Im Alter von 46 Jahren entschied sich die Biologin Anne Adams, ihren Beruf an den Nagel zu hängen und sich fortan einzig ihrer neuen Leidenschaft zu widmen, der Malerei. Sie verbrachte Stunden, oft ganze Tage im Atelier, ihre Werke wurden mit der Zeit bunter und lebendiger. 1994 schließlich malte die damals 53-jährige Kanadierin ihr wohl bekanntestes Bild, "Unravelling Bolero", zu Deutsch: "Boléro enträtseln". Fasziniert von Maurice Ravels berühmter Komposition, schuf sie eine detaillierte visuelle Umsetzung der Musik.

Was Adams nicht wusste: Ihre neu gewonnene Kreativität war das erste Anzeichen einer schweren Hirnerkrankung – genauer gesagt, einer Variante der frontotemporalen Demenz. Bezeichnenderweise litt auch Ravel, ohne es zu wissen, unter der Krankheit, als er mit ebenfalls 53 Jahren seinen Boléro schuf. Bei beiden dauerte es noch Jahre, bis sich die Hirnstörung bemerkbar machte. Der Malerin nahm sie zuerst die Sprachfähigkeit und schließlich, 2007, das Leben.

Kreativität im Gehirn
© fotolia / josefklopacka
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernKreativität im Gehirn

Manche Patienten erleben im Frühstadium einer schweren Hirnerkrankung unerwartete Kreativitätsschübe. Den Grund vermuten Forscher in einem Ungleichgewicht der Hirnregionen.

Illustration von ChiragtheOO7

Bei der kurz FTD genannten Krankheit gehen über Jahre hinweg immer mehr Nervenzellen in Stirn- und Schläfenbereichen des Gehirns, den Frontal- und Temporallappen, zu Grunde. Doch anders als beispielsweise bei der Alzheimerdemenz äußert sich dieser Neuronenabbau zunächst weniger in Gedächtnisverlust als in einer schleichenden Persönlichkeitsveränderung. Viele Betroffene neigen zu stereotypem Verhalten und verlieren, wie Adams, ihre Sprache. Erst im fortgeschrittenen Stadium zeigen sich deutliche Defizite im Denken.

Paradoxer Kreativitätsschub

Dass eine solche Erkrankung gleichzeitig neue Talente hervorrufen sollte, klingt paradox. Nur wenige Fälle sind dokumentiert, doch über die Häufigkeit des Phänomens sagt das womöglich nicht viel aus: Künstlerische Ambitionen würden bei Patienten eben selten untersucht, meint Bruce Miller von der University of California in San Francisco. Dabei sei es durchaus eine gute Idee, Bilder oder Zeichnungen zur Diagnose hinzuzuziehen. "Zum Teil machen wir das auch schon", sagt der Demenzexperte. "Patienten mit Demenz der Lewy-Körper zeigen starke Beeinträchtigungen der visuellen Raumvorstellung, ebenso wie Patienten mit Alzheimer. Patienten mit FTD hingegen zeichnen sehr gut."

Nach Schätzungen von Miller bleiben bei etwa einem Sechstel der FTD-Patienten künstlerische oder musikalische Fähigkeiten trotz schwerer Krankheit erhalten oder nehmen sogar zu. Aber auch bei Patienten mit anderen Krankheitsbildern beobachteten Wissenschaftler eine plötzliche Leidenschaft für visuelle Kunst. 1991 beschrieb Yoram Finkelstein vom Shaare Zadek Medical Center in Jerusalem einen Epilepsiepatienten, dessen impulsives und sehr gekonntes Zeichnen in einem Zusammenhang mit den Anfällen zu stehen schien. Im Jahr 2010 erwähnte Catherine Thomas-Anterion vom Centre Hospitalier Universitaire de Saint-Étienne eine 36-jährige Frisörin, die nach einem Schlaganfall geradezu obsessiv großflächige, figürliche Bilder zu malen begann. Kalte Farben wie Blau oder Grau bereiteten ihr dabei Schmerzen.

So unterschiedlich derartige Fälle sind, offenbaren sie doch Gemeinsamkeiten, die Forschern einiges über die neuronalen Grundlagen visueller Kreativität verraten. Beispielsweise ist bei allen aufgeführten Patienten der parietale Kortex der rechten Gehirnhälfte trotz Erkrankung weit gehend intakt geblieben.

Das passt ins Bild, das sich Hirnforscher von dieser Region machen. Sie übernimmt wesentliche Aufgaben bei der visuellen Kreativität und der räumlichen Analyse visueller Wahrnehmungen, was sich insbesondere bei jenen Patienten zeigt, bei denen sie ausfällt. Einige Menschen mit einem Schlaganfall in dieser Region leiden etwa unter einem "Hemineglect" – sie nehmen Dinge im linken Gesichtsfeld nicht wahr –, andere leiden unter einer so genannten Simultanagnosie und können ihre Aufmerksamkeit nur noch auf einzelne Elemente eines Wahrnehmungsinhalts richten. Miller und seine Kollegen beschrieben zum Beispiel im Jahr 2003 eine Malerin, die nach einem Schlaganfall im rechten parietalen Kortex nur noch einfache Bilder malte, in denen sie sich auf einzelne Elemente eines Geschehens konzentrierte.

