Gentechnisch veränderte Organismen (GMOs) stoßen in weiten Kreisen der Bevölkerung seit gut zwei Jahrzehnten vor allem auf Abneigung. Viele Menschen vermuten, dass GMOs gesundheitsschädlich, ja giftig sind; und dass sie Natur und Umwelt schaden. Dem gegenüber steht allerdings ein wachsender Berg wissenschaftlichen Studien, die das Gegenteil beweisen – etwa, dass GMO durchaus sichere Nahrungsmittel sind und umweltverträglicher, wenn sie nachhaltigere Landwirtschaftsprozesse voranbringen. Diese Diskrepanz zwischen der Meinung in den Köpfen und dem wissenschaftlichen Sachstand verlangt nach Erklärungen. Dabei soll keinesfalls verschwiegen werden, dass es gute Gründe dafür gibt, die Gentechnik kritisch zu begleiten – auch sie verhindert keine Herbizidresistenz, und womöglich undurchsichtige Interessen von multinationale Großkonzernen stehen dahinter. Allerdings ist das ja kaum ein Alleinstellungsmerkmal der GMO-Technologie. Warum fallen kritische Argumente also gerade im Gentechnik-Kontext auf besonders fruchtbaren Boden?

Der Kommentator Stefaan Blancke arbeitet als Philosoph an der Universität Gent und ist Mitherausgeber des Buchs "Creationism in Europe". Er beschäftigt sich mit Pseudowissenschaft und dem Einfluss von Intuition auf ihre Urteile.

In einer aktuellen Studie habe ich mich zusammen mit Biotechnologen und Philosophen der belgischen Universität Gent auf die Suche nach Antworten gemacht. Wir meinen, dass der schlechte Ruf der Genmanipulation weit verbreitet ist und gern geglaubt wird, weil er intuitiv einleuchtet: Er zapft direkt emotionale und intuitive Prozesse an, die in unser aller Köpfen unter dem Radar des Bewusstseins ständig ablaufen, mithin "leicht zu denken" sind. Was diese Routinen anspricht, wird schnell verarbeitet und verinnerlicht – und dann auch schneller weitergegeben und schließlich populär –, und zwar unabhängig davon, ob es sachlich richtig oder falsch ist. Anders gesagt: Viele Menschen sind gegen GMOs, weil es intuitiv sinnvoll scheint anzunehmen, Gentechnik sei gefährlich.

In unserer Studie finden wir Hinweise auf verschiedene intuitive Abläufe, die das Bild von GMOs in den Köpfen formen können. So fördert etwa der der menschlichen Psyche innewohnende Essentialismus die Vorstellung, dass die DNA der Zellen in gewissem Sinn die Essenz eines Wesens repräsentiert – sie also als schwer zu fassender Kern des Seins das Verhalten, die Bestimmung und Entwicklung der Identität steuert. Das lässt in vielen Menschen das unbestimmte Gefühl aufkommen, dass mit dem Transfer eines Gens zwischen zwei nicht nahe verwandten Arten auch typische Wesenszüge des einen Organismus im Empfänger aufscheinen werden. Die Verbreitung dieser Ahnung lässt sich tatsächlich bestätigen: In den USA gaben bei einer Meinungsumfrage mehr als die Hälfte aller Teilnehmer an, dass mit Fisch-DNA genmodifizierte Tomaten auch nach Fisch schmecken würden (was natürlich nicht zutrifft).

Dieser Essentialismus spielt ganz eindeutig bei der Meinungsbildung der Öffentlichkeit zur Gentechnik eine Rolle. So lehnen Menschen Gentechnik stärker ab, wenn sie auf einem "transgenen" Erbguttransfer zwischen verschiedenen Arten basiert, während der analoge "cisgene" Transfer innerhalb einer Art sie weniger stört. Anti-Gentechnik-NGOs stützen sich bei Lobbykampagnen auf dieses intuitiv wirksame Phänomen, wenn sie Bilder von Tomaten mit Fischschwänzen plakatieren oder darauf hinweisen, dass Hersteller Mais mit Skorpion-DNA anreichern, um Müslis knuspriger zu machen.

Auch die typisch menschliche intuitive Annahme von Absicht- und Zweckgebundenheit beeinflusst unsere Haltung zur Gentechnik deutlich. Sie macht etwa anfällig für die Idee, dass einem ganz natürlichen Phänomen ein Zweck innewohnt, der von einem wie auch immer gearteten Agenten beabsichtigt ist. Solche Vorstellung sind etwa die Basis religiöser Glaubenssysteme, sie beeinflussen Menschen aber auch im säkularen Kontext: etwa in dem Sinne, "die Natur" als gutmeinenden Prozess oder benevolente Entität zu betrachten, die das Ziel verfolgt, unser Wohlergehen zu sichern – woran der Mensch dann besser nicht rütteln sollte. In der Gentechnik-Opposition manifestiert sich dieser Zusammenhang, wenn Genmanipulation als "unnatürlich" abgestempelt wird und Gentechniker als jene, die "Gott spielen". Das Schlagwort "Frankenfood" soll nahelegen, was dabei auf dem Spiel steht: Sich mit Hybris gegen die Natur aufzulehnen wird katastrophale Folgen für uns heraufbeschwören.

