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Interdisziplinärer Dialog

Was ist Alter?

Steuern wir auf eine "soziale Klimakatastrophe" zu? Viele Diskussionen zur alternden Gesellschaft sind stark emotionsbeladen. Deswegen beleuchteten Experten die Thematik in einem Symposium in Heidelberg mit kühlem Kopf und aus verschiedenen Perspektiven.
"Was ist Alter?" Wir beginnen gerade erst, die dahinter stehenden molekularen Mechanismen zu verstehen. Dafür versuchen Menschen aber schon lange, das Alter zu definieren. Eine Antwort fiel damals wie heute nicht leicht. Schon Aristoteles prägte eine negative Sichtweise auf den letzten Lebensabschnitt, und die sollte viele Jahrhunderte vorherrschen. Auf dem Symposium "Was ist Alter?", das die Heidelberger Akademie der Wissenschaften abhielt, erinnerte der Historiker Josef Ehmer von der Universität Salzburg an die Essenz des typischen Altersdiskurses noch vor 300 Jahren: "Eure Zeit ist abgelaufen, macht Platz". Die Darstellung des körperlich und geistig verfallenden Greises spitzte sich in der frühen Neuzeit bis zur Karikatur zu. Als Beispiel dafür erwähnte Helmuth Kiesel, Literaturwissenschaftler an der Universität Heidelberg, die Figur des Pantalone, des alten, hypochondrischen, geizigen und meist gehörnten Gecks in der Commedia dell'arte.

Neuer Sitzungssaal im Heidelberger Rathaus
Neuer Sitzungssaal im Heidelberger Rathaus | Das wissenschaftliche Symposion "Was ist Alter?" der Heidelberger Akademie der Wissenschaften fand vom 15. bis 17. November 2006 im Heidelberger Rathaus statt.
Erst im 18. Jahrhundert habe eine Zäsur stattgefunden, "die Karikatur verschwindet zugunsten eines Bildes, das auch die alten Menschen plötzlich als schön darstellt", erzählte Kiesel. Man besann sich wieder auf das Bild des selbstbewussten und kraftvollen Greises, das Cicero in der römischen Antike geprägt hatte. Wechselten sich im Laufe der Geschichte die positive und negative Sichtweise ab, so existieren im 20. und 21. Jahrhundert beide nebeneinander. Da schreibt beispielsweise der Arzt und Dichter Gottfried Benn vom "Greis, der Nacht für Nacht sein Bett verkackt"; andererseits schwärmen manche, wie Hermann Hesse: "Alt-sein ist eine ebenso schöne Aufgabe wie Jung-sein". Das Bild vom Alter ist heutzutage also vielgesichtiger als je zuvor.

Moleküluhr, Stammzellen und Chaperone

Dazu kommen die Erkenntnisse der Mediziner und Biologen über die Abläufe im Körper. Peter Krammer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg sieht es so: "Altern hat nichts mit Voodoo zu tun, sondern wird abgezählt, und das anhand von Molekülen." Jede Zelle trage sozusagen eine Armbanduhr,
"Altern hat nichts mit Voodoo zu tun"
(Peter Krammer)
und wenn einzelne Rädchen der Moleküluhr kaputt gehen, dann funktioniere die Uhr eben nicht mehr. "Es gibt kein Leben ohne Tod", erinnerte Krammer. Jeder von uns produziere zehn Gramm tote Zellen pro Tag, die dann entfernt werden müssten. Diese Zellen fallen dem programmierten Zelltod, der Apoptose, zum Opfer. Wenn diese aber aus der Balance gerät, werden wir krank. Zu wenig Apoptose führe beispielsweise zu Krebs, zu viel zu neurodegenerativen Erkrankungen.

Anthony Ho
Anthony Ho | Gestenreich und mit vielen bildlichen Vergleichen referierte Anthony Ho vom Universitätsklinikum Heidelberg begeistert über seine These "Ein Mensch ist so alt wie seine Stammzellen".
Auch Anthony Ho vom Universitätsklinikum Heidelberg sprach vom natürlichen Zellumsatz: "Sie stecken in drei Monaten nicht mehr in derselben Haut wie heute, das kann ich Ihnen garantieren!" Er stellte die These auf, ein Mensch sei so alt wie seine Stammzellen. "Wenn ich ein Plattwurm wäre und Sie mir – zum Beispiel nach diesem Vortrag – den Kopf abschlagen, würde mir das nichts ausmachen, denn in fünf Tagen wächst mir einer nach", witzelte Ho. Diese enorme Regenerationsfähigkeit hätten wir eingebüßt, als Preis dafür, an der Spitze der Evolutionsleiter zu stehen. Wenn es gelänge, dieses schlummernde Potenzial wieder zu erwecken, dann könne man den Alterungsprozess verlangsamen.

Johannes Dichgans, emeritierter Professor der Neurologischen Universitätsklinik Tübingen dagegen spekulierte: "Das Alter ist die Folge des Darniederliegens der Reparaturmechanismen." Die Hoffnung für uns Menschen läge darin, pathologische Eiweiße – zum Beispiel solche, die neurodegenerative Krankheiten auslösen – früh zu erkennen und zu entfernen. Wichtig wären die Chaperone – Eiweiße, die anderen Proteinen helfen, sich korrekt zu falten und deren Aggregation zu minimieren. "Jugend könnte heißen: starke Chaperone, Alter: schwache Chaperone", so Dichgans.

