Wie Fußgänger auf eine rote Ampel reagieren, ist stark von der kulturellen Prägung in einem Land abhängig. Ein Team französischer Verhaltensforscher hat diese Alltagsweisheit nun mit wissenschaftlichen Methoden untermauert. Die Forscher stellten an insgesamt sieben Straßenübergängen in Straßburg und der japanischen Stadt Nagoya Kameras auf. Anschließend beobachteten sie an einem normalen Arbeitstag, wie sich 5500 Passanten verhielten, wenn sie an einer roten Ampel warten mussten.

Das Resultat ist deutlich: Während sich bloß zwei Prozent der Japaner bei Rot über eine befahrene Straße trauten, waren es in Frankreich 42 Prozent. Die Sozialpsychologen führen den Unterschied darauf zurück, dass Regelkonformität in der japanischen Kultur eine größere Rolle spielt. Sie interessierten sich außerdem dafür, wie leicht sich Japaner und Franzosen zum Regelverstoß anstiften ließen. Einem Fußgänger in einer wartenden Menschentraube, der als Erster bei Rot loslief, folgten in Frankreich im Durchschnitt doppelt so viele Menschen wie in Japan.

Mit der Arbeit wollen die Forscher einen Beitrag zu der sozialpsychologischen Frage leisten, inwieweit unsere Mitmenschen unser Verhalten in Risikosituationen beeinflussen. Offenbar tragen andere Passanten an einer roten Ampel dazu bei, dass sich Menschen häufiger an die Regeln halten. Das gilt sowohl in Frankreich als auch in Japan. Darauf deutet zumindest der Vergleich mit einer älteren Studie hin, der zufolge Franzosen und Japaner noch deutlich häufiger bei Rot loslaufen, wenn sie allein an einer Ampel warten.

Die Sozialpsychologen konnten zudem ein bereits bekanntes Phänomen aus der Risikoforschung bestätigen: Männer gehen deutlich häufiger bei Rot über die Straße als Frauen und treffen diese Entscheidung auch schneller. Während sich bloß ein Viertel der Frauen dazu hinreißen ließ, waren es 40 Prozent der beobachteten Männer. Die Forscher schlagen vor, ein lautes Warnsignal an Ampeln zu installieren, das Fußgänger davon abhalten soll, einem Regelbrecher bei Rot hinterherzueilen.