Die Sozialdemokraten entwickelten unter Kanzler Schröder die arbeitgeberfreundliche Agenda 2010. Die Christdemokraten unter Kanzlerin Merkel sorgten für den Atomausstieg und öffneten Deutschland für Flüchtlinge. Da liegt der Verdacht nahe, dass die Politik einer Regierung viel eher von ihren führenden Köpfen abhängt als von der ideologischen DNA ihrer Partei.

So ist heute mehr denn je nachvollziehbar, dass unser Urteil über die persönlichen Qualitäten der Kandidaten Einfluss darauf nimmt, wem wir unsere Stimme geben. Zu den relevanten Eigenschaften zählt etwa, für wie kompetent und integer wir sie halten und wie vertraut sie uns sind. Solche Faktoren machten bei den Bundestagswahlen mindestens fünf Prozentpunkte aus, schätzt der Politologe Dominic Nyhuis von der Universität Frankfurt am Main in einer 2016 veröffentlichten Studie.

Was also zeichnet Kandidaten aus, denen wir zutrauen, die richtigen Entscheidungen zu treffen? Und was für Menschen stehen uns überhaupt zur Wahl?

1. Der Charakter

Dafür muss man schon aus dem richtigen Holz geschnitzt sein: immer wieder Wahlkampf treiben, um Sympathien buhlen, jedes öffentliche Wort auf die Goldwaage legen lassen. Würden Sie sich das antun wollen? Anders gefragt: Haben Sie jemals überlegt, für ein politisches Amt zu kandidieren?

Diese Frage stellten kanadische Forscher knapp 700 Studierenden. Meinten sie, über die nötigen Kompetenzen zu verfügen? Und glaubten sie, eine Wahl gewinnen zu können? Wie die Forscher jetzt in der Fachzeitschrift "Personality and Individual Differences" schildern, hegten extravertierte und offene Studierende eher den Wunsch, in die Politik zu gehen. Wer sich für qualifiziert und einen Wahlerfolg für wahrscheinlich hielt, charakterisierte sich außerdem eher als egoistisch und selbstbezogen oder als Machiavellist. Als solchen bezeichnet man gemeinhin einen machtorientierten Menschen, der sich ohne Rücksicht auf Verluste Einfluss und Vorteile verschafft.

Den nötigen Glauben an sich selbst, um den Schritt in die Politik zu wagen, findet man demnach eher bei weniger Vertrauen erweckenden Charakteren. Die Kandidaten sorgen auf diese Weise selbst für eine Vorauswahl. An der Selbstselektion kann der Wähler naturgemäß nichts ändern, er könnte allerdings seine Stimme dem geringsten Übel geben.

Donald Trumps öffentliches Image kommt dem Prototyp des Bösen recht nah. Ausgerechnet das könnte ihm allerdings zum Sieg verholfen haben

Tut er aber nicht unbedingt, wie die jüngste US-Präsidentschaftswahl nahelegt. Und zwar selbst dann nicht, wenn er sich des schlechten Charakters eines Kandidaten bewusst ist, berichten wiederum kanadische Forscher. Mit Hilfe von zehn Persönlichkeitsexperten analysierten sie, wie die Charaktere von Hillary Clinton und Donald Trump in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Beide bekamen deutlich unterdurchschnittliche Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Fairness attestiert. Der amtierende Präsident jedoch noch bei Weitem mehr; sein Profil bewegte sich am unteren Ende der Skalen.

Die Serie zur Bundestagswahl 2017

Teil 1: Die Parteien wappnen sich gegen erneute Hackerangriffe

Teil 2: Wen wir wählen – und warum

Teil 3: Der Chauvi-Bonus: Wie Rassismus die US-Wahl entschied

Teil 4: Parteiprogramme im Fakten-Check

Teil 5: Amtsinhaber gegen Underdog: Wer hat die Nase vorn?

Teil 6: Das TV-Duell

Teil 7: Wie das Wetter den Willen der Wähler beeinflusst

Teil 8: Können die aktuellen Prognosen falsch liegen?

