News | 07.09.2010 | Drucken | Teilen

Fernerkundung

Wald als Kohlenstoffspeicher überschätzt

Unberührter Bergregenwald in Ecuador
© Daniel Lingenhöhl
Die tropischen Regenwälder gelten als Lunge der Erde – und gigantischer Kohlenstoffspeicher, der riesige Mengen an Kohlendioxid aus der Atmosphäre schluckt und in Biomasse umwandelt. Diese Funktion könnte jedoch stark überschätzt worden sein, meinen nun Greg Asner von Carnegie Institution for Science in Washington und seine Kollegen nach neuen Messungen aus Peru.

Mit Hilfe von Satellitendaten sowie laserbasierten Messungen vom Flugzeug aus hatten sie die Vegetation eines 16 600 Quadratkilometer großen Gebiets im peruanischen Amazonasbecken bis hinab zum Unterwuchs erfasst und dessen Kohlenstoffgehalt berechnet – Werte, die sie mit Stichproben am Boden abglichen. Vorherige Schätzungen gingen von rund 585 Millionen Tonnen Kohlenstoff aus, die in der Region Madre de Dios – die etwa so groß ist wie die Schweiz – in der Vegetation und dem Boden gebunden vorliegen sollten. Asners Team unterteilte das Gebiet nun aber in 40 Millionen einzelne Abschnitte und kalkulierte für jeden einzelnen anhand der darauf stockenden Pflanzenwelt den Kohlenstoffwert.

Regenwald als Kohlenstoffspeicher
© Carnegie Airborne Observatory, Carnegie Institution for Science
 Bild vergrößernRegenwald als Kohlenstoffspeicher
Dieses Bild zeigt einen Ausschnitt aus der peruanischen Region Madre de Dios im Amazonasbecken. Unberührter Regenwald, der am meisten Kohlenstoff speichert, erscheint in roter Farbe, nachwachsender Sekundärwald in dunkelgrünen Tönen. Viehweiden und Brachland werden dagegen in hellem Grün und Gelb wiedergegeben.
Asners detaillierte Berechnung dürfte Klimaschützern und -modellierern wenig gefallen: Sie haben die Senkenwirkung der Wälder stark überschätzt. "Die gesamte Region speichert 'nur' 395 Millionen Tonnen Kohlenstoff", so Asner. Am meisten überraschte die Forscher dabei der kleinräumig sehr stark schwankende Kohlenstoffgehalt, denn die Vegetation über geologisch sehr altem Grundgestein und entsprechend langer Bodenentwicklung wies um ein Viertel weniger Kohlenstoff auf als Wälder über frischen, fruchtbaren Substraten wie etwa entlang von Flussläufen.

Zugleich deckten die Forscher auf, wie sehr der Mensch Einfluss auf die regionalen Emissionen nimmt: Jedes Jahr gelangen im Raum Madre de Dios durch Abholzung und Brandrodung durchschnittlich etwa 630 000 Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre – Tendenz stark steigend. Der von China geförderte Ausbau des Interoceanic Highway inklusive Teerdecke ließ die Entwaldungsraten 2009 im Vergleich zu den Vorjahren um fast zwei Drittel in die Höhe schnellen. Allerdings wird ein Teil der Emissionen durch die Wiederbewaldung aufgegebener Rinderweiden kompensiert.

Im Rahmen von REDD-Programmen (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) – in denen große Produzenten von Kohlendioxid Ausgleichszahlungen an Regenwaldnationen leisten, damit diese ihre Wälder erhalten – ist es wichtig, dass ermittelt wird, wie viel Kohlenstoff pro Raumeinheit vorhanden ist. Nur so lässt sich ein ausgewogener Emissionshandel gewährleisten. (dl)
© Spektrum.de

Asner, G. et al.: High-resolution carbon stocks and emissions in the Amazon: Implications for REDD monitoring. In: Proceedings of the National Academy of Sciences 10.1073/pnas.1004875107, 2010.