Die Nacht vom 31. Januar auf den 1. Februar 1953 gehört zu den tragischsten Momenten der niederländischen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg: Eine ausgeprägte Springflut und ein schwerer Sturm aus Nordwest drückten riesige Wassermassen in das Delta der Flüsse Maas, Ost- und Westschelde. Wo der Unterschied zwischen Ebbe und Flut der Nordsee in der Regel weniger als einen Meter beträgt, türmte sich das Meer mehr als fünf Meter über den normalen Nullpunkt auf. Deiche brachen, weite Teile der Provinz Zeeland mit ihren zahlreichen Inseln standen unter Wasser. Mehr als 1800 Menschen starben in der "Flutkatastrophe von 1953", die auch die Themsemündung an der englischen Küste todbringend traf.

Für die niederländische Regierung war diese Überflutung eine bittere Lehre, aus der sie technologische Schlüsse zog. Heute sichern massive Sperrwerke, Fluttore und Schleusen im Rahmen des so genannten Delta-Plans die Küste Zeelands: Sie sollen verhindern, dass die Bewohner der tief liegenden Inseln und Polder von einer weiteren Sturmflut überrascht werden. Die Bauwerke stellen damit das bislang letzte Kapitel der bewegten Deichbau- und Fluthistorie in den südwestlichen Niederlanden dar – die nicht immer nur von natürlichen Ereignissen und Katastrophen geprägt war. Denn immer wieder wurde das Wasser auch gezielt als Kriegswaffe eingesetzt, wie eine umfangreiche Auswertung des Historikers Adriaan de Kraker von der Universität Amsterdam im Journal "Hydrology and Earth System Sciences" zeigt.

Dieses Marschland in den südwestlichen Niederlanden war einst fruchtbares Ackerland – bevor 1584 absichtlich ein Deich zerstört wurde, um mit Hilfe der Fluten spanische Besatzungstruppen zu besiegen. Der Durchbruch im Hintergrund ist heute ein Gezeitenkanal, der bei Flut Nordseewasser ins Hinterland treibt.
© A. de Kraker
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 Bild vergrößernSpuren der Vergangenheit
Dieses Marschland in den südwestlichen Niederlanden war einst fruchtbares Ackerland – bevor 1584 absichtlich ein Deich zerstört wurde, um mit Hilfe der Fluten spanische Besatzungstruppen zu besiegen. Der Durchbruch im Hintergrund ist heute ein Gezeitenkanal, der bei Flut Nordseewasser ins Hinterland treibt.

In den letzten 500 Jahren erlebten die südwestlichen Niederlande mit der Provinz Zeeland, Teilen Nordbrabants und der Region südlich von Rotterdam mindestens 32 größere Überflutungen, von denen ein gutes Drittel konkret zu Kriegszeiten stattfand – was für de Kraker den Schluss nahelegte, dass diese elf Ereignisse womöglich gezielt herbeigeführt wurden. Dazu wühlte er sich durch die umfangreichen Archive, denn jeder Polder musste früher einen jährlichen Bericht abliefern, was die verantwortlichen Gemeinden zum Erhalt der Deiche und Schleusen getan hatten. Zudem studierte er historische Karten, Luftbilder und die Korrespondenz verschiedener Akteure wie Bürgermeister, niederländischer Rebellen und spanischer Generäle, die Aufzeichnungen von alliierten Streitkräften und der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg sowie archäologischer Grabungen und von Bodenuntersuchungen.

