Herr Professor Trötschel, unmittelbar nach der Bundestagswahl sprachen wir über die Schwierigkeiten, als Politiker miteinander zu verhandeln, wenn die Ansichten zu zentralen Fragen wie in der Flüchtlingspolitik diametral entgegengesetzt sind. Jetzt sind heute Nacht die Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition nach vier Wochen geplatzt. Hat Sie dieser Ausgang überrascht?

In der Psychologie kennt man ein gut erforschtes Phänomen, den so genannten Rückschaufehler: Man hat nach einer plötzlichen Wende der Ereignisse das Gefühl, man hätte dies schon immer kommen sehen. Ich habe ebenfalls die Tendenz zu behaupten, ich hätte den Abbruch der Verhandlung am letzten Tag kommen sehen. Wenn ich jedoch ganz ehrlich zu mir bin, muss ich sagen, dass ich von dem Ausgang überrascht bin. Typischerweise entsteht bei lang andauernden Verhandlungen bei den beteiligten Parteien ein Gefühl der inneren Verpflichtung, diese erfolgreich abzuschließen. Da sich die Verhandlungen doch über mehrere Wochen hinzogen, war ich davon ausgegangen, dass diese mit einer Einigung abgeschlossen würden – auch dann, wenn das Ergebnis aus Sicht der Parteien sehr starke Zugeständnisse beinhaltet hätte.

Sie sagten vor Beginn der Sondierungsgespräche, CDU, CSU, FDP und Grüne müssten die Interessen der jeweils anderen versuchen zu verstehen und deren gegensätzlichen Werte als gegeben anerkennen. Hat es hier gehakt – oder gab es andere Knackpunkte?

Roman Trötschel
© Leuphana-Universität Lüneburg
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 Bild vergrößernRoman Trötschel ist Professor für Sozial- und Organisationspsychologie an der Leuphana-Universität Lüneburg.

Tatsächlich zeigt unsere eigene Forschung, dass ein Mangel an Perspektivenübernahme ein Hauptgrund für das Scheitern von Verhandlungen ist. Nach den vielen Wochen des Verhandelns hatten die Parteien sicherlich ein klares Verständnis davon, was die anderen Parteien anstreben. Die Verhandlungen sind also nicht an einem mangelnden Verständnis für die Interessen und Positionen der Gegenparteien gescheitert, sondern aus zwei anderen Gründen, die häufig zum Scheitern von Verhandlungen führen: mangelnder Respekt für die Werte der Gegenpartei und fehlendes Vertrauen.

Woran machen Sie das fest?

Während der Verhandlungen konnten wir die mangelnde "Wert-Schätzung" für die Gegenparteien immer wieder beobachten, beispielsweise im Umgang mit den Zugeständnissen seitens der Grünen und den Reaktionen von Vertretern der CSU, die reflexartig diese Zugeständnisse abwerteten. Ähnliche Verhaltensweisen konnte man bei allen Parteien beobachten. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner hat zudem heute Nacht selbst das fehlende Vertrauen als Ursache für den Abbruch der Verhandlungen genannt. Bis zum Ende der Verhandlungen konnte man immer wieder beobachten, wie vertrauliche Informationen aus dem engsten Kreis der Verhandlungsführer nach außen getragen wurden, bis hin zu Interviews seitens der Grünen am letzten entscheidenden Verhandlungstag.

War dieser Umgang mit den Medien der Knackpunkt in Sachen Vertrauen?

Nicht nur. Auch ein Wechsel der Verhandlungsstrategien und -ziele hat zu einem Mangel an Vertrauen geführt, wie beispielsweise die Solidarisierung der FDP in Fragen des Familiennachzugs mit Positionen der Unionsparteien in der letzten Phase der Verhandlungen. Sinnbildlich für das mangelnde Vertrauen ist ja auch die Tatsache, dass Herr Lindner, der wie gesagt mangelndes Vertrauen persönlich beklagt hat, die Verhandlungen selbst mit einem Vertrauensbruch beendet und ohne Absprache mit den Gegenparteien vor die Medien tritt. Dies spricht dafür, dass am Ende strategische Überlegungen und nicht der Wille zur Einigung das Verhandlungsgeschehen bestimmt haben.

Fehlte der Kanzlerin das Druckmittel auf FDP und Grüne, nämlich eine alternative Regierungsbildung mit der SPD, die das ja noch am Wahlabend ausgeschlossen hatte?

Tatsächlich sind Alternativen ein sehr wirksames Mittel, die Zugeständnisbereitschaft der Gegenparteien zu erhöhen. Dennoch denke ich nicht, dass die fehlenden Alternativen für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich sind. Neben dem bereits genannten Mangel an Respekt und Vertrauen hat sicherlich das Streben nach Identität eine bedeutsame Rolle gespielt: Die FDP als treibende Kraft beim Abbruch der Verhandlung hat beispielsweise bei Teilen der Bevölkerung seit Anfang der 1980er Jahre den Ruf, die eigenen Werte für eine Regierungsbeteiligung zu verkaufen. Dieser Vorwurf wurde der FDP auch bei der letzten Regierungsbeteiligung und den Koalitionsvereinbarung 2009 gemacht. Wenn die eigenen identitätsbestätigenden Positionen der Liberalen in den aktuellen Sondierungsgesprächen – beispielsweise in Form der sofortigen Abschaffung des Solidaritätszuschlags – nicht realisierbar sind, dann kann man sich vielleicht eine neue Identität durch den Abbruch der Verhandlungen aneignen: Der FDP wird nun in den nächsten Jahren wohl weniger der Ruf vorauseilen, dass sie für eine Regierungsbeteiligung die eigenen Werte über Bord wirft.