Aus der Balance geraten

Bleibt der Parietalkortex dagegen wie bei Anne Adams intakt, sollten derartige Ausfälle nicht auftreten. Warum aber erleben manche dieser Patienten sogar einen Zuwachs an visueller Kreativität? Woher kommt diese neue Fähigkeit? Auch auf diese Frage gibt eine genaue Betrachtung der betroffenen Hirnareale Hinweise.

Bei seinen FTD-Patienten, die eine Leidenschaft für visuelle Kunst entwickelten, stellte Miller weitere Gemeinsamkeiten fest: Einerseits hatte die Krankheit neben der rechten parietalen auch bestimmte frontale Regionen verschont. Andererseits zeigten die Patienten eine zunehmende Schädigung auf der linken Hirnhälfte. Hier, oberhalb des linken Ohrs im Temporallappen, verarbeitet das Gehirn wesentliche Elemente der Sprache, weshalb die Schädigung zu einer so genannten primären progressiven Aphasie führen kann, einer fortschreitenden Sprachstörung.

Normalerweise – so erklärten sich Miller und seine Kollegen diese Beobachtung – scheint die neuronale Aktivität in den linksseitigen Sprachregionen die Aktivität in den parietalen und frontalen Bereichen rechts zu hemmen. "Ich denke, dass unser Gehirn so verschaltet ist, dass unser visuelles System weniger aktiv wird, sobald Sprachnetzwerke eingeschaltet werden. Sprachliche und visuelle Aktivitäten sind sehr unterschiedlich, und vielleicht ist es schwierig für das Gehirn, beides gleichzeitig aufrechtzuerhalten", meint Miller. Ist nun das Sprachzentrum geschädigt, nimmt die Aktivität in den frontoparietalen Bereichen der rechten Gehirnhälfte zu, und visuelles Denken tritt zu Tage.

Aber auch der Kreativitätszuwachs könnte sich nach diesem Prinzip erklären lassen. Die israelische Wissenschaftlerin Simone Shamay-Tsoory und ihre Kollegen machten eine entsprechende Beobachtung: Patienten, die Gehirnschäden in der sprachverarbeitenden linken Region, nicht aber im rechten Temporal- und Frontalbereich hatten, schnitten in einem Test überdurchschnittlich gut ab, der ihre Fähigkeit maß, unkonventionell zu denken. Möglicherweise, so schreiben die Forscher, stehen die linken Gehirnregionen der Sprachfähigkeit, die ein lineares, semantisches, logisches Denken aktivieren, mit einem Netzwerk des kreativen Denkens in der rechten Hirnhälfte in Konkurrenz.

Konkurrenzloser Parietalkortex

Fällt diese Konkurrenz plötzlich weg, könnte sich das sogar in einem Zuwachs von Nervengewebe in dem unversehrten Areal bemerkbar machen – und dadurch vielleicht auch in Form einer höheren Kreativität. Bei Anne Adams jedenfalls konnten die Forscher solche anatomischen Veränderungen dingfest machen.

Aber natürlich lässt sich visuelle Kreativität nicht allein auf neuronale Prozesse im rechten parietalen Kortex reduzieren – dazu ist der Prozess viel zu komplex. Vermutlich ist ein ganzes Netzwerk aus sich gegenseitig aktivierenden und hemmenden Regionen involviert. Die beschriebenen linken temporalen und rechten parietalen Bereiche spielen zwar durchaus eine zentrale Rolle, aber auch andere Gehirnregionen sind an dem Prozess beteiligt. Der so genannte dorsolaterale präfrontale Kortex beispielsweise könnte als eine Art Schaltstelle dienen, die zwischen den eher konzeptuellen Prozessen des Kunstschaffens und der Bildwahrnehmung in den hinteren Gehirnbereichen vermittelt.

Es scheint auch naheliegend, dass nicht jede Form von Kunst auf den gleichen neuronalen Prozessen beruht. Die Tatsache, dass Patienten mit primärer progressiver Aphasie oft erstaunliche Kunstwerke hervorbringen, heißt beispielsweise nicht, sprachliche Areale würden für das Schaffen visueller Kunst grundsätzlich keine Rolle spielen. Welchen Einfluss semantische Fähigkeiten auf die Kunstherstellung entfalten können, zeigt der 1991 von Bozydar Kaczmarek beschriebene Fall des polnischen Künstlers Richard L., der Bilder von starker symbolischer Aussagekraft malte. Durch einen Schlaganfall in der linken Hemisphäre, der ihm die Sprachfähigkeit raubte, verlor Richard L. seine Begabung zur symbolischen Kunst. Seine Fähigkeit, Landschaften oder Menschen abzumalen, blieb jedoch erhalten.

Teils spiegelten die Kunststile der Betroffenen subtile Unterschiede in den Krankheitsbildern wider, erklärt Miller. Je nachdem welchen Charakter eine Sprachstörung hat, ob sie eher das Benennen von Gegenständen oder die Aussprache betrifft, änderten sich die Bilder der Patienten: Erstere malten eher realistisch, Letztere abstrakt und expressiv.

Das Forschungsgebiet von Miller und seinen Kollegen kämpft noch immer mit erheblichen Schwierigkeiten – es gibt zu wenig gut dokumentierte Fälle, und jede Analyse ist mit viel Subjektivität behaftet. Doch sicher ist, dass ihre Untersuchung der Wissenschaft auf lange Sicht dabei helfen könnte, die Kreativität des menschlichen Gehirns zu erklären. Und das macht die Kunst von Patienten wie Anne Adams auf gewisse Weise gleich doppelt inspirierend.