Herr Sievert, Mädchen haben in puncto Bildung die Nase gegenüber Jungen vorn. Sie schreiben in Ihrer Studie: Nimmt man den Geburtsjahrgang 1992 als Referenz, schließen aktuell rund 51 Prozent der Mädchen die Schule mit Hochschulreife ab, aber nur 41 Prozent der Jungen. Jungs beenden dagegen häufiger nur die Hauptschule oder scheiden ganz ohne Abschluss aus dem Bildungssystem aus. Seit wann gibt es diese Entwicklung?

Stephan Sievert: Die entscheidende Wende kam mit den Geburtsjahrgängen der frühen 1970er Jahre, die Anfang der 1990er Jahre fertig wurden. Hier machten erstmals Mädchen im Durchschnitt bessere Abschlüsse als Jungen. Seitdem haben sie den Abstand zu ihren Mitschülern stetig vergrößert. Erst in den vergangenen Jahren stagnierte diese Entwicklung wieder ein wenig.

Stephan Sievert
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Und seitdem sind Mädchen die Überflieger und Jungen die förderbedürftigen Problemschüler. Oder ist das etwas zu kurz gedacht – gerade mit Blick auf die so genannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik)?

Das ist tatsächlich zu kurz gedacht. Der gravierendste und vielleicht auch wichtigste Aspekt in Bezug auf Geschlechterunterschiede in der Bildung ist natürlich der Abschluss. Er stellt die Weichen für den Eintritt in den Arbeitsmarkt und die späteren Karrierechancen. Wir beobachten aber auch weiterhin das bekannte Muster, dass Mädchen vor allem in Deutsch und in den Fremdsprachen deutlich besser sind als Jungen. Diese Fächer werden in Leistungsstudien wie zum Beispiel Pisa oft unter dem Stichwort "Lesen" zusammengefasst. Der Vorsprung ist bei 15-Jährigen hier größer als der Lernzuwachs von einem Schuljahr.

Gleichzeitig haben in Mathematik weiterhin die Jungen die Nase vorn. Sie sind hier zwar nicht so viel besser, wie die Mädchen es im Lesen sind, aber es zeigt sich doch eine klare Zweiteilung zwischen den naturwissenschaftlichen Fächern auf der einen und den sprachlichen Fächern auf der anderen Seite. Es ist wichtig, dass wir beide Unterschiede im Blick behalten. Denn fächerspezifische Muster können ebenfalls Konsequenzen für den weiteren Lebensweg haben. Wenn Mädchen zum Beispiel früh technische Fächer abwählen und sich so später den Zugang zu einem Ingenieurstudium verbauen, dann ist das genauso wenig wünschenswert, wie dass Jungen seltener ihr Abitur machen.

Wie kommen diese Unterschiede zu Stande?

Grundsätzlich durch ein Zusammenspiel von angeborenen und anerzogenen Faktoren. Es gibt biologische Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen – etwa hinsichtlich der Hormone und des Gehirnaufbaus –, die einen Einfluss auf ihre schulischen Leistungen haben. Das Gehirn reift bei Mädchen früher und verschafft ihnen Vorteile bei sprachlichen Aufgaben, Jungen haben dagegen Vorteile im verbal-räumlichen Denken. Diese Unterschiede sind aber nicht so groß, dass sie zwangsläufig auch zu unterschiedlichen Leistungen führen müssen. Wichtiger ist dafür, wie wir mit diesen Unterschieden umgehen, inwiefern wir sie betonen oder ob wir versuchen, sie zu nivellieren. Der entscheidende Faktor ist letztlich das soziale Umfeld, also Eltern, Lehrer, ältere Mitschüler oder auch die Medien. Sie leben Kindern bestimmte Rollenbilder vor, während diese aufwachsen und ihre Geschlechtsidentität aufbauen.

Der Hauptgrund dafür, dass Jungen schlechtere Noten bekommen und anschließend weniger gute Abschlüsse machen, liegt in ihrem Verhalten. Sie sind nicht weniger intelligent als Mädchen, aber sie passen im Unterricht oft weniger auf, machen seltener die Hausaufgaben, lesen nicht so viel in ihrer Freizeit. All das sind Dinge, die sie aus ihrem Umfeld nach wie vor ein wenig als typisch männliche Verhaltensweisen vorgelebt bekommen: im Unterricht stören, Autoritäten in Frage stellen, Fußball statt Bücher.

"Jungen sind nicht weniger intelligent als Mädchen, aber sie passen im Unterricht oft weniger auf, machen seltener die Hausaufgaben, lesen nicht so viel in ihrer Freizeit"

Bei den Mädchen sieht es mit den MINT-Fächern ähnlich aus. Mathematik gilt als Jungenfach, als Knobeltüftelfach mit Zahlen. Das drückt auf das Selbstvertrauen der Mädchen und sorgt schließlich wie eine Art selbsterfüllende Prophezeiung dafür, dass sie auch tatsächlich schlechter abschneiden.

Trotz schlechterer Abschlüsse sagt man Männern auf dem Arbeitsmarkt aber nach wie vor die besseren Chancen nach.

