Vater und Sohn, beide gekleidet im Superhelden-Look. Darüber der Spruch: "Bleib mein Held. Darmkrebsvorsorge rettet Leben." Dieses Werbeplakat der Kampagne "Deutschland gegen Darmkrebs" hängt in zahlreichen gastroenterologischen Praxen. Es gibt weitere, mit ähnlichen Motiven. Alle haben die gleiche Aussage: Papa, du bist ein ganzer Kerl, wenn du regelmäßig zur Krebsvorsorge gehst!

Denn genau daran hapert es bei vielen Männern in Deutschland: Im Gegensatz zu Frauen machen sie sich im Schnitt weniger Gedanken um ihre Gesundheit und nehmen seltener Präventionsangebote in Anspruch. Laut einer Studie im Auftrag der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind Männer mittlerweile zwar recht gut informiert, was die Vorsorge anbelangt, doch nur 40 Prozent der Befragten aus allen Altersgruppen und Bildungsmilieus gaben an, regelmäßig an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen teilzunehmen. Bei den Frauen waren es dagegen gut 67 Prozent.

"Obwohl sich in den vergangenen Jahrzehnten gesellschaftlich so viel geändert hat, sind die alten Rollenbilder immer noch sehr lebendig", sagt Karsten Müssig, Stellvertretender Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie an der Uniklinik Düsseldorf. "Und viele Eltern befeuern unbewusst das Klischee vom starken Mann, den nichts umhaut und der sich Schwäche nicht anmerken lässt: Indem sie Mädchen eher als Jungen zugestehen, auch mal zu weinen, sei es aus Schmerz oder Frustration." Krankheit werde von den meisten Männern mit Schwäche gleichgesetzt und zum Arzt zu gehen, bedeute, dass man diese Schwäche eingestehe.

"Während für die meisten Frauen Gesundheit gleichbedeutend mit Wohlbefinden ist, bedeute sie für Männer einfach Funktionsfähigkeit", erklärt Müssig. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Männer oft erst dann zum Arzt gehen, wenn sie eben nicht mehr "funktionieren". Rechtzeitig zu Kontrolluntersuchungen zu gehen, würde dagegen bedeuten, dass "Mann" zugibt, potenziell verletzbar zu sein.

Vorsicht ist "uncool"

Karsten Müssig, der auch Leiter des Klinischen Studienzentrums am Deutschen Diabetes-Zentrum ist, beobachtet diese Haltung schon bei Typ-1-Diabetes-Patienten im Teenageralter: Das Alltagsverhalten erkrankter Jungen sei deutlich riskanter als das der Mädchen. Deshalb müssten Jungen mit Diabetes viel häufiger als ihre Altersgenossinnen stationär behandelt werden, unter anderem weil der Blutzuckerspiegel neu eingestellt werden müsse. "Jungen reagieren auf den Gruppendruck durch ihre männlichen Altersgenossen: Das regelmäßige Messen der Blutzuckerwerte und entsprechende Vorsicht bei der Ernährung gelten als uncool. Beides wird deshalb vernachlässigt." Weil ein solches Verhalten lebensbedrohlich ist, sterben fünfmal so viele Jungen wie Mädchen an Diabetes.

Passend zum Bild des Präventionsmuffels bestehen auch Diabetes-Selbsthilfegruppen meist zu 90 Prozent aus Frauen. "Frauen sind insgesamt kommunikativer und fühlen sich deshalb auch in einer Gruppensituation wohl, in der sie sich ausführlich mit anderen austauschen können. Männer machen dagegen lieber vieles mit sich selbst aus. Den Besuch einer Selbsthilfegruppe betrachten viele als Schwäche. Sie nehmen eher Einzelberatungsangebote wahr", so Müssig.

Männer gehen zur Arbeit und nicht zum Arzt
Peter Kölln, Arbeitsmediziner

Dass Männern zugleich oft nachgesagt wird, sie seien wehleidig und würden jede harmlose Erkältung zu einer schweren Bronchitis dramatisieren, ist für Karsten Müssig kein Widerspruch: "Männer sind viel stärker als Frauen verunsichert und leiden darunter, wenn etwas mit ihrem Körper nicht stimmt, denn das bedeutet Kontrollverlust." Der auf die Behandlung von Männern spezialisierte Psychotherapeut und Buchautor Björn Süfke fasst es so zusammen: Männer kümmerten sich erst dann um ihre körperliche wie seelische Gesundheit, wenn sie entweder von ihrer Frau dazu gedrängt würden("wife mandated"), vom Gericht dazu verdonnert ("court mandated") oder aber ihr Haus- oder Betriebsarzt sie auf Grund einer Diagnose zu einem Spezialisten schicke ("doc mandated").

