Die Meeresbiologin Nan Hauser vom Center for Cetacean Research and Conservation wollte eigentlich mehr als nur eine Armlänge Abstand zu Buckelwalen (Megaptera novaeangliae) halten, als sie im Oktober 2017 vor den Cookinseln im Pazifik tauchte. Die knapp 23 Tonnen schweren Meeressäuger sind schließlich keine Bewohner eines Streichelzoos: Mit einem Schlag ihrer Schwanz- oder Brustflossen können sie schwere Verletzungen verursachen. Während Hausers Ausflugs unter Wasser hatte ein Buckelwal jedoch andere Ambitionen, denn er steuerte direkt auf sie zu und schob immer wieder seinen massigen Körper unter die Taucherin oder versuchte die Frau mit seinen gewaltigen Flippern zu beschirmen. Mehrfach hob der Wal Hauser auch mit seinem Kopf über Wasser. Erst nach zehn Minuten zog sich die Biologin auf ihr Begleitboot zurück – und bemerkte, was der Grund für dieses auf Video festgehaltene Verhalten gewesen sein könnte.

Der Gigant habe versucht, sie vor einem riesigen Tigerhai zu schützen, der sich in der Nähe aufgehalten habe, so Hauser. Im Video ist der Raubfisch allerdings nur schemenhaft zwischen den Sekunden 13 und 27 zu erkennen. Ein zweiter Buckelwal schlug während der Zeit, als die Biologin im Wasser war, zudem immer wieder mit den Flossen auf das Wasser – womöglich ebenfalls, um den Hai in Schach zu halten. Für die Schutzannahme spricht zudem, dass der Meeressäuger sehr vorsichtig mit Hauser umging und sie nicht heftig mit den Flippern berührte. Angesichts der veritablen Größen- und Gewichtsunterschiede zog die Frau sich allerdings doch einige leichtere Blessuren zu.

Für Buckelwale wäre ein solches Verhalten nichts Ungewöhnliches: 2009 hatten Meeresbiologen in der Antarktis beobachtet, wie ein Buckelwal eine Robbe vor angreifenden Schwertwalen schützte. Der Wal hatte die Robbe gegen seine Brust gedrückt und sich dann auf den Rücken gedreht, so dass sie sich außerhalb des Wassers in Sicherheit vor den Orcas befand. Eine nachfolgende Studie von Robert Pitman vom NOAA Fisheries Service erbrachte dann 115 Beispiele, in denen Buckelwale bei der Jagd von Schwertwalen ins Geschehen eingriffen und versuchten, Artgenossen oder auch andere Lebewesen wie Grauwalbabys, Seelöwen und andere Robben zu retten. Bis zu sieben Stunden dauerten manche der Abwehrversuche, bei denen die Buckelwale wiederholt mit den Schwanz- oder Brustflossen aufs Wasser schlugen, um ihre Widersacher einzuschüchtern und zu vertreiben – vielfach mit Erfolg. Vermutlich wurden die Buckelwale durch den Lärm angezogen, den die Schwertwale bei der Jagd machen: Die schwarzweißen Raubtiere kommunizieren während der gemeinschaftlichen Jagd sehr intensiv miteinander, was noch über größere Distanzen wahrnehmbar ist. Warum die Buckelwale auch Mitgliedern fremder Arten beistehen, ist bislang unklar.