Die globale Durchschnittstemperatur ist die bekannteste Kennzahl für die globale Erwärmung. Doch sie ist eine abstrakte Zahl, die keine Aussage darüber erlaubt, welche Auswirkungen ein Temperaturanstieg auf Lebewesen hat. Für Organismen und Ökosysteme sind ganz andere Temperaturen viel wichtiger: Die generelle Klimazone und die wärmsten und kältesten Temperaturen im Jahreslauf und von Tag zu Tag.

Die Klimazonen, das zeigen frühere Studien, verschieben sich im Zuge des Klimawandels nach Norden – dafür sorgen schon die dort insgesamt steigenden Temperaturen. Doch George Wang vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie und Michael Dillon von der University of Wyoming haben jetzt einen weiteren subtilen Effekt identifiziert, dessen Folgen für Ökosysteme potenziell ebenso weitreichend sind wie die der allgemein steigenden Temperaturen.

Es ist nämlich nicht nur die regionale Durchschnittstemperatur die die Klimazonen voneinander unterscheidet – von den Polen zu den Tropen wird es kontinuierlich wärmer –, sondern auch die periodischen Temperaturdifferenzen sind für jede Region charakteristisch. Die mittleren täglichen Temperaturunterschiede steigen von den Tropen polwärts an, erreichen an den Wendekreisen ihr Maximum von etwa zehn Grad und fallen dann zu den Polen hin wieder ab. Die jährlichen Schwankungen dagegen sind an den Polen am höchsten, während die Tropen keine den höheren Breiten vergleichbare Jahreszeiten kennen. Nur die ungleiche Verteilung von Land und Meer lässt lokale Bedingungen von diesen Trends abweichen.

Das bisher bekannte Muster, das zeigen Wang und Dillon nun anhand von anderthalb Milliarden Temperaturmessungen an etwa 7900 Messstationen, beginnt sich allerdings zu verändern – und wie bei den meisten Effekten des Klimawandels ist der Trend in polaren Regionen am stärksten ausgeprägt. Die Unterschiede in den Jahreszeiten, zwischen Sommerhitze und Winterkälte, nehmen ab, während die täglichen Schwankungen zunehmen. Besonders aussagekräftig, so die Forscher, sei das Verhältnis zwischen diesen beiden Größen – dieses hat sich seit etwa Anfang der 1990er Jahre global zu tropischeren Werten hin verschoben.

Es sind also nicht nur die steigenden Temperaturen selbst, die die Welt tropischer machen, auch in ihren Temperaturzyklen rücken die hohen Breiten näher an den Äquator. Für einzelne Tier- und Pflanzenarten ebenso wie für Ökosysteme, können die Folgen dramatisch sein. Auch der Mensch darf sich nicht zu sicher fühlen. Bislang haben es Mücken, die tropische Krankheiten wie Malaria oder Dengue übertragen, in den gemäßigten Breiten schwer: Ihnen sind die Temperaturunterschiede zwischen den Jahreszeiten zu groß – noch.