Der Bremer Arbeitsmediziner Peter Kölln, der auf acht Jahre Erfahrung als Betriebsarzt zurückblicken kann, sagt deshalb: "Männer gehen zur Arbeit und nicht zum Arzt. Holen wir sie doch einfach dort ab! Männer müssen direkt angesprochen werden – von alleine kommen sie nicht." Das bedeute jedoch nicht, dass sie beratungsresistent seien, man müsse oft nur den richtigen Ton treffen. Kölln hat im Alltag oft mit Arbeitern zu tun und hat eine eigene, spezielle Art entwickelt, sie anzusprechen: "Humor ist ganz wichtig. Wenn ich einem Werftarbeiter einen medizinischen Vortrag halte, ist der gleich wieder weg." Statt eine Koloskopie (Darmspiegelung) zu empfehlen, bemerkt Kölln dann zum Beispiel: "Ich glaube es wäre Zeit für eine große Hafenrundfahrt."

Auch das Thema Prostatakrebs versuche er immer so anschaulich und auch humorvoll zu erklären, dass die Patienten anschließend bereit seien, sich von ihm zeigen zu lassen, wie man selbst seine Hoden abtaste. Mit weiblichen Patienten wiederum rede er anders – sachlicher, vorsichtiger. Denn viele reagierten sensibel auf einen humorvollen und direkten Tonfall und fühlten sich dann womöglich nicht ernst genommen.

An den Spieltrieb appellieren

Köllns Erfahrung nach bekommt man Männer auch dann eher dazu, mehr auf ihre Gesundheit zu achten, wenn man an ihren Spieltrieb und ihre Freude am Wettbewerb appelliert. "Gesundheits-Apps fürs Smartphone, mit denen man Schritte, Ernährung, Herzfrequenz und so weiter erfassen kann, sind darum gut geeignet."

Aber auch den extremen Gegensatz zum Gesundheitsmuffel hat Kölln bereits erlebt. "Beim Gesundheits-Check-up hatte ich mit Führungskräften zu tun, die über ihren körperlichen Zustand wie über leistungsstarke Autos gesprochen haben", erinnert er sich. Der Arbeitsmediziner hat für sein Buch "Männer im Betrieb(s)Zustand" zahlreiche Interviews mit Personen aus verschiedenen Bereichen geführt: mit Angestellten, Arbeitern, Ärzten, Vorgesetzten, Psychologen. Kölln machte noch weitere interessante Beobachtungen: Frauen in Toppositionen gleichen sich in ihrem Gesundheitsverhalten häufig Männern an, "insofern als sie auch erst dann zu Hause bleiben und einen Arzt konsultieren, wenn aus der Erkältung eine Lungenentzündung geworden ist". Hier wirkt offenbar stark eine Art Unabkömmlichkeitssyndrom.

Je bildungsferner Männer sind, desto weniger achten sie auf einen gesunden Lebenswandel und auf Gesundheitsvorsorge
Anne Starker, Gesundheitswissenschaftlerin

Fakt ist: Männer pflegen im Durchschnitt einen risikoreicheren Lebensstil als Frauen, egal, ob es dabei um ihre Hobbys oder um ihren Alkoholkonsum geht. Auch hier greift wieder das das Bild vom starken und trinkfesten Mann. Laut Studien der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind deutlich mehr Männer als Frauen Alkoholiker.

Bei der Medikamentenabhängigkeit ist es genau umgekehrt: Mehr als zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen, fand die Techniker Krankenkasse heraus. Häufiger als Männer leiden sie unter Depressionen, Schlaf- und Angststörungen sowie chronischen Schmerzen. Daher kommen Frauen auch häufiger mit Medikamenten in Kontakt, die abhängig machen können. Darüber hinaus greifen vor allem Frauen auf aktivierend wirkende Appetitzügler zurück, meistens um dem gesellschaftlichen Frauenbild oder den Schönheitsidealen zu entsprechen. Auch das hat Suchtpotenzial.

