Mit dem Schuleintritt ändert sich für Kinder vieles: Während im Kindergarten die Hierarchien noch eher flach sind, müssen sich die Kleinen in der Schulklasse ihren Platz erst erkämpfen. Doch wie kommt es dazu, dass sich manche Kinder scheinbar mühelos integrieren, während andere an den Rand der Gruppe gedrängt werden? Da sozialer Ausschluss in der Schulzeit ernste Konsequenzen – von Depressionen bis hin zu Jugendkriminalität – haben kann, hat sich ein spanisches Forscherteam um Francisco Juan García Bacete diese Prozesse genauer angesehen. 853 Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren lieferten im Rahmen einer Befragung ganze 2934 Gründe, warum ihnen der eine oder andere Klassenkamerad unsympathisch ist. Der Forschungsbericht erschien im Fachmagazin "Frontiers in Psychology".

Die Vorgehensweise der Wissenschaftler war relativ simpel: Anhand eines Klassenfotos mussten die Kinder zeigen, welche Mitschüler sie am wenigsten mochten, und bis zu fünf Gründe dafür liefern, warum sie mit diesen nicht gut auskamen. Dabei fielen Aussagen wie "Er will nicht mein Freund sein", "Er geht komisch, "Sie heult den ganzen Tag", "Sie macht ihre Hausaufgaben nicht" oder "Er schlägt". Im nächsten Schritt fassten die Forscher die Aussagen der Kinder dann mit Hilfe der Methode der "Grounded Theory" zu sinnvollen Kategorien zusammen.

Vier der Kategorien umfassten am Ende Kritikpunkte, die mit dem Verhalten des unbeliebten Kindes in Verbindung standen. Die größte Kategorie bildeten aggressive Verhaltensweisen, worunter sowohl verbale Beschimpfungen als auch körperliche Gewalt fallen: vom Spucken über das Reißen an den Haaren bis hin zu Schulhofschlägereien. An zweiter Stelle standen störende Verhaltensweisen, wozu die Forscher zum Beispiel dumme Wortmeldungen oder unnötige Unterbrechungen zählen. Die dritte Kategorie umfasste schwieriges Verhalten in sozialen Situationen und in der Schule – schlechte Schulleistungen, Stehlen oder das Provozieren des Lehrpersonals fallen darunter. Zuletzt gaben die Kinder an, dass auch dominantes Auftreten, wie das Herumkommandieren anderer, ein Grund sein kann, um Mitschüler zu meiden.

Ausschluss liegt nicht nur am Verhalten

Die Forscher warnen jedoch davor, dem unbeliebten Kind die alleinige Schuld für den Ausschluss durch einen Mitschüler oder die gesamte Gruppe zuzuschieben. "Was in Wirklichkeit zur Ablehnung führt, ist, wie die Zurückweisenden das Verhalten des Kindes interpretieren und ob sie glauben, dass dieses einen negativen Einfluss auf sie selbst oder auf ihre soziale Gruppe haben wird", erklärt García Bacete. Außerdem sei zu bedenken, dass gewisse problematische Verhaltensweisen vielleicht überhaupt erst deswegen auftreten, weil ein Kind sich an den Rand der Gruppe gedrängt fühlt.

Die fünfte Kategorie, die die Forscher aus den Aussagen der Kinder bildeten, umfasste schließlich ganz einfach persönliche Vorlieben: Kinder mögen ihre Freunde oder Fußball. Wer etwas anderes mag als sie, macht sich automatisch unbeliebt. Zudem kann auch die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe zu Zurückweisung führen – darunter fallen für die Forscher Aussagen wie "Sie ist ein Mädchen", "Sie ist Rumänin" oder "Er ist neu". In der letzten Kategorie fassten die Wissenschaftler jene Ausschlussgründe zusammen, die darauf basieren, dass die Kinder sich eigentlich zu wenig kennen, wie "Ich kenne ihn/sie nicht" oder "Wir spielen nicht miteinander".

Der Forschungsansatz der spanischen Wissenschaftler zeigt, dass Kinder schon sehr früh wissen, was sie an anderen stört – und dass auch Stereotype, etwa in Bezug auf die Abstammung ihrer Mitschüler, bereits im kindlichen Gehirn verankert sind. Zudem kristallisiert sich heraus, dass die ausgeschlossenen und schlimmstenfalls gemobbten Kinder oftmals selbst wenn sie wollten gar nichts an ihrem Verhalten ändern können – es hängt bei der Bildung von sozialen Beziehungen vieles davon ab, ob man gemeinsame Interessen und Vorlieben hat oder nicht.

García Bacete und Kollegen plädieren deshalb dafür, Zurückweisung und Mobbing schon früh in der Schullaufbahn zu thematisieren. "Diese Studie unterstreicht, wie wichtig es ist, Kindern beizubringen, negative Reputation, Stereotype und Vorurteile zu erkennen und abzubauen und auch die Konsequenzen ihres Verhaltens auf sich selbst und andere zu verstehen. Positive Beziehungen sollten gefördert werden – du sollst andere respektieren, nicht nur deine Freunde", resümiert der Forscher.