Ich würde das nicht gegeneinander aufrechnen. Es ist nicht gut, dass Frauen bei gleicher Arbeit weniger verdienen als Männer oder am Ende immer bei den Studienfächern landen, die ihnen schlechtere Karrierechancen bieten. Aber das ist ein anderes Thema. Und abgesehen davon: Wenn es wirklich dabei bleibt, dass Mädchen häufiger Abitur machen als Jungen, dann wird sich diese Entwicklung in Zukunft auch stärker auf dem Arbeitsmarkt niederschlagen. Es sollte nicht das Ziel sein, ein Gleichgewicht zwischen beiden Benachteiligungen herzustellen, sondern beide zu beseitigen!

Was kann man denn tun, damit Mädchen und Jungen zumindest in der Schule wieder gleichauf liegen?

Ich glaube, dafür gibt es kein Patentrezept. Es heißt oft, Jungen bräuchten einfach nur mehr männliche Lehrer als Vorbild und dann werde das schon wieder. Oder Jungen und Mädchen müssten getrennt unterrichtet werden, damit beide aus ihren Geschlechterrollen ausbrechen und ihr gesamtes Potenzial entfalten können. Doch empirische Studien zeigen, dass beides keinen großen Effekt auf das Lernverhalten von Jungen und Mädchen hat.

Am meisten kommt es wie immer auf die Lehrkraft an. Sie muss die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen und deren Ursachen kennen und wissen, wie sie damit am besten umzugehen hat. Das tun heute schon viele Lehrer, es sollte aber noch stärker in den Fokus gerückt werden. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass es für Jungen vielleicht sogar noch wichtiger als für Mädchen ist, einen engagierten Lehrer zu haben. Sie lassen sich bei Pädagogen, die selbst nicht bei der Sache sind, leichter ablenken und folgen dann dem Unterricht nicht mehr. Andere Studien zeigen, dass Jungen eher von einem strukturierteren Unterricht mit höheren Anforderungen profitieren, bei dem sich abweichendes Verhalten sofort in fehlendem Lernerfolg niederschlägt. Den können sie praktisch als Entschuldigung dafür nutzen, mehr für die Schule zu tun. Unter Jungen sind gute Noten nämlich im Allgemeinen nicht so anerkannt wie unter Mädchen. Vielleicht, wenn man sie durch natürliche Begabung mal eben mit links bekommt, aber für die Schule zu arbeiten, gilt oft als uncool.

Insgesamt gibt es viele verschiedene Ansätze. Wichtig ist, dass man in den Unterricht schaut und nicht einfach nur am Schulsystem herumschraubt.

Warum funktionieren denn populäre Ansätze wie getrennte Klassen für Jungen und Mädchen und mehr Unterricht durch männliche Lehrer nicht?

Die Frage ist: Warum sollten sie funktionieren? Hinter der Forderung nach mehr männlichen Lehrern steckt etwa der Gedanke, dass Lehrerinnen Mädchen wohlwollender behandeln und Jungen ohne männliche Vorbilder etwas zur Identitätsbildung fehlt. Studien zeigen aber, dass Lehrerinnen Jungen gar nicht schlechter behandeln oder sich bei der Notengebung übermäßig davon leiten ließen, dass Mädchen im Schnitt vielleicht ein besseres Sozialverhalten an den Tag legen. Und auch bei den Vorbildern ist das nicht so einfach. Hier ist viel entscheidender, wie es in den Familien aussieht.

Sie deuten in Ihrer Studie bereits an, dass sich auch in anderen Ländern unterschiedliche Bildungserfolge bei Jungen und Mädchen abzeichnen. Wie stehen wir im internationalen Vergleich da?

Die Fächerunterschiede – also dass Mädchen besser im Lesen und Jungen besser in Mathe sind – sind in Deutschland tatsächlich relativ stark ausgeprägt. Woran das genau liegt, ist schwer zu sagen. Es könnte damit zusammenhängen, dass das deutsche Bildungssystem die Schüler sehr früh trennt und viele verschiedene Wege kennt. Generell ist das Muster im Ausland eher ein anderes als in Deutschland – nämlich dass Mädchen in den Ländern, in denen die Geschlechtergleichstellung besonders gut ist, auch insgesamt einfach viel besser sind. Vor allem in den skandinavischen Ländern sind die Mädchen besonders gut im Lesen, sie bleiben aber auch in Mathematik weniger stark zurück. Es gibt sogar inzwischen einige Länder, in denen Mädchen auch in Mathe besser sind als Jungen. Dadurch weiten sie ihren Vorsprung noch einmal aus.

Der unterschiedliche Lernerfolg von Jungen und Mädchen ist ja nicht das einzige Beispiel, an dem die Chancenungleichheit im Bildungssystem sichtbar wird. Als wie gravierend ordnen Sie das Problem im Hinblick auf die Benachteiligung ein, die etwa Kinder aus Nichtakademikerfamilien erfahren?

Die Unterschiede zwischen Akademiker- und Nichtakademikerkindern sind laut der Pisa-Studie größer als die zwischen Jungen und Mädchen. Kinder aus Nichtakademikerfamilien hängen nicht nur beim Lesen rund ein Schuljahr hinterher, sondern in allen Fächern. Das bedeutet aber nicht, dass die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen unwichtig sind. Sie haben Einfluss auf die späteren Karrierechancen und sollten daher genau im Auge behalten werden.

Vielen Dank für das Gespräch!