Wenn mal wieder über die Suche nach außerirdischen Intelligenzen – kurz SETI – diskutiert wird, tauchen früher oder später fast immer zwei Aspekte auf. Zum einen die Drake-Gleichung, mit deren Hilfe sich abschätzen lässt, wie viele Zivilisationen wir theoretisch in der Milchstraße aufspüren könnten. Legt man plausible Annahmen zu Grunde, landet man bei einer Zahl von einigen tausend. Zum anderen das so genannte Fermi-Paradoxon: Gäbe es intelligente Außerirdische, müssten wir sie eigentlich überall um uns herum sehen, weil eine jede Zivilisation zwangsläufig irgendwann die gesamte Galaxis kolonisiert haben würde. Da wir aber keine offensichtlichen Anzeichen für einen Besuch Außerirdischer auf der Erde erkennen können, lässt sich schlussfolgern, dass es auch keine intelligenten Außerirdischen gibt – und somit wäre auch eine Suche nach ihren Signalen sinnlos.

Die Drake-Gleichung ist absolut authentisch. Sie wurde eindeutig von dem Astronomen und SETI-Pionier Frank Drake entwickelt. Doch anders liegt der Fall beim zweiten Aspekt, dem Fermi-Paradoxon. Es ist ein Mythos. Der Physiker Enrico Fermi, nach dem es benannt ist, hat eine solche Behauptung niemals aufgestellt.

Basierend auf meinen umfassenden Recherchen zu diesem Thema möchte ich versuchen zu erklären, warum das so genannte Fermi-Paradoxon in die Irre führt – und warum es die meiner Meinung nach lohnende Suche nach Außerirdischen ganz erheblich behindert. So zog es beispielsweise der demokratische Senator William Proxmire als Begründung heran, als er 1981 das SETI-Programm der NASA auf Eis legte. Erst auf Drängen von Carl Sagan wurde das Programm wieder aufgenommen – im Jahr 1993 jedoch auf Betreiben von Proxmires Parteikollegen, Senator Richard Bryan, endgültig eingestellt. Seither hat die US-Regierung kein SETI-Programm mehr gefördert, und das obwohl inzwischen tausende Planeten um ferne Sterne entdeckt wurden.

"Wo sind die alle?"

Enrico Fermi, seines Zeichens Physiknobelpreisträger und Erbauer des ersten Kernreaktors, hat sein Lebtag kein einziges Wort über Außerirdische veröffentlicht. Was er über die Angelegenheit dachte, wissen wir nur deshalb, weil der Physiker Eric Jones die schriftlichen Erinnerungen von drei Personen gesammelt hat, die 1950 in Los Alamos an jenem Mittagessen mit Fermi teilnahmen, das als Ursprung des Fermi-Paradoxons gilt: Emil Konopinski, Edward Teller und Herbert York. Fermi selbst starb bereits 1954.

Enrico Fermi
© Department of Energy, Office of Public Affairs / public domain (National Archives Identifier: 558578)
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Wie diese Augenzeugen berichten, drehte sich das Gespräch um einen Cartoon im Magazin "The New Yorker". Dort waren Außerirdische zu sehen, die in den Straßen New Yorks Mülleimer geklaut hatten und nun fröhlich aus ihrer fliegenden Untertasse kletterten. Plötzlich sagte Fermi den berühmten Satz: "Where is everybody?" ("Wo sind die alle?")

Jedem am Tisch war sofort klar, dass er sich damit auf die völlige Abwesenheit außerirdischer Raumschiffe bezog, und so wandte sich das Gespräch der Machbarkeit interstellarer Raumfahrt zu.

Die deutlichste Erinnerung an das Mittagsgespräch scheint York gehabt zu haben. Seinem Bericht nach erklärte Fermi, "der Grund dafür, dass wir nicht besucht worden sind, könnte in der Unmöglichkeit interstellarer Reisen liegen – oder, wenn sie doch möglich sind, darin, dass sie stets als den Aufwand nicht wert angesehen werden, oder dass technologisch fortschrittliche Zivilisationen nicht lange genug überdauern, um solche Reisen durchzuführen."

Sowohl York als auch Teller waren offenbar davon überzeugt, dass Fermi die Machbarkeit einer Reise von Stern zu Stern in Frage stelle – jedoch nicht generell an der möglichen Existenz außerirdischer Zivilisationen zweifelte. Folglich gibt das nach Fermi benannte Paradoxon – das eben die Existenz Außerirdischer in Frage stellt – seine Ansichten eindeutig falsch wieder. Fermis damalige Skepsis interstellaren Reisen gegenüber ist hingegen wenig überraschend: 1950 hatte noch keine Rakete die Erdumlaufbahn erreicht, geschweige denn einen anderen Himmelskörper.

