Eine Szene wie aus Frank Schätzings "Der Schwarm": Eingegraben im Sand an der Wasserlinie lauert etwas am Strand, nur die Antennen mit den Geruchssensoren ragen empor. Ein verwesender Tierkörper hat hier vielbeinige Aasfresser angelockt: Flohkrebse. Dann tritt der 16-jährige Sam Kanizay ahnungslos ins flache Wasser, scheucht die kleinen Tiere auf, verharrt regungslos … Gierig stürzt sich der Krebsschwarm auf diese neue Mahlzeit, scharfe Mundwerkzeuge schneiden große Stücke Fleisch aus Füßen und Beinen.

Diese Beißattacke wurde zum Medienrenner, nachdem der junge Australier seine blutüberströmten Fußgelenke und Füße in die Kamera gehalten hatte. Blutend war er nach Hause zurückgekehrt, sein Vater, Jarrod Kanizay, brachte ihn umgehend ins Krankenhaus. Außerdem fischte der Vater noch einige Belegexemplare aus dem Meer, so dass die Meeresbiologin Genefor Walker-Smith vom Museum Victoria in Melbourne die vielfüßigen Übeltäter schnell identifizieren konnte: Lysianassiden, die eben zu den Flohkrebsen (Amphipoden) gehören.

Die gibt es keineswegs nur in Australien – auch unser heimischer Bachflohkrebs gehört zu dieser weltweit verbreiteten Gruppe. Nun rätselt man auf allen Kontinenten, was die ungewöhnliche Beißattacke ausgelöst hat.

Vielbeinige Fressmaschinen

Sam Kanizay hatte einfach das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort stehen zu bleiben, erklärt der Taxonom und Amphipoden-Experte Oliver Coleman vom Naturkundemuseum Berlin. "Normalerweise greifen Amphipoden keine Menschen an." Wahrscheinlich stand der Jugendliche, der nach dem "footy" – so nennen die Australier ihr Rugby – seine Beine abkühlen wollte, in der Nähe einer Tierleiche, etwa eines Fisches. Aas zieht mit seinem starken Duft viele hungrige Tiere an – "Scavenger" oder Aasfresser. "So ein Flohkrebs hat vor der Mundöffnung eine Reihe von Mundwerkzeugen, die wichtigsten sind die Mandibeln. Lysianassiden haben besonders massive Mandibeln mit scharfen Kanten, so können sie wie mit Messern Stücke aus ihrer Beute herausschneiden", erklärt der Experte.

Wie jetzt auch bei Sam Kanizay. Dass der Junge davon nichts bemerkt hat, wundert Oliver Coleman gar nicht: "Das kalte Wasser betäubt Verletzungen sehr effektiv, mir ist es auch schon häufiger passiert." Der winterliche Pazifik ist um 15 Grad Celsius kühl. Mit einem Gift oder, wie die Biologin Genefor Walker-Smith mutmaßte, einem Gerinnungshemmer analog zu dem, der auch Mücken beim Trinken hilft, habe das aber nichts zu tun. "Das", so Oliver Coleman "würde keinen Sinn machen. Lysianassiden saugen kein Blut – wie etwa Egel –, sondern schneiden Fleischstückchen aus ihrer Beute. Das ist hier ja auch durch die Probennahme und das Experiment des Vaters nachgewiesen. Er hatte an der Unfallstelle einige der kleinen Krebse aus dem Wasser gefischt und sie über Nacht ein Stückchen Fleisch auffressen lassen. Für ein Antigerinnungsmittel bei Krebsen gibt es jedenfalls keinen Beweis und auch keinen Grund." Wahrscheinlich sei eher die Tiefe der Wunden der Grund, dass Sams Beine so lange bluteten.

