Lebenslanges Lernen – so lautet die Devise in unserer Wissensgesellschaft. In der Tat zeichnet den Menschen die bemerkenswerte Fähigkeit aus, sich auch noch im hohen Greisenalter neue Fähigkeiten und neues Wissen anzueignen. Doch die wahren Spezialisten in Sachen Lernen sind und bleiben die Kinder: Auf das Tempo und die spielerische Leichtigkeit, mit der Klein Hänschen sein tägliches Lernpensum bewältigt, kann der erwachsene Hans nur neidisch herabblicken.

Erich Kasten
© Erich Kasten
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Dabei durchläuft jedes Kind mehrere Entwicklungsphasen, die fließend ineinander übergehen und die sich gezielt fördern lassen. "Das menschliche Gehirn ist neurobiologisch darauf vorbereitet, in einem bestimmten Abschnitt der kindlichen Entwicklung ganz bestimmte Fähigkeiten zu erlernen", weiß der Psychologe Erich Kasten von der Universität Lübeck. Wer daher von seinem Sprössling ständig Leistungen verlangt, die in dem entsprechenden Stadium noch gar nicht erbracht werden können, darf sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs überfordert, frustriert oder sogar depressiv reagiert. Ein Anderthalbjähriger kann eben seine Blase noch nicht kontrollieren – da hilft auch Schimpfen nicht.

Die ersten Lektionen

Das lebenslange Lernen setzt jedoch längst nicht erst mit der Geburt ein. Bereits ab dem zweiten Schwangerschaftsmonat beginnt der Embryo, erste Sinneswahrnehmungen wie Fühlen und Schmecken zu verarbeiten. Im vierten Monat lassen sich Groß- und Kleinhirn unterscheiden; das Ungeborene kann hören und gewöhnt sich an Stimme und Sprachrhythmus der Mutter. Selbst Musikstücke, die einst im Mutterleib wahrgenommen wurden, kann das Kind nach seiner Geburt wiedererkennen. Ein Besuch in der Techno-Disko ist Schwangeren allerdings nicht zu empfehlen – schnelle und dumpfe Bässe stressen das Baby im Bauch.

Kaum auf der Welt, beginnt eine neue Lektion – mit dem ersten Schrei. "Schreien ist die Wurzel des Verständigungsvermögens", erklärt Kasten. "Das Neugeborene lernt: Wenn ich Geräusche produziere, bekomme ich Aufmerksamkeit."
"Schreien ist die Wurzel des Verständigungsvermögens"
(Erich Kasten)
Damit erschließt sich der neue Erdenbürger die Grundlage einer wesentlichen menschlichen Fähigkeit: der Sprache. Wie elektrophysiologische Untersuchungen zeigten, erfassen bereits Neugeborene den Rhythmus verschiedener menschlicher Idiome. Spielt man ihnen jedoch das gesprochene Wort rückwärts vor, geht diese Fähigkeit verloren. Das menschliche Gehör scheint demnach auf typische Charakteristika der Sprache besonders geeicht zu sein.

Säugling
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In seinen ersten Lebensjahren saugt der Mensch besonders viel Wissen auf – das Gewicht des Gehirns verdreifacht sich bis zum ersten Geburtstag von 250 auf rund 750 Gramm. Die Anzahl der Schaltstellen zwischen Nervenzellen nimmt jetzt rasch zu; im Alter von zwei Jahren besitzt das Kleinkind bereits genauso viele Synapsen wie ein Erwachsener. Interessanterweise haben Dreijährige sogar deutlich mehr Neurone als ihre Eltern. Das kindliche Gehirn beginnt dann aufzuräumen: Überflüssige, nicht benötigte Synapsen verschwinden, wichtige werden gestärkt und ausgebaut.

Dabei entwickeln sich die einzelnen Bereiche des Gehirns unterschiedlich schnell. Während das Wachstum des Sehzentrums im Hinterhauptslappen bereits am Ende des ersten Lebensjahres weit gehend abgeschlossen ist, reift der Stirnlappen, in dem Sozialverhalten und Intelligenz angelegt sind, zwischen dem dritten und sechsten Jahr heran. Damit durchläuft das Kind verschiedene sensible Phasen, in denen bestimmte Fähigkeiten am besten gefördert werden können. So lässt sich eine Sprache nur dann perfekt beherrschen, deren Basis schon vor Beginn der Schulzeit erlernt wurde.

Zehn Monate altes Kleinkind
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Das Lernen verändert wiederum die Großhirnrinde, die regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen landkartenförmig organisiert: Nervenzellen, die auf ähnliche Eingaben reagieren, liegen nahe beieinander, und Häufiges wird durch mehr Nervenzellen repräsentiert als Seltenes. Dabei scheint die Entstehung der Karten selbst auch das Signal für deren Verfestigung darzustellen. Später kann eine verfestigte Hirnkarte nur noch in geringem Ausmaß verändert werden.

Die Entwicklung des Gehirns schreitet beim Jugendlichen weiter fort. Es entstehen zwar kaum noch neue Nervenzellen, über neu gebildete Verknüpfungen können jedoch auch im höheren Lebensalter neue Fähigkeiten erlernt werden. Wer sich mit dem Einpauken von Vokabeln oder eines Gedichts geplagt hat, weiß: Je häufiger wir eine solche neuronale Verbindung benutzen, umso stärker wird sie.