Eines der wichtigsten Elemente erfolgreichen Verhandelns ist der vertrauliche Umgang mit sensiblen Informationen

Wie kann es jetzt weitergehen? Können CDU/CSU und FDP noch zu einer Minderheitsregierung zusammenfinden, nachdem es die Liberalen waren, die die Sondierungsgespräche haben platzen lassen?

Das hat die FDP ja auch tatsächlich schon vorgeschlagen. Dies hat aber erneut eher strategische Gründe. Aus der gescheiterten Verhandlung soll nicht der Eindruck entstehen, dass die FDP die Regierungsbeteiligung scheut. CDU und CSU werden jedoch auf Grund des Vertrauensbruchs wohl sehr vorsichtig mit derartigen Angeboten umgehen – unabhängig von der politischen Sinnhaftigkeit einer derartigen Regierungsform.

Sofern es 2018 tatsächlich Neuwahlen geben sollte: Könnten die Großkoalitionäre noch einmal mit Angela Merkel, Horst Seehofer und Martin Schulz als Köpfen antreten? Was würden Sie als Psychologe den Parteien raten, wenn Sie diese beraten müssten?

Den an der Verhandlung beteiligten Personen hängt natürlich nun der Ruf an, dass sie nicht in der Lage sind, eine für das Land wichtige Lösung zu finden. Mit Ausnahme der Verhandlungsführer der FDP, die aus strategischen Gründen mit dem einseitigen Abbruch der Verhandlung bei einem Teil der Bevölkerung als konsequente Akteure wahrgenommen werden, hängt den anderen Personen der Makel des Scheiterns an. Es kommt nun wesentlich darauf an, wie das Scheitern der Sondierungsgespräche in der Öffentlichkeit reflektiert wird und wie schnell die beteiligten Personen vom Agieren ins Reagieren kommen. Meine Empfehlung wäre also, sobald wie möglich wieder das Heft des Handelns zurückzugewinnen und nicht die Schuld bei den anderen Parteien zu suchen. Jede Partei hatte ihren Anteil am Scheitern der Verhandlungen. Die systematische Fehleranalyse ist nun auch für die Akteure der abgeschlossenen Sondierungsgespräche wesentlich.

Jede Sondierungspartei wird eine eigene Geschichte davon erzählen, woran es gehapert hat über viele Wochen der am Ende ergebnislosen Gespräche. Welche Wirkung hat das?

Man nennt dies das Blame Game, welches stets nach gescheiterten Verhandlungen beginnt. Damit soll die Verantwortung für das Scheitern der Verhandlungen den anderen Parteien zugeschrieben werden. Die FDP signalisiert, dass mit den Grünen angesichts der anstehenden Herausforderungen keine Regierungsbildung möglich ist, die Grünen werfen der FDP mangelndes demokratisches Verantwortungsgefühl vor, und die CDU sowie CSU werden den Vertrauensbruch der FDP in den Vordergrund rücken. Bei diesem Blame Game können selten die beteiligten Parteien selbst, sondern meist außen stehende Drittparteien gewinnen. Die Parteien, die das Scheitern der Verhandlungen nicht zu verantworten haben, werden nun geschickt versuchen, sich mit ihren politischen Alternativen ins Zentrum der Diskussion zu rücken und die Handlungsunfähigkeit der an den Sondierungsgesprächen beteiligten Parteien zu betonen. Die Phase der Verhandlungen ist nun vorbei, und wir werden in Kürze wieder in der Phase des Wahlkampfes sein. Das Blame Game ist hierzu der Auftakt.

Wie bewerten Sie die Äußerungen der Sondierer gegenüber Medien und Öffentlichkeit während der noch laufenden Sondierungsgespräche? Wurden hier schon zu viele Pflöcke eingerammt, welche die Einigung hinter verschlossenen Türen unmöglich machten?

Eines der wichtigsten Elemente erfolgreichen Verhandelns ist der vertrauliche Umgang mit sensiblen Informationen. Es ist wiederholt vorgekommen, dass interne Informationen aus den Sondierungsgesprächen aus strategischen Gründen nach außen getragen wurden. Ein weiterer kritischer Punkt ist das Vorgehen mit den konflikthaltigen Verhandlungsthemen: Zu Beginn der Sondierungsgespräche haben die Parteien die aus wissenschaftlicher Sicht richtige Strategie gewählt und die schwierigen Themen zuerst auf die Agenda gesetzt. Dies bietet die Möglichkeit, weniger strittige Themen als Verhandlungsmasse in Gespräche mit einzubeziehen, um hierdurch gegenseitiges Entgegenkommen zu signalisieren. Wenn jedoch die weniger konflikthaltigen Themen zuerst abgehandelt werden und am Ende nur noch die strittigsten Themen auf dem Verhandlungstisch liegen bleiben, bestehen nur noch wenig (Ver-)Handlungsmöglichkeiten: Alles spitzt sich auf die zentralen Themen zu. Plötzlich gewinnen Konfliktthemen an Zentralität, die bei einer Gesamtbetrachtung aller Verhandlungsthemen eine weitaus geringere Bedeutung besitzen. So haben sich beispielsweise die gegensätzlichen Positionen zum Thema Familiennachzug am Ende der Verhandlung stark zugespitzt, auch wenn sie mit Blick auf andere Themenfelder wie die anstehenden Herausforderungen in der Europa-, der Wirtschafts- oder Umweltpolitik eine nachgeordnete Rolle spielen.