Laut Untersuchungen des Robert Koch-Instituts (RKI), das 2014 einen "Bericht zur gesundheitlichen Lage der Männer in Deutschland" veröffentlichte, variiert das Gesundheitsverhalten von Männern zum Teil enorm. "Der Bildungsstand spielt eine große Rolle. Je bildungsferner Männer sind, desto weniger achten sie auf einen gesunden Lebenswandel und auf Gesundheitsvorsorge", sagt Anne Starker, Gesundheitswissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am RKI. Auch bei Frauen hat ein geringer Bildungsstatus einen negativen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten, insgesamt ist das Problem bei ihnen dennoch kleiner. "Sie sind anders sozialisiert als Männer, und traditionell sind es Frauen, die die Gesundheitsfürsorge in der Familie übernehmen. Auch finden sie leichter Zugang zum Gesundheitssystem, weil sie meist schon im Teenageralter anfangen, regelmäßig zum Gynäkologen zu gehen, vor allem, wenn sie Verhütungsmittel wie Pille oder Spirale benutzen, die immer wieder Kontrollen erfordern", so Starker.

Auf Männer zugeschnittene Angebote

Wie müssen Gesundheitskampagnen oder Präventionsangebote gestrickt sein, um Männer zu erreichen oder sogar ihr Interesse zu wecken? "Wer Männer für präventive Yoga- oder Rückenkurse gewinnen will, sollte die richtigen Formulierungen wählen: Es sollten lieber die Stärkung der Muskelkraft, Flexibilität und Ausdauer hervorgehoben werden, anstatt von besserem Körpergefühl zu sprechen", meint die Wissenschaftlerin. Das deckt sich mit der Beobachtung anderer Gesundheitsexperten: Von Begriffen wie "Körpergefühl" werden eher Frauen angesprochen. Auch der Hinweis, warme Socken zum Kurs mitzubringen, könnte Männer eher abschrecken, weil sie das als "unmännlich" empfinden, während Frauen das positiv als Fürsorge einordnen. Anne Starker sagt: "Kursangebote speziell für Männer könnten eine gute Lösung sein."

Als gelungenes Beispiel nennt Anne Starker die Kampagne "Achte auf deine Nüsse" des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Mit einer lockeren Ansprache transportiert der Verband Informationen zu urogenitalen Auffälligkeiten beziehungsweise Erkrankungen wie Vorhautverengung, Hodentorsion oder Nebenhodenentzündung. Die Hodenabtastung wird jugendgerecht anhand von Zeichnungen gezeigt.

Auch bei der BZgA ist man sich dessen bewusst, dass es eine Herausforderung darstellt, männliche Zielgruppen mit Vorsorgekampagnen zu erreichen. Alle zwei Jahre veranstalten die Gesundheitsaufklärer eine Männerkonferenz mit zahlreichen Experten. Dort wird unter anderem auch diskutiert, wie man sich zum Beispiel das Medien- und Onlineverhalten von Männern zu Nutze machen kann. Männermagazine und -portale wie "Men's Health", die inhaltlich um Gesundheit, Partnerschaft und den perfekten Körper kreisen, könnten durchaus ein geeignetes Vehikel sein, um die Notwendigkeit regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen zu propagieren, so BZgA-Referent Siam Schoofs. Schoofs ist Mitglied des BZgA-Arbeitskreises Männergesundheit und ebenso wie der Arbeitsmediziner Peter Kölln der Ansicht: "Man muss die Männer dort abholen, wo sie sind. Deshalb spielen Betriebsärzte und Sportangebote im Betrieb, aber auch Angebote der Krankenkassen eine große Rolle. Auch Schulen sind wichtige Partner für uns bei der Aufklärungsarbeit. Je früher Jungen über präventive Maßnahmen aufgeklärt werden, desto besser."

Die Präventionsmuffel am richtigen Ort abzuholen bedeutet jedoch ebenso: "Um Männer, egal welchen Alters, entgegen der gängigen Rollenbilder dazu zu bringen, ihrer Gesundheit mehr Aufmerksamkeit zu widmen und Präventionsangebote wahrzunehmen, kann es in Kampagnen helfen, die üblichen Rollenklischees erst einmal zu bedienen oder sogar satirisch zu überspitzen." Sehr wirkungsvoll seien Testimonials aus dem Sport, speziell aus dem Fußball. So ließ sich vor einigen Jahren beispielsweise Rainer Bonhof, Vizepräsident des Erstligisten Borussia Mönchengladbach, für eine Darmkrebsvorsorgekampagne einspannen. Im Übrigen würden alle neuen BZgA-Kampagnen – sei es zum Thema HIV, Geschlechtskrankheiten oder Krebsvorsorge – vor dem Start einem kritischen Pre-Testing durch die Zielgruppen unterzogen, sagt Schoofs, "um sicherzugehen, dass wir mit den Postern, Flyern und Websites richtig liegen."