslinien berechnen, die als Haplogruppen bezeichnet werden – die Zugehörigkeit zu einer Haplogruppe verrät, woher die mütterliche Linie eines Menschen stammt. Alle Haplogruppen zusammengenommen ergeben einen Stammbaum, dessen Wurzel in Afrika, der viel zitierten "Wiege der Menschheit" liegt.

Eine unerwartete Abstammungslinie

Das Verblüffende: Drei Proben aus der ältesten Epoche gehörten einer Haplogruppe an, die die Forscher nicht auf dem Plan hatten, die Gruppe M. "Ich war überzeugt, dass ein Fehler vorliegen muss", sagt Cosimo Posth von der Universität Tübingen, der Hauptautor der Studie, in einer Mitteilung der Universität. "Denn in heutigen Europäern ist diese Haplogruppe nicht zu finden. Dagegen ist sie in Asien und in den ursprünglichen australischen und amerikanischen Bevölkerungsgruppen weit verbreitet."

Schnelle Ausbreitung vor 55 000 Jahren
© MPI für Menschheitsgeschichte, Jena; Grafik: Annette Günzel
(Ausschnitt)
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Aus dem Vorhandensein der M-Haplogruppe in gut 28 000 Jahre alten Skeletten aus Frankreich und der errechneten Aufspaltung der M- und N-Linien schließen die Wissenschaftler, dass es nur zu einer entscheidenden Auswanderungswelle aus Afrika gekommen ist.

Daneben fanden sie weitere Haplogruppen, die eher ins Bild passten. Die große Mehrheit der Funde aus jüngerer Zeit gehörte beispielsweise der U-Linie an, die einen Vorläufer heutzutage verbreiteter Gruppen bildet.

Unter Hinzunahme von 20 bereits bekannten mtDNA-Sequenzen aus dem gleichen Zeitraum und weiteren Erbgutdaten gingen sie schließlich an eine mathematische Modellierung der eiszeitlichen Bevölkerungsdynamik. Dabei zeigte sich, dass dasjenige Modell, das die zeitliche Veränderung der mtDNA am ehesten erklärt, von drei aufeinander folgenden Einschnitten gekennzeichnet ist – mit dem dritten als radikalstem Umbruch. Zu allen drei Zeitpunkten ging die europäische Bevölkerung durch einen so genannten genetischen Flaschenhals, ihre Größe schrumpfte auf wenige Individuen und vergrößerte sich danach wieder, wobei die Nachfahren nur noch diejenigen genetischen Varianten trugen, die es durch die Engstelle schafften. Die vorherige Vielfalt geht bei solchen Ereignissen jedes Mal auf Dauer verloren.

Drei Flaschenhälse in Folge

Das erste Flaschenhalsereignis ist die Einwanderung selbst – als vor rund 45 000 Jahren anatomisch moderne Menschen erstmals ihren Fuß auf europäischen Boden setzten, bildeten sie nur eine kleine Gruppe. Erst als sie in den Kontinent expandierten, wuchs ihre Zahl im Verlauf von 20 000 Jahren kontinuierlich an. Doch dann setzte das Klima ihrem Wohlergehen ein Ende. Vor gut 24 000 Jahren erreichte die letzte Eiszeit ihren bisherigen Höhepunkt und machte für fünf Jahrtausende Leben nur jenen möglich, die sich an geschützten Rückzugsorten aufhielten – an den Küsten Südeuropas etwa. Angehörige der Haplogruppe M, so scheint es, waren wohl nicht unter ihnen, mit dem Höhepunkt der Eiszeit verschwanden sie aus Europa. Schließlich, als das Klima wieder erträglicher wurde, speiste sich aus den wenigen Überlebenden die Wiederbesiedlung von Gletschern befreiter Landschaften.

Schädel aus Dolní Věstonice
© Martin Frouz
(Ausschnitt)
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Doch das Klima sollte nicht auf Dauer mitspielen. So kam es während des folgenden Alleröd-Interstadials zu einer extrem rasanten Erwärmung, an die sich dann wieder die starke Abkühlung der Jüngeren Dryas anschloss. Die klimatischen Turbulenzen brachen vermutlich vielen eiszeitlichen Großsäugern das Genick – dem Mammut, dem Wollhaarnashorn, dem Riesenhirsch und laut dem mathematischen Modell, das Krause und Kollegen ihrer Studie zu Grunde legen, auch dem europäischen Homo sapiens. Vor 14 500 Jahren ging der Flaschenhals womöglich so weit zu, dass keinerlei genetische Varianten mehr hindurchschlüpften. Die aufwändigere Untersuchung von Erbgut aus Zellkernen könnte klären, ob es tatsächlich zu einem harten Schnitt kam oder nicht vielleicht doch vereinzelt Populationen ihre Gene ins nacheiszeitliche Europa retteten.

Die Wiederbesiedlung erfolgte dann ausweislich dieses neuen Szenarios vor vielleicht 12 000 Jahren aus dem Osten durch eine Gruppe, die den Höchststand der Eiszeit in einem anderen Refugium überdauert hatte. Jetzt fand sie günstiges Klima und einen menschenleeren Kontinent vor – ganz ähnliche Bedingungen übrigens, wie sie die Anrainer der Beringstraße erlebten, die etwa zur gleichen Zeit in den amerikanischen Kontinent expandierten.

Woher stammt die europäische mtDNA-Linie?

Der bislang übersehene Bruch in der europäischen Besiedlungsgeschichte könnte nach Meinung der Forscher auch helfen, die frühen Phasen der menschlichen Wanderbewegungen außerhalb Europas zu bestimmen. Anhand der neu gewonnenen mtDNA-Sequenzen haben sie zudem datiert, wann sich die beiden großen Linien der Auswanderer aus Afrika – die M- und die N-Linie – von ihrer Vorläufergruppe abspalteten. In beiden Fällen lag dieser Zeitpunkt zwischen 44 000 und 55 000 Jahren vor heute. Krause und sein Team sind darum überzeugt, dass sich beide Linien parallel entwickelten: Sie wurden bei einer einzigen Wanderungsbewegung aus Afrika herausgetragen und gelangten dabei sowohl nach Asien und Australien als auch nach Europa.

Das vermeintliche Fehlen der M-Haplogruppe bei den ersten Europäern hatte andere Szenarien nahegelegt, denen zufolge der moderne Mensch in mehreren Schüben aus Afrika auswanderte oder außerhalb Afrikas zunächst im asiatischen Raum Halt machte, wo es zur Aufspaltung in die ostwärts wandernde M-Linie und die westwärts wandernde N-Linie kam. Diese Hypothesen sehen die Wissenschaftler um Krause angesichts ihrer Entdeckung und der neuen Datierung des mtDNA-Stammbaums nun als nicht mehr wahrscheinlich an.