Der Kampf gegen die spanische Krone

Die ersten Spuren, dass die Kraft des Wassers strategisch eingesetzt wurde, entdeckte der Forscher für die Zeiten des Achtzigjährigen Kriegs, als die Niederlande sich die Unabhängigkeit von Spanien erkämpfen wollten. Angeführt von Wilhelm I. von Oranien zerstörten die Rebellen zwischen 1584 und 1586 an strategisch wichtigen Stellen verschiedene Nordseedeiche und fluteten damit Teile Flanderns: Sie wollten so die Verteidigung von Städten wie Antwerpen und Gent erleichtern, Belagerungen verhindern oder beenden und ihr bereits erobertes Terrain vor Gegenangriffen schützen. "Doch dieser Plan entglitt ihnen völlig", sagt de Kraker: "Er ging auf Kosten des nördlichen Flanderns, das zu zwei Dritteln überschwemmt wurde." Manche Regionen standen mehr als 100 Jahre unter Wasser, Böden versalzten, Schlick bedeckte Straßen, Dörfer und Felder, die Ernten litten.

"Strategisches Fluten ist eine höchst riskante Taktik. Sie geht nur auf, wenn ein gut durchdachter Sicherungs- und Notfallplan damit einhergeht – und ein Programm für schnelle Reparaturen am Deich", warnt de Kraker. Doch das war damals nicht der Fall: "Ich habe wirklich angestrengt nach derartigen Plänen und Maßnahmen gesucht, aber kaum etwas gefunden." Im Falle des Achtzigjährigen Kriegs erwies sich die Waffe Wasser letztlich als völliger Fehlschlag: Nicht nur ging das überschwemmte Land verloren, auch die Spanier wurden nicht entscheidend zurückgeschlagen – sie eroberten Brügge, Antwerpen und Gent. Erschwert wurde die erneute Landgewinnung zudem durch eine starke Sturmflut, die am 26. Januar 1682 die Region traf und die Nordsee bis in die Kathedrale von Antwerpen trieb.

Fluten gegen die Franzosen und Deutschen

Zuvor noch überschwemmten militärische Befehlshaber erneut absichtlich Polder, als französische Truppen im heute belgischen Teil Flanderns einmarschierten und auch die Niederlande bedrohten. In der Folge perfektionierten die holländischen Ingenieure ihre Taktik und Technik. Statt einfach nur Dämme zu durchbrechen, entwickelten sie ein System aus Schleusen und Kanälen, mit denen sie innerhalb weniger Tage Polder gezielt fluten konnten. Wenn das Wasser nur 40 bis 60 Zentimeter hoch stand, mussten Truppen bereits auf Boote ausweichen, und Kanonen ließen nicht mehr einfach nur über festen Untergrund ziehen. Auf diese Weise errichteten sie eine Grenze nach Süden, die rasch zu einem Wassergraben umfunktioniert werden konnte.

Gegen die Besetzung durch die Wehrmacht richtete diese Barriere allerdings nichts aus. Später wollten die deutschen Truppen mit der gezielten Zerstörung von Deichen verhindern, dass die Alliierten zügig vorrücken und die Niederlande befreien konnten – erfolglos, obwohl Teile Zeelands wieder einmal überschwemmt wurden: Der Vorstoß der Amerikaner und Briten wurde nur verlangsamt, aber nicht aufgehalten. Umgekehrt setzten auch die Alliierten diese Waffe ein, weil sie den Hafen von Antwerpen als strategisch wichtigen Brückenkopf zur Versorgung ihrer Soldaten nutzen wollten: Am 1. Oktober 1944 gab daher General Eisenhower den Befehl, die Deiche auf der damaligen Insel Walcheren zu bombardieren, was entscheidend dazu beitrug, die Wehrmacht innerhalb von nur einer Woche aus der Region zu vertreiben und so die Mündung die Westschelde zu sichern.

Der Angriff kostete auch Zivilisten das Leben, erwies sich allerdings Jahre später durchaus als lebensrettend. Denn nach dem Krieg wurden die Deiche zur See hin nach neuesten Erkenntnissen erneut befestigt und verstärkt, weshalb Walcheren 1953 von größeren Verheerungen weit gehend verschont blieb. Als Insel existiert Walcheren trotzdem nicht mehr: Schon ab 1871 verband ein Damm sie mit der benachbarten Insel. Im Rahmen des Deltaplans kamen weitere Einpolderungen hinzu. Heute ist sie als Halbinsel mit dem Festland verbunden.