Hillary Clintons öffentliches Profil habe zwar einige machiavellistische Züge, da sie "als kalt, berechnend und wenig vertrauenswürdig" gelte, so die Autoren. Zugleich wirke sie aber verträglich, gewissenhaft und offen. Das passt nicht ins Persönlichkeitsprofil der Dunklen Triade, eines Mix aus Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Trump hingegen bekam ein katastrophales Zeugnis: Er komme dem Prototyp des Bösen mit seinem außergewöhnlich unehrlichen, unbescheidenen und unverträglichen Auftreten recht nah. Ausgerechnet dieses Image könnte ihm jedoch zum Sieg verholfen haben, indem es männliche Stärke und Dominanz suggeriert, und das ist in Krisenzeiten von Vorteil, wie unten folgende Befunde zeigen.

"Der persönliche Eindruck beim Wähler kann die rationalen Informationen aus politischen Statements überlagern", erläutert der Soziologe Stanford Gregory von der Kent State University in Ohio. Schuld daran sind geistige Abkürzungen, mit denen wir uns komplexe Entscheidungen erleichtern. Sie fußen auf Assoziationen, die evolutionäre Ursprünge haben oder kulturell geprägt sein können. Ganz besonders gilt das für Gesicht und Stimme.

2. Die Stimme

Ein Team kroatischer Psychologen und Politologen verglich die Tonaufnahmen von 51 Kandidaten, die weltweit zwischen 2006 und 2016 bei politischen Wahlen antraten. Die Sieger hatten demnach im Schnitt tiefere Stimmen. Und jene mit tieferen Stimmen steigerten außerdem ihre Chancen, wenn sie häufiger die Stimmlage wechselten; umgekehrt verhielt es sich bei Stimmen auf höheren Frequenzen. Wie die Autoren in "Evolution and Human Behavior" erklären, wirkten tiefe Stimmen maskuliner und kompetenter, variable Stimmen aber freundlicher und enthusiastischer. Eine Kombination aus beidem sei am vorteilhaftesten: kompetent und zugleich sympathisch.

Den Vorteil einer tiefen Tonlage bestätigte der kanadische Psychologe David Feinberg anhand von Experimenten. Beispielsweise spielte er Studierenden Aufnahmen ehemaliger US-Präsidenten vor, manipulierte deren Stimmen jedoch so, dass sie teils in einer tieferen, teils in einer höheren Version zu hören waren. Die meisten hielten denselben Kandidaten mit tieferer Stimme für dominanter, intelligenter, attraktiver und vertrauenswürdiger, und mehr als zwei Drittel wollten ihn auch eher wählen. Ging es allerdings darum, Geld in einem Laborexperiment aufzuteilen, vertrauten Frauen eher einer höheren Stimme. Offenbar assoziierten sie eine tiefe Stimme mit Führungsstärke, aber nicht mit kooperativem Verhalten, so das Team um Feinberg 2017 in der Fachzeitschrift "Evolution and Human Behavior".

Trat ein Mann gegen eine weibliche Kandidatin an, war er mit einer höheren Stimme erfolgreicher. Ein Pluspunkt ist eine tiefe Stimme nur, wenn im Wahlkampf Mann gegen Mann steht

Bei erwachsenen Männern lasse eine tiefe Stimme auf einen höheren Testosteronspiegel und einen starken Oberkörper schließen, erläutern Evolutionsforscher um Aaron Sell von der University of California in Santa Barbara. Und physisch starke Männer würden auch heute noch eher zu militärischen Mitteln greifen als ihre schwächeren Artgenossen. Entsprechend lassen sich Befunde deuten, denen zufolge ein dominanter Eindruck in Krisenzeiten auch stärker zum Vorteil gereicht. Frauen mit tiefer Stimme werden ebenfalls eher als dominant und kompetent wahrgenommen. Sie handeln sich damit aber einen Nachteil ein, denn sie wirken auf diese Weise weniger attraktiv.

Treffen ein Mann und eine Frau aufeinander, könnten die Effekte wiederum ganz anders ausfallen, sagt Casey Klofstad, Politologe an der University of Miami. Beispielsweise profitierten bei der Wahl der US-Abgeordneten 2012 nur Kandidaten mit männlichem Kontrahenten von einer tiefen Stimme. Trat ein Mann gegen eine weibliche Kandidatin an, war er mit höheren Frequenzen erfolgreicher. Ein Pluspunkt ist eine tiefe Stimme nur, wenn im Wahlkampf Mann gegen Mann steht.

