Infektionen mit Bandwürmern sind keine Seltenheit – vor allem nicht in Ländern und Regionen, die schlechte Hygienebedingungen aufweisen. Im "New England Journal of Medicine" berichten Wissenschaftler nun von einer ungewöhnlichen Patientengeschichte, bei der es sich ein Bandwurm nicht nur im Körper seines menschlichen Wirts gemütlich gemacht hatte, sondern diesen auch mit Krebszellen flutete. Das Team um Atis Muehlenbachs von den US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) war bereits 2013 von kolumbianischen Ärzten auf den Fall eines 41-jährigen, HIV-positiven Mannes gestoßen worden, bei dem die Mediziner im Rahmen einer Biopsie von Lungen- und Lymphgewebe auf eigenartige Tumoren gestoßen waren. Im Labor offenbarten sich den CDC-Forschern winzige, eigenartig geformte Zellen, die sich wie Krebszellen ungehemmt vermehrten und ausbreiteten. Allerdings waren die Zellen etwa zehnmal kleiner als normale Tumorzellen und wiesen auch keine menschlichen Proteine auf.

Als Schlüssel zu der ungewöhnlichen Erkrankung erwies sich schließlich eine Infektion mit dem Zwergbandwurm (Hymenolepis nana), an der der Patient schon vor seinem Krankenhausaufenthalt gelitten hatte. H. nana kann als einzige Bandwurmart seinen kompletten Lebenszyklus im Darm eines einzigen Wirts durchlaufen. DNA-Tests und Genomsequenzierungen offenbarten schließlich, dass das Erbgut des Wurms mit dem der Krebszellen übereinstimmte. Ähnlich wie menschliche Tumorzellen wiesen auch die Bandwurmzellen spezielle Mutationen auf, die sie wuchern ließen. Laut Peter Olson vom Natural History Museum in London, der ebenfalls mit den CDC-Forschern zusammenarbeitete, sind Bandwurm-Tumoren äußerst selten. Bisher würden Wissenschaftler gerade einmal eine Hand voll solcher Fälle kennen, erklärte er gegenüber "Nature News". Olson vermutet, dass es sich bei den Bandwurm-Krebszellen eigentlich um Larven handelt, die vom Verdauungstrakt in die Lymphknoten gewandert sind. Möglich machte dies das ohnehin schon geschwächte Immunsystem des Patienten; bei gesunden Menschen ist ein solcher Ablauf eher unwahrscheinlich. Die Larven verfügten naturgemäß über zahlreiche Stammzellen, die anschließend unkontrolliert zu wuchern begannen, weil die Parasiten sich nicht mehr in ihrer gewohnten Entwicklungsumgebung befanden.

Den kolumbianischen Patienten konnte diese Erkenntnis nicht mehr retten, er starb wenig später an Nierenversagen. Möglicherweise könnte es aber noch mehr Krebsfälle geben, die eigentlich auf solche Bandwurminfektionen zurückzuführen sind, sagen die Forscher: Das betreffe dann vor allem Entwicklungsländer mit schlechten Hygienebedingungen, in denen das Immunsystem vieler Menschen bereits durch Infektionen wie HIV geschwächt ist und bei denen die Würmer dementsprechend ein leichtes Spiel haben. Sie wollen die Spur daher weiterverfolgen.