Nicht allein ihre genetische Ausstattung weist sie als engste Verwandte des Menschen aus – Schimpansen zeigen auch sonst erstaunliche Parallelen zu Homo sapiens: Sie können sich selbst im Spiegel erkennen, feilschen, tricksen und lügen für leckere Belohnungen und manipulieren das Machtgefüge in ihrer Gruppe für eigene Zwecke. Mensch oder Schimpanse – beide leben sie eben in einer durch und durch sozialen Welt. Jetzt sind Forscher auf eine weitere verblüffende Ähnlichkeit gestoßen: Schimpansen scheinen auf den Tod eines Nahestehenden mit stiller Trauer zu reagieren. Das wollen zumindest Forscher um James Anderson von der schottischen University of Stirling beobachtet haben.

"Unsere Befunde deuten daraufhin, dass der Tod den Schimpansen bewusster ist als vielfach angenommen", erläutert Anderson. Anlass für diese Bemerkung gab ein eigentlich eher trauriges Ereignis. Am 7. November 2008 starb im Winterhaus eines Safariparks das Schimpansenweibchen Pansy, gute 50 Jahre alt und damit bereits hochbetagt. Und zwar – anders als in bisher beobachteten Todesfällen – friedlich und ohne Gewalteinwirkung. Glück der Forscher: Zwei Videokameras zeichneten das Geschehen minutiös auf.



Vor allem wie die engsten Angehörigen auf Pansys Tod reagierten, interessierte das Biologenteam. Den Aufzeichnungen zufolge schien der Gruppe deren sich über Wochen verschlechternder Gesundheitszustand nicht entgangen zu sein. Das siech darniederliegende Weibchen wurde vor ihrem Tod von allen Seiten intensiv und zärtlich gelaust und durfte in ihren letzten Tagen ein von ihrer Tochter bereitetes Schlafnest selbst in Beschlag nehmen.

Mensch bleiben

Nachdem schließlich das Ende gekommen war, betasteten die Tiere ihre Artgenossin, als würden sie überprüfen, ob ihr nicht doch noch Lebenszeichen zu entlocken wären. Eines der Männchen vollführte, wie die Aufzeichnungen der Videokameras offenbarten, gleich mehrere aggressive Scheinangriffe und Machtdemonstrationen in Richtung der toten Pansy.



Wollte Chippy, ihr 20 Jahre alter Sohn, damit seine Mutter aufschrecken und wieder zum Leben erwecken? Anderson und Team geben in ihrem Bericht dieser Vorfälle umfangreiche Interpretationshilfe [1]. Viele auffällige Verhaltensweisen der Pan-troglodytes-Gruppe ließen sich nach Meinung der Forscher in Beziehung setzen zu menschlicher Trauer und den Emotionen, wie wir sie aus ähnlichen Situationen kennen. So scheint die Gruppe, nachdem Pansy gestorben war, für Tage aus dem Tritt geraten zu sein, inklusive schlechtem Nachtschlaf. Die Tiere schauten stumm und in gedrückter Stimmung dem Abtransport der Leiche zu, die sie zuvor mehrfach von Stroh befreit hatten. Pansys Tochter blieb die ganze erste Nacht nach dem Tod ihrer Mutter in deren Nähe.

Die Affen vermieden auch mehrere Nächte lang den an und für sich beliebten Schlafplatz, wo "es" passiert war. Genau wie bei trauernden Menschen habe das Bedürfnis geherrscht, "Objekte und Orte, die mit dem Toten assoziiert sind, unberührt zu lassen", so die Biologen. Ob sie mit diesen Deutungen über das Ziel hinausschießen, wird sich mit endgültiger Sicherheit nicht klären lassen. Wie oft, wenn Wissenschaftler das Verhalten der ihnen sicherlich ans Herz gewachsenen Forschungsobjekte beurteilen müssen, setzen sich auch Anderson und Kollegen dem Verdacht aus, zu großzügig die Gefühlslage ihrer Schützlinge auszulegen.

Verständnisschwierigkeiten

Immerhin könnten die Verhaltensweisen im Gegenteil durch völliges Unverständnis der Situation bedingt sein. Vielleicht waren die Affen am Ende nur zutiefst verwundert darüber, dass ein Mitglied ihrer Gemeinschaft nicht mehr reagierte wie gewohnt. Ihr Verhalten in den Folgetagen könnte genauso gut durch Angst und Unsicherheit geprägt gewesen sein wie durch das Gefühl, einen Verlust erlitten zu haben. Aus evolutionsbiologischer Perspektive wäre es durchaus sinnvoll, wenn die Tiere ihrem Instinkt folgend einen seltsam gefährlichen Ort für einige Zeit meiden.

Bislang ist Pansys Tod im Safaripark die einzige Beobachtung eines friedlichen Todesfalls durch Altersschwäche. Eine breitere empirische Basis, auf die die Wissenschaftler ihre Interpretationen stützen könnten, fehlt somit, und entsprechend groß ist der sich ihnen bietende Spielraum. Berichten anderer Forscher zufolge reagieren frei lebende Schimpansen auf tödliche Unfälle von Artgenossen mit Hektik, Aufruhr und gegenseitigen Freundschaftsbekundungen, ziehen dann aber nach einigen Stunden weiter.

Vergleichsweise häufig wurden hingegen Fälle beobachtet, in denen Säuglinge oder andere sehr junge Gruppenmitglieder ihr Leben verlieren – so auch in einem aktuellen Bericht, der zeitgleich mit dem des Teams um Anderson veröffentlich wurde [2]. Dora Biro von der University of Oxford schildert darin zwei mehrere Jahre zurückliegende Vorkommnisse aus Boussou in Guinea, wo sie und ihre Forscherkollegen eine kleine Schimpansengruppe auf Schritt und Tritt begleiten.

In freier Wildbahn

Im Jahr 2003 fielen zwei Jungschimpansen im Alter von 14 Monaten und zweieinhalb Jahren einer grassierenden Lungenerkrankung zum Opfer. Wie schon zuvor bei dieser und anderen Gruppen beobachtet, trennten sich die Mütter nicht sofort von den Leichnamen ihres Nachwuchses. Bemerkenswert sei allerdings, berichten Biro und Kollegen, die extreme Dauer dieser Phase: Jire, eines der Weibchen, nahm über einen Zeitraum von 68 Tagen den am Ende vollständig mumifizierten Körper ihres toten Babys überallhin mit. Vuavua aus der gleichen Gruppe behandelte ihr totes Kind immerhin noch 19 Tage lang, als wäre es lebendig.



Die übrigen Gruppengenossen nahmen den Beobachtungen der Forscher zufolge kaum Notiz davon – trotz des intensiven Gestanks, der von den Leichen ausgegangen sei. Bestenfalls Jugendliche hätten sich für die Babys interessiert, wie Videoaufzeichnungen dokumentieren, wenn auch nur als Spielzeug. Frühere Feldbeobachtungen hatten ergeben, dass der Umgang der Artgenossen mit den toten Jungen durchaus gewalttätige und kannibalische Züge annehmen kann.

Anders als im Fall der an Altersschwäche sterbenden Pansy bietet sich in diesem Fall keine Deutung des rätselhaften Verhaltens an. Einerseits behandelten die Mütter Vuavua und Jire ihre Kinder, als seien sie noch lebendig, getragen wurden sie andererseits wie ein unbelebtes Objekt.

Inwiefern die beiden Mütter "'verstanden' haben, dass ihre Kinder gestorben waren", sei daher eine "offensichtliche und faszinierende Frage", schreiben Biro und Kollegen. Auf eine vorschnelle Antwort verzichten sie allerdings.