3. Das Gesicht

Beim Konterfei kommt es ebenfalls auf das Geschlecht an: Bei Männern sind maskuline Züge in der Regel Trumpf. Ein markantes Kinn etwa spricht für einen hohen Testosteronspiegel und damit für Dominanz und Stärke, berichtet wiederum der Psychologe Feinberg. Maskuline Attribute kommen hingegen nicht so gut an, wenn es sich um weibliche Kandidaten handelt. Denn wirken Frauen selbstbewusst oder gar dominant, werden sie eher kritisch wahrgenommen. Einen schweren Stand haben sie besonders bei liberalen Männern und konservativen Frauen, stellten Psychologen von der University of Mississippi fest. Offenbar verstoßen starke Frauen, so die Vermutung, gegen die Norm weiblicher Bescheidenheit.

Die Assoziationen, die ein Gesicht weckt, wirken sich besonders dann aus, wenn die Kandidaten weitgehend unbekannt und die Favoriten gleichauf sind. Das Äußere kann dann den entscheidenden Prozentpunkt mehr bringen, zeigte eine Untersuchung der britischen Parlamentswahlen von 2010. Probanden sollten sich mit einem kurzen Blick auf Porträtfotos ein Urteil über die Kompetenz der Kandidaten bilden, und daraus ließ sich der Sieger überzufällig oft bestimmen. Besonders gut gelang dies in Wahlkreisen, in denen die großen Parteien traditionell Kopf an Kopf liegen.

Rund 70 Prozent der Wahlausgänge lassen sich mit dieser Methode vorhersagen, berichtete schon 2005 ein Team um den Psychologen Alexander Todorov von der Princeton University im Fachjournal "Science". Die Forscher hatten ihre Probanden gebeten, die Kompetenz von Kandidaten für den US-Senat anhand von Porträtfotos zu beurteilen.

Bei unbekannten Kandidaten genügt meist ein kurzer Blick auf ihre Porträtfotos, um das Wahlergebnis vorherzusagen

Ähnlich gingen Psychologen von der Universität Lausanne vor. Sie ließen politische Rivalen der französischen Parlamentswahlen anhand ihrer Fotos bewerten – allerdings befragten sie dazu neben Erwachsenen auch Schweizer Kinder zwischen 5 und 13 Jahren. Wen wünschten sie sich als Kapitän, wenn sie mit dem Schiff auf eine gefährliche Reise gehen sollten? Aus den Antworten konnten die Forscher den realen Wahlsieger mit einer Trefferquote von rund 70 Prozent vorhersagen, egal ob sie Kinder oder Erwachsene befragten.

Was in den USA, Großbritannien und Frankreich funktioniert, gelingt ebenfalls hier zu Lande. Der Soziologe Tilo Beckers von der Universität Düsseldorf verwendete jedoch Bilder der Kandidaten von Bürgermeisterwahlen in Nordrhein-Westfalen. Um deren Ausgang vorherzusagen, genügte es, die Attraktivität der Kandidaten beurteilen zu lassen. Die Methode erwies sich als umso treffsicherer, je weniger ansehnlich die Kandidaten eines Wahlkreises im Schnitt waren, wie eine Untersuchung der Landtagswahlen 2005 ebenfalls in Nordrhein-Westfalen zeigte.

Auch für Gesichter gilt: Auf die Lage der Nation kommt es an. Zwar werden sowohl Attraktivität als auch Vertrauenswürdigkeit unabhängig voneinander mit guten Führungsqualitäten assoziiert, zeigten unter anderem schottische Forscher um die Psychologin Lisa DeBruine. Aber als sie in Experimenten die politischen Rahmenbedingungen variierten, änderte sich das Bild. Einem attraktiven Gesicht würde in Krisenzeiten mehr Führungsqualität zugetraut, einem Vertrauen erweckenden Gesicht jedoch in Friedenszeiten. Ihr Fazit: Im Gesicht fänden sich keine Merkmale, die jemanden grundsätzlich als beste Wahl für eine Führungsrolle erscheinen lassen. Gewählt würden vielmehr jene mit den passenden Eigenschaften für die jeweilige Situation.

4. Der Beruf

Genug der Oberflächlichkeiten? Analysen des Lüneburger Ökonomen Mario Mechtel enthüllen noch eine andere Seite der Wählerseele. Er zog Angaben auf den Wahlzetteln zu mehr als 4400 Kandidaten heran, die 2009 bei Gemeinderatswahlen in Baden-Württemberg antraten, und teilte ihre häufigsten Berufe in rund 50 Gruppen ein, beispielsweise Arzt, Banker, Lehrer, Rentner. Dann berechnete er, wie viele Listenplätze die Kandidaten im Schnitt gutmachten oder verloren.