Paradoxes Paradoxon

Wenn aber Fermi gar nicht hinter diesem schwarzseherischen Paradoxon steckt, wer dann? Die Formulierung "… sie sind nicht hier, also gibt es sie nicht" findet sich erstmals 1975. Damals brachte der Astronom Michael Hart das Argument, intelligente Außerirdische würden unausweichlich die gesamte Milchstraße kolonisieren. Wenn sie also irgendwo existieren, wären sie auch hier bei uns. Da sie aber nicht hier sind, seien folglich die Menschen die einzigen intelligenten Wesen in der Galaxis. So argumentierte Hart. Eine Suche nach intelligentem Leben anderswo sei demnach "wahrscheinlich eine Verschwendung von Zeit und Geld".

Das Wow!-Signal
© Big Ear Radio Observatory and North American AstroPhysical Observatory (NAAPO)
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Keinen guten, aber trotzdem den bislang besten Hinweis auf außerirdisches Leben liefert das am 15. August 1977 aufgezeichnete Wow!-Signal. Der Autor dieses Beitrags, Robert Gray, hat bereits viele Versuche unternommen, in der gleichen Himmelsregion eine Wiederholung des intensiven Radiosignals aufzuspüren – bislang jedoch ohne Erfolg.

Harts Argumentation wurde aus verschiedensten Gründen angefochten – vielleicht ist interstellare Raumfahrt unmöglich, vielleicht entscheidet sich einfach niemand dafür, die Galaxis zu kolonisieren, vielleicht wurden wir aber auch schon vor langer Zeit besucht, und die Beweise dafür sind mit den Überresten der Dinosaurier im Erdboden verschwunden. Trotzdem ist diese Idee heute tief im Denken über außerirdische Zivilisationen verankert.

Der Physiker Frank Tipler warf 1980 eine offensichtliche Frage im Zusammenhang mit Harts Argumentation auf: Woher sollten eigentlich die Ressourcen für die Kolonisierung von Milliarden von Sternen kommen? Er schlug einen "selbstreplizierenden Universalkonstruktor mit einer Intelligenz vergleichbar der menschlichen" vor. Man sende, so die Idee, ein solches Gerät zu einem benachbarten Stern, beauftrage es damit, dort aus dem vor Ort vorhandenen Material Kopien von sich selbst zu bauen, und lasse diese Kopien zu weiteren Stern fliegen – bis die Galaxis voll davon ist. Tipler zog daraus wiederum den Schluss, die Abwesenheit solcher Maschinen auf der Erde sei ein Beweis dafür, dass wir Menschen die einzigen Intelligenzen im ganzen Universum sind – wohlgemerkt nicht nur in der Milchstraße. Das freilich ist ein gewagter Sprung, wenn man dabei einzig und allein von der Abwesenheit der Außerirdischen auf unserem Planeten ausgeht.

Das "Hart-Tipler-Argument"

Hart und Tipler gebührt also ganz klar die Ehre, die zentrale Idee hinter dem so genannten Fermi-Paradoxon in die Debatte eingeführt zu haben. Im Lauf der Jahre ist diese Idee jedoch mit der ursprünglichen Frage Fermis vermischt worden. Das Durcheinander begann vermutlich 1977, als der Physiker David G. Stephenson die Bezeichnung "Fermi-Paradoxon" in einem Fachartikel verwendete und Harts Idee als mögliche Antwort auf Fermis Frage zitierte. Fairerweise müsste man aber vom "Hart-Tipler-Argument gegen die Existenz außerirdischer technologischer Zivilisationen" reden, was allerdings bei Weitem nicht so Respekt einflößend klingt wie der alte Name.

Was das Paradoxon angeht: Es gibt keins, nicht einmal in der Argumentation von Hart und Tipler. Es besteht kein logischer Widerspruch zwischen den Aussagen "Es gibt irgendwo Außerirdische" und "hier bei uns sind keine Außerirdischen", weil niemand weiß, ob Reisen zwischen den Sternen überhaupt möglich sind.

Das in die Autorität Fermis gekleidete Hart-Tipler-Argument hat jedoch dazu geführt, dass viele die Chancen für einen Erfolg von SETI pessimistisch beurteilen. Doch ist die Idee, gar nicht erst nach intelligentem Leben im Kosmos zu schauen, weil es hier bei uns keine Außerirdischen gibt, schlicht und ergreifend töricht. Es gibt immerhin Anzeichen dafür, dass der Pessimismus nachlässt. Insbesondere Yuri Milners privat gefördertes Projekt "Breakthrough Listen", in dessen Rahmen über die kommenden zehn Jahre 100 Millionen US-Dollar für SETI-Projekte ausgegeben werden sollen, macht das deutlich. Aber die Suche nach Signalen mit unbekannter Frequenz bei Millionen von Sternen benötigt vermutlich weit größere Ressourcen. Unsere Suchprogramme "sehen" üblicherweise in jedem Augenblick nur eine Region am Himmel, die nicht größer ist als der Vollmond – und das ist nur ein winziger Teil des gesamten Himmels. Wenn wir also noch in unserem Zeitalter etwas Interessantes finden wollen, müssen wir uns womöglich erheblich mehr anstrengen.