Das Wetterphänomen El Niño hat zwar globale Auswirkungen, aber betrifft keineswegs die ganze Welt. Obwohl der El Niño 2015 vermutlich der stärkste je gemessene wird, bekommt zum Beispiel Europa vom berüchtigten Christkind kaum etwas mit. Andere Weltgegenden trifft die Klimakapriole dagegen mit voller Wucht – die so genannten ENSO-sensitiven Regionen. Die Bezeichnung bezieht sich auf die El Niño Southern Oscillation (ENSO), jene Klimaschaukel, von der El Niño nur ein kleiner Teil ist.

El Niño beeinflusst vor allem die Niederschläge in den regenreichen Jahreszeiten dieser empfindlichen Gebiete. So geht zum Beispiel der Sommermonsun in Nordwestindien zurück, während der Wintermonsun einige Monate später in Südostindien zunimmt. Diese beiden Effekte sind auch dieses Jahr zuverlässig eingetreten. Andere Wettermuster allerdings machen sich erst später in der Saison bemerkbar, so dass zum Beispiel das von Dürre geplagte Kalifornien noch bis ins neue Jahr auf ergiebigen Regen warten muss.

Alles nur Zufall?

Doch dass er kommt, ist keineswegs sicher: Ob Regen oder Dürre – El Niños Wettermuster sind keine Naturgesetze, bloß statistische Zusammenhänge, die eine durchschnittliche Veränderung anzeigen. Das Wetter eines Jahres kann drastisch davon abweichen oder sogar die ganze Korrelation Zufall sein.

Dass das Wetterphänomen trotz aller Forschung unberechenbar ist, zeigt auch die Entstehungsgeschichte dieses El Niño. Er narrte die Fachwelt, ließ sich lange bitten: Schon 2013 und 2014 erwarteten alle einen starken El Niño, doch der tauchte nach ersten Anzeichen buchstäblich wieder in den Pazifik ab – trotz vermeintlich hoher Wahrscheinlichkeit gerade 2014. Unklar ist, ob die lange Vorlaufphase einfach eine weitere Kapriole ist oder bereits ein Vorgeschmack auf eine Zukunft, in der auch das normale Klima dem El Niño ähnlicher wird. Sicher ist allerdings: Er ist wieder da.

Die derzeit eindeutigste Auswirkung von El Niño ist die ungewöhnliche Trockenheit in Südostasien und im Südpazifik. Die Waldbrände in Indonesien sind die sichtbarste Folge des Wassermangels, dramatischer jedoch sind die Effekte in Papua-Neuguinea, wo schon jetzt Menschen hungern. Das Land produziert etwa vier Fünftel seiner Nahrung selbst, so dass Ernteverluste dramatische Folgen haben können. In einigen entlegenen Regionen des Landes starb während des El Niño 1997/98 nahezu ein Zehntel der Bevölkerung.

Den Atollen geht das Wasser aus

Auch die Inseln des Pazifiks sind bereits in Schwierigkeiten. Die letzten zwei Jahre waren in der Region ungewöhnlich warm, viele Staaten waren von den schweren tropischen Zyklonen im Frühjahr betroffen und leiden immer noch unter den Folgen. Insgesamt kostete El Niño in der Saison 1997/98 allein im Pazifikraum etwa 23 000 Menschen das Leben – und 2015 wird vermutlich eine stärkere Saison.

Trockenheit hat auch Australien im Griff – im tropischen Nordosten des Kontinents versuchen Bauern und Viehzüchter, sich mit Crowdfunding zu behelfen, bis die Regenfälle zurückkehren. Für weite Bereiche des Bundesstaats ist es bereits die dritte ausgefallene Regenzeit nacheinander.

Eine ungewöhnlich schwere Dürre herrscht ebenfalls in Südafrika. Auch dort regiert die Trockenheit bereits das zweite Jahr in Folge, einige Regionen des Landes haben seit Februar keinen Regen mehr gesehen. Viele Bauern haben dieses Jahr gar nicht erst gepflanzt, denn es gibt kein Wasser. Nicht nur die Landwirtschaft leidet unter der Situation, nahezu drei Millionen Haushalte sind inzwischen von Wassermangel betroffen, in Johannesburg und anderen Städten traten Vorschriften zum Wassersparen in Kraft. Fachleute fürchten sogar, dass die ökonomischen Auswirkungen die Stabilität des Landes gefähren könnten – seit Beginn der Trockenheit stiegen die Preise für Grundnahrungsmittel wie Eier oder Maismehl um etwa ein Zehntel.

Feuer in Indonesien
© NASA / Adam Voiland (NASA Earth Observatory) and Jeff Schmaltz (LANCE MODIS Rapid Response)
(Ausschnitt)
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Rauchfahnen über der indonesischen Provinz Lampung. Die roten Rechtecke zeigen brennende Gebiete an.

In Indien zeigt sich ein ähnliches Muster. Der Sommermonsun war das zweite Jahr in Folge unterdurchschnittlich. Bemerkenswert das Muster im Jahr 2014: Im Frühsommer, als alle Zeichen noch auf ein El-Niño-Jahr hindeuteten, blieb der Regen aus – besonders der Juni enttäuschte. Doch als sich die Wassertemperaturen im tropischen Pazifik wieder normalisierten, kehrte der Regen in Normalstärke zurück. Das reichte aber nicht, um das Defizit auszugleichen. Auch dieses Jahr fiel weniger Regen insbesondere im Nordwesten des Landes, wo in einigen Regionen die Hälfte der Niederschläge ausblieb.