Die Flohkrebse, die Sam Kanizay angeknabbert haben, liegen normalerweise im flachen Wasser im Sand versteckt. Niemals allein, sondern als größerer Schwarm. Dann lugen nur die ersten Antennen mit den leistungsstarken Riechhärchen über den Sand hinaus. Erschnuppern diese Chemorezeptoren einen viel versprechenden Geruch, steigt der Schwarm auf und schwimmt zur Duftquelle hin. Am Ort des Begehrens angekommen, verhaken die kleinen Krebse ihre spitzen Füßchen auf der meist bewegungslosen Beute und konzentrieren sich ganz aufs Fressen, schließlich ist nicht sicher, wann die nächste Tierleiche zu erwarten ist. Außerdem müssen kleine Aasfresser stets damit rechnen, selbst gefressen zu werden. Darum sind sie auf eine schnelle und effektive Nahrungsaufnahme spezialisiert: "Die Aasfresser unter den Flohkrebsen haben deswegen besonders große Mägen, bis zu ein Drittel der Körperlänge!" – Oliver Coleman hat schon viele der mikroskopisch kleinen Krustentiere detailliert präpariert, eine hohe Kunst, die ruhige Hände und gute Augen erfordert.

Die Kängurus unter den Krebsen

Eine weitere Besonderheit zeichnet die Flohkrebse aus: "Sie sind die Kängurus unter den Krebsen", erzählt Oliver Coleman. Die Mütter legen wenige, dafür besonders große und dotterreiche Eier. Ihren Nachwuchs tragen sie in einem Brutbeutel, dem Marsupium, mit sich umher. So hat der vielbeinige Nachwuchs einen großen Vorrat an stärkender Babynahrung, kann trotz der schlechten Umweltbedingungen schnell wachsen und wird durch die Mutter behütet. Die Weibchen sind durch ihre gefüllten Brutbeutel fette Beute für andere Tiere, darum schwimmen sie oft nicht zu Kadavern, sondern begnügen sich mit den kleinen organischen Abfällen des Detritus.

Viele Flohkrebsarten haben ausgefallene Ökosysteme wie die Tiefsee oder die antarktischen Gewässer erobert, wo Nahrung knapp ist und sie regelmäßig Hungerperioden überleben müssen. Für solche extremen Herausforderungen sind sie bestens ausgerüstet. Flohkrebse sind gute Schwimmer und können sich mit den Spitzen der Füßchen sicher auf der Beute verankern. Ihre Sinnesorgane leiten sie zur nächsten Beute. Neben den sehr guten Chemorezeptoren haben sie auch noch Sensoren für mechanische Reize: Sinnesborsten an den Beinchen nehmen Wasserströmungen wahr und geben dem Krebs außerdem Informationen über die Position seiner Beine. Weiterhin haben die Minimeeresbewohner in den meisten Fällen leistungsstarke Facettenaugen, nur die Tiefseebewohner unter ihnen sind, wie alle Tiere der Finsternis, sehschwach. In der Tiefsee, glücklicherweise weit entfernt von Badestränden, lebt auch die bis zu 30 Zentimeter große Alicella gigantea – der Gigant unter den Flohkrebsen. Die meisten Amphipoden werden zum Glück höchstens wenige Zentimeter groß.

Für den sommerlichen Badeurlaub gibt Oliver Coleman vorsichtig Entwarnung: Natürlich leben auch in europäischen Gewässern wie der Nordsee und dem Mittelmeer Flohkrebse. "Als Aasfresser haben sie eine wichtige ökologische Aufgabe", erklärt der Meeresbiologe. "Allerdings verschmähen sie auch lebende Tiere nicht – vor allem in Netzen oder Käfigen gefangene Fische, die nicht fliehen können." In der Antarktis habe er einen japanischen Kollegen getroffen, der für seine Experimente einige Eisfische lebend fangen wollte.

"Als er das Netz aus dem Wasser zog, waren darin nur noch die Mittelgräten der Fische zu sehen und wimmelnde Heerscharen von kleinen gelblichen Amphipoden." An einigen Stellen sei noch sichtbar gewesen, dass die Krebse sich mit Fraßgängen in die lebenden Fische hineingebohrt hatten. "Aber ich habe noch nie von einem Fall gehört, in dem sie einen Menschen gebissen haben", beruhigt Coleman. "Mir selbst ist es auch noch nie passiert." Für Strandurlauber besteht also keine Gefahr – zumindest sofern sie sich von toten Fischen fernhalten.