Fitness für die grauen Zellen

Publikum und Referent
Publikum und Referent | Fast fünfzehn Experten aus den unterschiedlichsten Fachgebieten erklärten den Teilnehmern des Symposiums ihre Sicht auf das Alter.
Mit dem körperlichen Altern geht der Abbau der kognitiven Fähigkeiten einher. Eine Grenze zwischen normalem und pathologischem kognitivem Altern sei jedoch oft schwer voneinander abgrenzbar, sagte der Psychologe Ulman Lindenberger vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Verschiedene Forschungsarbeiten hätten gezeigt, dass alte Menschen dem Verlust ihres geistigen Potenzials bis zu einem gewissen Grad durch viele soziale Kontakte sowie Fitnessübungen entgegenwirken können. Jedoch dürfe man sich kognitives Training nicht wie eine Impfung vorstellen, warnte Lindenberger.

Die zweite Psychologin der Konferenz, Ursula Staudinger von der International University Bremen, interpretierte das Alter aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht und kam zu dem Schluss: "Wir werden emotional stabiler, umgänglicher und verlässlicher." Sie betonte, entgegen der landläufigen Vorstellung vom pessimistischen Alten hätten wissenschaftliche Arbeiten gezeigt, dass Menschen in der letzten Lebensphase nicht weniger zufrieden seien. Zum einen mache die lebenslange Erfahrung "emotionsklug", zum anderen seien negative Emotionen eng mit Hirnarealen verknüpft, die im Alter abgebaut würden. Verfall also einmal richtiggehend positiv.

Tod und Leben

Auch der Philosoph Wolfgang Welsch rang dem Alter, genauer dem darauf folgenden Tod, etwas Positives ab. Er zitierte Mozart, der schon im Alter von 30 Jahren gesagt haben soll, der Tod sei "der wahre beste Freund, der Schlüssel zur Glückseligkeit".
"Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern es dazu gemacht. Wenn wir das Leben zu nutzen wüssten, wäre es lang"
(Seneca)
Er meinte damit, dass wir gerade durch den Tod lernen können zu leben. Viele Menschen glaubten, unser Dasein sei zu kurz, um alle Pläne zu verwirklichen. Es sei aber ein Trugschluss zu glauben, ein unendliches Leben wäre die Lösung, denn der Entscheidungsdruck ist essenziell. Das hatte schon Seneca erkannt: "Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern es dazu gemacht. Wenn wir das Leben zu nutzen wüssten, wäre es lang".

Wer ist alt?

Die Frage, ab wann man eigentlich alt ist, bewegte die Referenten besonders – wie im übrigen fast alle Teilnehmer des Symposiums. "Das Alter als Lebensphase ist ein Produkt der modernen Gesellschaft", meinte Ehmer, entstanden durch die Einführung der Rente. "Wir haben nicht nur ein Leben und ein Alter, sondern viele Leben und viele Alter. Die Abgrenzung des Alters ist immer eine Konstruktion", fand auch Welsch. Und Franz-Xaver Kaufmann, emeritierter Professor der Universität Bielefeld, ging sogar so weit, folgendes neues Bild vorzuschlagen: "Wir sind heute keine Alten, sondern Menschen, die älter werden – und das gilt auch für Säuglinge."

Impression aus der Kaffeepause
Impression aus der Kaffeepause | In den Pausen diskutierten die Teilnehmer eifrig weiter über das Thema "Alter".
In den Diskussionen kam immer wieder zum Ausdruck, was heute oft zu beobachten ist: Ältere Menschen fühlen sich keineswegs alt und stecken immer noch voller Energie und Lebensfreude, zumindest im so genannten "3. Alter" zwischen der Pensionierung und etwa dem 85. Lebensjahr. Die Heidelberger Tagung blieb leider sehr theoretisch, viele praktische Tipps, wie die zunehmend alternde Gesellschaft positiv für das Gemeinwesen gestaltet werden kann, gab es nicht. Immerhin appellierte der Sozialhistorikers Jürgen Kocka vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, die heute 22 bis 26 Ruhestandsjahre seien ein kostspieliges System, das sich auch ein wohlhabender Staat auf Dauer schwer leisten könne und außerdem dazu beitrage, die Alten an den Rand der Gesellschaft zu stoßen. Arbeit jenseits der Erwerbstätigkeit müsse einfacher möglich sein. Es sei dringend nötig, dass der Staat die Diskrepanz zwischen dem Potenzial der Alten und den veralteten Rahmenbedingungen aus der Welt schaffe, zum Beispiel mit neuen Arten "halber Selbstständigkeit".

"Wichtig scheint mir, dass die Freiheit der Wahl besteht – aber es geht darum, Anreize zu schaffen", fügte er jedoch hinzu. Denn natürlich gibt es auch eine Sehnsucht nach Muße, Freiraum für Spiritualität und Kontemplation im Alter –
"Wir haben nicht nur ein Leben und ein Alter, sondern viele Leben und viele Alter"
(Wolfgang Welsch)
Staudinger sprach von einem Bild des Paradieses, in dem wir unsere Arbeit aufgeben können. Sie schlug deshalb schon am Eröffnungsabend eine mögliche Lösung vor: Sie könnte in der Balance zwischen beidem, der "Vita aktiva" und "Vita kontemplativa", liegen. Am schönsten formulierte es eine begeisterte Teilnehmerin schon nach dem Eröffnungsvortrag auf dem Gang: "'Vita aktemplativa', das wäre die Möglichkeit!".
22.11.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22.11.2006

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