Handfeste traditionelle Arbeit kam offenbar besonders gut an. Das größte Plus von durchschnittlich elf Listenplätzen verzeichneten Bäcker und Metzger; der Beruf des Bauern machte zehn und der des Polizisten neun Plätze aus. Den größten Malus kassierten Verkäufer (minus sieben Listenplätze), Unternehmensberater und Beschäftigte in Versicherungs- oder Finanzwesen (beide minus fünf Listenplätze). Eine Promotion brachte immerhin vier Plätze ein, ein ausländischer Name schlug ebenso wie männliches Geschlecht mit einem Minus von drei Plätzen zu Buche. Ein Doppelname veränderte die Chancen weder bei Frauen noch bei Männern.

Wenn der Wähler nur über wenig Informationen über die Kandidaten verfüge, so Mechtel, schließe er aus ihren Berufen auf die Personen zurück. Der Ruf der Berufsgruppe sei dabei entscheidend. Gewerkschaftler und Berufspolitiker haben trotz ihres schlechten Rufs vergleichsweise viel Erfolg – ein Effekt ihrer Medienpräsenz, die unter anderem das Gefühl von Vertrautheit steigert. Würden die Berufspolitiker Merkel (promovierte Physikerin) und Schulz (gelernter Buchhändler) als Unbekannte gegeneinander antreten, hätten sie wohl in etwa die gleichen Chancen. Einen Bonus gewährten die Wähler in Mechtels Studie zwar sowohl Frauen als auch Promovierten. Aber handelte es sich um eine Frau mit Doktortitel, war der Vorteil dahin.

5. Das Sozialverhalten

Was der Volksmund schon lange weiß, haben Psychologen in den vergangenen Jahren mehr und mehr belegt: Macht verändert Menschen, nur leider nicht zum Guten. Wer über Macht verfügt, und sei sie noch so begrenzt, nimmt sich mehr Freiheiten heraus und verletzt eher soziale Normalen – auf diesen Nenner lassen sich zahlreiche Befunde bringen. Der US-Psychologe Dacher Keltner etwa zeigte, dass seine Probanden eher nach dem letzten Keks auf einem Teller griffen und mit offenem Mund aßen, wenn sie im Rahmen eines Experiments andere beurteilen durften und nicht etwa selbst beurteilt wurden.

Mit schlechten Tischmanieren ist es leider nicht getan. In vielen verschiedenen Situationen verhalten sich mächtige Menschen egoistischer und weniger mitfühlend. Dahinter steckt offenbar eine größere innere Distanz zu Menschen und Dingen. Je ferner uns etwas ist, desto abstrakter können wir darüber urteilen und desto weniger ficht uns das konkrete Leid von einzelnen Menschen an. Um rational entscheiden zu können, mag das durchaus hilfreich sein. Es bringt aber auch hässliche Seiten zu Tage, wie Experimente zeigen: Wir messen uns und andere in moralischen Fragen mit zweierlei Maß, und wir bereichern uns eher selbst.

Es genügt, wenn sich Versuchspersonen eine Situation ins Gedächtnis rufen, in der sie sich mächtig fühlten: Schon senkt sich ihre moralische Messlatte für das eigene Verhalten

Beim Diktatorspiel etwa dürfen Probanden Gelder nach bestimmten Regeln verteilen. Je größer die Zahl der Mitspieler, über deren Gewinne die Versuchspersonen verfügen, desto mehr Geld beanspruchen sie für sich, stellte ein Team um Samuel Bendahan von der Universität Lausanne 2015 fest. Besonders egoistisch verhalten sich Männer und Teilnehmer mit hohem Testosteronspiegel.

Offenbar meinen Menschen in Machtpositionen, sich mehr herausnehmen zu dürfen. Es genügt, wenn sich Versuchspersonen eine Situation ins Gedächtnis rufen, in der sie sich mächtig fühlten: Schon senkt sich ihre moralische Messlatte für das eigene Verhalten. Ob Steuerbetrug oder Tempolimit – für alle anderen gelten strengere Regeln. Demnach sollte der Wähler langjährigen Amtsinhabern Misstrauen entgegenbringen; schließen dürften die Jahre ihre Spuren hinterlassen haben. Und der unverdorbene politische Newcomer würde mehr Vertrauen genießen. Stimmt das?

Lesen Sie nächste Woche: Wer genießt den Bonus – Amtsinhaber oder Underdog?