Ekel ist ein weiterer Faktor, der die Haltung zu GMOs verändert. Als Gefühl ist der Ekel wohl im Lauf der Evolution mindestens zum Teil als Alarmsensor gegen Krankheitsgefahren entstanden: Er warnt vor Kontakt oder Konsum von potenziell krankheitserregenden Substanzen. Was möglicherweise Krankheitskeime enthält – Körperflüssigkeiten, vergammeltes Fleisch oder Maden –, stößt uns ab. Dabei reagiert das Ekelsensorium sehr sensibel: Schließlich erscheint es sinnvoll, besser einmal eine noch genießbare Speise vorsichtshalber auszulassen, als eine vergiftete und womöglich gar tödliche fälschlicherweise zu verspeisen. Konsequenz daraus ist allerdings, dass wir uns gelegentlich auch vor völlig harmloser Nahrung ekeln.

Unser Ekel-Sensor scheint auch bei GMOs anzuspringen, sobald wir eine Genmodifikation als Verunreinigung wahrnehmen. Besonders deutlich wird das dann, wenn der DNA-Spender ein vermeintlich unsauberer Organismus ist – Kakerlaken etwa oder Ratten, obwohl DNA natürlich DNA ist, egal woher sie stammt. Ekel erklärt auch, warum Menschen an die zum Verzehr gedachten Produkte "Grüner Gentechnik" höhere Ansprüche stellen als an die "Rote", die medizinische Gentechnik, die man wenigstens nicht verspeisen muss.

Besonders überzeugend wirkt Kritik an GMOs immer, sobald der Ekelsensor anspringt, sobald schwere Erkrankungen wie Krebs oder Unfruchtbarkeit als Folge von Gentechnik ins Spiel gebracht werden oder wenn sie als Bedrohung für Umwelt und Natur porträtiert wird. Und nicht umsonst werden ebendiese Argumente von Kritikern auch besonders häufig in Stellung gebracht. Das Ekelgefühl dämpft auch unsere moralische Urteilsfähigkeit und sorgt für eine schnelles negatives Pauschalurteil über alle Personen, die an der Entwicklung und Vermarktung von Gentechnikprodukten beteiligt sind. Erst im Nachklapp werden dann sachliche Argumente gesucht – in einem Versuch, das jenseits der Bewusstseinskontrolle aus emotionalen Quellen gespeiste Urteil zu rationalisieren.

Analysen der Kognitionsforschung wie unsere eignen sich keinesfalls dazu, alle denkbaren Argumente gegen GMOs zu widerlegen. Natürlich können gentechnische Anwendungen auch unerwünschte Folgen haben – wie eben die von konventionell produzierten oder Bio-Lebensmitteln auch. Allerdings sollten Risiken und Vorteile für jeden Einzelfall unabhängig von der Methode analysiert werden. Jede schon eingesetzte Anwendung hat sich bisher als sicher erwiesen und muss dies auch weiterhin. Mit Recht sollten die Ziele des Engagements multinationaler Konzerne oder die Bedrohung durch neue Herbizidmultiresistenzen hinterfragt werden; nur betrifft dies eher den vielleicht fragwürdigen praktischen Einsatz von Gentechnikprodukten und nicht "die Gentechnik" als solche. Genau diese Unterscheidung fällt aber schwer, sobald sich Anti-Gentechnik-Argumente vor allem an Emotion und Intuition des Publikums richten.

Solches Vorgehen wirkt aber und hat bereits Folgen auf die Haltung der Öffentlichkeit und auch auf die naturwissenschaftliche Ausbildung und ihre Vermittlung. Unser Geist ist anfällig dafür, wissenschaftliche Fakten gegen intuitive Überzeugungen zu tauschen – und deshalb dürfte es kaum ausreichen, mit immer neuen Fakten zu überzeugen, die die Sicherheit oder Nutzen von Gentechnik belegen, sobald das Publikum gleichzeitig einer emotional gefärbten Anti-GMO-Propaganda ausgesetzt ist.

Auf lange Sicht sollte dieser zu einer fehlgeleiteten Wahrnehmung führenden Stolperfalle ein Bildungskonzept entgegengesetzt werden, das schon früh in der Schule einsetzt und die Bevölkerung gegen unbegründete Anti-Gentechnik-Argumente immunisiert. Über die Rolle von Wissenschaft und Technologie in der Gesellschaft, aber auch über berechtigte Kritikpunkte könnte dann in einem größeren Zusammenhang besser diskutiert werden – etwa mit Bezug auf eine wirklich sinnvolle Einbettung der Techniken in der landwirtschaftlichen Praxis. Auf kurze Sicht gilt es jetzt aber, sich gegen den Trend für einen konstruktiveren Austausch in der Öffentlichkeit über Gentechnik einzusetzen. Die möglichen Vorzüge der schon entwickelten und geplanten GMOs sollten dabei nicht unter den Tisch fallen: Die Bodenqualität verbessert sich mit dem Einsatz herbizidresistenter Pflanzen, die weniger häufig gepflügt werden müssen; Bauern in armen Ländern könnten ihre Einkommenssituation verbessern, Vitamin-A-Mangelerscheinungen zurückgedrängt und virus- wie trockenheitsresistente Pflanzen Vorteile ausspielen. Angesichts solcher Chancen wäre eine andere Art des Dialogs sehr wünschenswert.