Die zwei Seiten des Monsuns

Ganz im Süden Indiens hat El Niño allerdings eine ganz andere Facette: Dort bringt das Phänomen mit dem anderen, dem Wintermonsun besonders ergiebige Regenfälle in der Provinz Tamil Nadu – und die legen dieser Tage die Defizite der dortigen Stadtplanung gnadenlos offen. Ganze Städte sind überflutet, weil Flussufer und Wasserläufe zugebaut sind – insgesamt etwa 150 000 illegal errichtete Gebäude gibt es allein in der Stadt Chennai.

Ein paar tausend Kilometer weiter westlich bringt El Niño der ostafrikanischen Küste mehr Regen im Winter, während weiter im Inland die Sommerregen schwächer werden. Schwere Niederschläge führen derzeit zum Beispiel in Kenia und Somalia zu schweren Überschwemmungen und Erdrutschen, die bereits mehrere Menschenleben kosteten – gleichzeitig hungern die Menschen in Äthiopien wegen der anhaltenden Trockenheit. In Ostafrika gibt es Anzeichen dafür, dass sich das allgemeine Klima hin zu El-Niño-Mustern verschiebt – die "kleine Regenzeit" der Küste von Oktober bis Dezember gewinnt laut Berichten auch in normalen Jahren an Intensität. In Kenia stieg die Regenmenge in November seit 1990 um mehr als zehn Prozent. Demgegenüber fällt in Teilen Äthiopiens während der Frühlings- und Sommermonate heute schon in normalen Zeiten ein Fünftel weniger Regen als noch vor 40 Jahren.

Süd- und Mittelamerika sind durch ihre Nähe zum Pazifik besonders betroffen – hier erhielt das Wetterphänomen El Niño einst seinen Namen. Benannt ist es nach den heftigen Regenfällen, die um Weihnachten herum entlang der Westküste des Kontinents einsetzen. Dort und im Süden des Kontinents regnet es seit Oktober heftig, in Brasilien und Uruguay sind mehrere hunderttausend Menschen von Überschwemmungen betroffen, in Chile blüht derweil die Atacama-Wüste. Bei einem Unwetter in Guatemala-Stadt kamen bei Erdrutschen etwa 500 Menschen ums Leben. In Peru, das wegen seiner schlechten Infrastruktur und der bergigen Topografie in El-Niño-Jahren oft besonders unter Sturzfluten und Erdrutschen leidet, haben die erwarteten schweren Regenfälle ebenfalls begonnen und richten schwere Schäden an.

El Niño im Ostpazifik
© NOAA
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernEl Niño im Ostpazifik
Der El Niño 2015 könnte zum stärksten derartigen Ereignis der uns bekannten Geschichte werden. Eine riesige Warmwasserblase liegt derzeit im östlichen Pazifik vor der südamerikanischen Küste. Zu warm ist das Wasser im Meer vor Kalifornien und Baja California.

Südamerika im Fadenkreuz

El Niño hat in der Region allerdings noch eine zweite Seite: Trockenheit in der Karibik und im Amazonasbecken. In São Paulo, der größten Stadt Brasiliens, sind nach zwei Jahren Dürre die Reservoirs leer – das Wasser reicht nach Berichten womöglich nur noch fünf Monate. Schwerer noch wiegt die Frage, was der Wassermangel mit den Waldgebieten der Region macht – einst waren sie gesund genug, einer solchen Dürre zu widerstehen, doch Abholzung und Klimawandel setzen den Beständen zu und begünstigen Waldbrände. Allein im Oktober zählten Fachleute über 10 000 Feuer.

Weiter nördlich, im dürregeplagten Kalifornien, schwankt man zwischen Hoffen und Bangen. Der ganze Staat wartet nach Jahren der Trockenheit auf die ersehnten Regenfälle, die El Niño nun endlich bringen soll – fürchtet aber gleichzeitig die unvermeidbaren Überschwemmungen und Erdrutsche.

Bisher allerdings fiel nur vergleichsweise wenig starker Regen: bei Los Angeles und im Tal des Todes, wo sich ein kurzlebiger See bildete. Nicht genug, um die Dürre wirklich zurückzudrängen, aber genug, um zu hoffen: In der Saison 1997/98 kamen die großen Niederschläge erst im Januar. Gerade bei El Niño sollte man aber vorsichtig sein, was man sich wünscht. Die Regenfälle damals überschwemmten ganze Landstriche und richteten immense Schäden an. Umgekehrt ist keineswegs gesagt, dass El Niño der Südwestküste der USA reichlich Regen bringt. Die stärksten dieser Ereignisse taten das bisher, aber in 40 Prozent aller El-Niño-Saisons seit 1950 wurde Kalifornien sogar trockener.

Dass El-Niño-Jahre immer für unangenehme Überraschungen gut sind, zeigten jedenfalls gleich zu Anfang der Saison die atlantischen Wirbelstürme. Zwar bestätigt sich das klassische Muster, nach dem im tropischen Atlantik dagegen weniger Hurrikane entstehen; die Stürme, die sich trotzdem vor der Westküste von Afrika bildeten, hatten es jedoch in sich. So bildete sich dieses Jahr mit dem Hurrikan Joaquin der stärkste atlantische Sturm seit 2007, der Hurrikan Fred war der erste solche Sturm nahe den Kapverdischen Inseln seit Ende des 19. Jahrhunderts. Und schlussendlich setzte der tropische Sturm Erika – nicht einmal ein Hurrikan, wohlgemerkt – der Antilleninsel Dominica so sehr zu, dass der Regierungschef im Interview erklärte, die Insel müsse eigentlich komplett neu wiederaufgebaut werden.