Segen oder Fluch

Heftig unter Hirnforschern und Psychologen umstritten ist, ob und in wie weit moderne Medien wie Fernseher oder Computer die Entwicklung Heranwachsender unterstützt. "Computer oder Videogames können gefährlich werden – sie können süchtig machen", warnt Erich Kasten. "Gerade Jugendliche mit Problemen in der realen Umwelt, neigen dazu, sich in die virtuelle Scheinwelt zu flüchten. Dies kann so weit gehen, dass sie gedanklich mehr mit der irrealen PC-Gamewelt verhaftet sind und Probleme im wirklichen Leben nicht mehr lösen können; sie ziehen sich immer weiter von Freunden, Bekannten und Familie zurück. Zudem unterdrücken viele Games kreatives Denken."

Der Psychologe möchte jedoch auf keinen Fall die Technik "generell verteufeln", sondern betont:
"Computer oder Videogames können gefährlich werden"
(Erich Kasten)
"Der Computer ist in der heutigen Zeit ein wichtiges technisches Hilfsmittel, und Kinder sollten lernen, dieses Medium richtig einzusetzen. Didaktisch gut aufgebaute Lernprogramme können die Schule in manchen Fächern gut ergänzen."

Sein Kollege Manfred Spitzer von der Universität Ulm vertritt hier eine ganz andere Auffassung. Für ihn sind Fernseh-, Video- oder Computerbildschirme für Heranwachsende immer schädlich – auch dann, wenn die tollste Kindersendung, der schönste Tierfilm oder das intelligenteste Lernprogramm läuft. Denn Kinder lernen mit allen Sinnen – vor dem Bildschirm können sie nichts anfassen, nichts riechen und nichts schmecken.

Mit Gefühl

Lernen ist jedoch nicht nur eine Sache von Technik und Verstand. "Die Bedeutung der Emotionen beim Lernen ist kaum zu überschätzen", meint Kasten. Statt Vokabeln stur durch stetiges Wiederholen auswendig zu lernen, ist es hilfreicher, den Lernstoff geistig mit gefühlvollen Erlebnissen wie einem spannenden Kinofilm zu verknüpfen. Dabei muss die emotionale Atmosphäre beim Lernen stimmen. Denn beim gleichen Stoff regt sich bei guter Stimmung das Belohnungszentrum im Nucleus accumbens; negative Emotionen wecken dagegen die Amygdala, die auf Gefahr anspricht. Die mit dem Lernstoff verknüpfte Angst untergräbt somit beim erneuten Abruf jegliche Kreativität.

Achtjähriger
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Kinder brauchen daher zum Lernen eine Umgebung, in der sie sich wohl fühlen. Stress, Kritik oder Spott untergräbt den Lernerfolg. Wer dagegen möglichst viele Sinne der Kleinen anspricht, ihre Neugierde und ihre Experimentierfreude weckt, wird auf fleißige und wissbegierige Schüler stoßen. "Kinder lernen am besten aus den Folgen ihrer eigenen Handlungen", erklärt Kasten und betont, wie wichtig lebensnahe Lerninhalte sind: "Eine Urlaubsfahrt nach England zum Beispiel verdeutlicht dem Kind schnell, warum es wichtig ist, Vokabeln zu pauken."

Das Gedächtnis braucht aber auch Zeit, um Wissen abzuspeichern. Statt sie ständig mit Neuem zu überschütten, muss man den Kindern Ruhepausen gönnen, in denen sich das Gelernte im Gehirn verfestigen kann. Da Bewegung die Hirndurchblutung verbessert, sollten sich die Lernphasen mit sportlicher Betätigung abwechseln. "Nach der Schule erstmal draußen toben", empfiehlt Kasten.

Natürlich darf auch das Lob nicht fehlen. Unsinnig ist es dagegen, von Kindern Leistungen zu verlangen, die ihren Interessen oder Fähigkeiten widersprechen. "Ein unmusikalisches Kind zu zwingen, Geige spielen zu lernen, wird nur in Frustrationen enden", mahnt Kasten. Daher gilt es, die Stärken eines Kindes zu suchen und zu fördern.

Dies bleibt auch eine Aufgabe der Schule. Allerdings wurde in vielen Bundesländern die gymnasiale Schulzeit um ein Jahr verkürzt, ohne den zu vermittelnden Lehrstoff zu verringern. Die Schüler kommen somit erst gegen 16 Uhr nach Hause, müssen dann noch zwei Stunden Hausaufgaben erledigen und eventuell für die am nächsten Tag anstehende Klassenarbeit lernen. "Der Lehrplan muss drastisch gekürzt werden", fordert Kasten, sieht aber auch das Problem einer zu langen Schulzeit:
"Der Lehrplan muss drastisch gekürzt werden"
(Erich Kasten)
"Deutsche Abiturienten sind im Durchschnitt 19 Jahre alt und damit deutlich älter als angehende Studenten aus anderen Ländern." Es werde jedoch an den Schulen viel Überflüssiges gelehrt, wobei gleichzeitig Dinge, die für ein selbstständiges Leben unabdingbar seien, unter den Tisch fielen. "Nach erfolgreichem Schulabschluss weiß ein Heranwachsender oftmals nicht einmal, wie er eine Überweisung ausführen muss."

Heutige Schüler verbringen immer mehr Zeit in der Schule, die Ganztagsschule wird zur Regel – eine Entwicklung, die Kasten nicht grundsätzlich kritisiert. Doch der Psychologe mahnt: "Soll die Ganztagsschule für die Jugendlichen nützlich sein, muss der Staat bereit sein, für die heranwachsende Generation zu investieren." Sportplätze, Ruheräume, Parkanlagen – davon kann man bislang nur träumen. Diese Freizeitangebote bleiben allerdings unabdingbare Voraussetzungen für ein erfolgreiches und stressfreies Lernen, das zu kreativem und freiem Denken anregt.