Stellen Sie sich vor, Sie kommen zufällig an der Wohnung einer alten Bekanntschaft vorbei, die vor vielen Jahren einmal eine Affäre mit Ihrem Partner beziehungsweise Ihrer Partnerin hatte. Spontan beschließen Sie, mal wieder Hallo zu sagen – schließlich ist die alte Geschichte längst verziehen. Doch Sie geraten in Streit, alte Gefühle kommen wieder hoch … und plötzlich liegt die Person tot vor Ihnen.

Spurenlese im Puppenhaus

Diese Geschichte erzählten Psychologen von der Universität Mainz ihren Versuchspersonen, während sie das Geschehen mit Playmobilmännchen in einer Art Puppenhaus nachstellten. Die Instruktion an die 108 Versuchspersonen lautete: Versuchen Sie, Ihre Tat zu vertuschen! Danach überprüften die Forscher, wie viele der Spuren des Geschehens, darunter Tatwaffe, Kaffeetasse und Fingerabdrücke, die Probanden erfolgreich beseitigt hatten.

Das Team um Heiko Hecht wollte auf diese Weise herausfinden, ob Fans von Krimiserien wie "CSI" aus diesen das nötige Wissen ziehen, um die Spuren eines Verbrechens zu verwischen – eine Hypothese, die unter dem Begriff CSI-Effekt bekannt ist. Dazu hatten die Psychologen zunächst aus 200 Studierenden die jeweils größten Krimiserienfans und eine an Krimis desinteressierte Kontrollgruppe ausgewählt. Sie sollten erst einen Laptop aus einem Büro stehlen und dabei möglichst wenig Spuren hinterlassen, indem sie beispielsweise eine Kamera austricksten. Dann wurden sie beauftragt, den Tatort eines Mords (diesmal an einer lebensgroßen Puppe) zu säubern.

Wie die Psychologen in der Fachzeitschrift "International Journal of Law, Crime and Justice" berichten, stellten sich die Krimifans nicht geschickter an als die Kontrollgruppe. Sie unterschieden sich auch nicht in ihrem Wissen über Forensik, wie eine Nachbefragung zeigte. Beim eingangs geschilderten Tatort im Puppenhaus verhielt es sich nicht viel anders. Zwar reinigten jene den Tatort im Schnitt gründlicher, die spontan auch ein Krimiformat unter ihren liebsten Serien nannten.

Tech-Effekt statt CSI-Effekt

Dieser Faktor spielte jedoch keine Rolle mehr, als die Forscher die Vertuschungskünste der Probanden in einem statistischen Modell mit allen verfügbaren Informationen zu erklären versuchten. Wer nach erfolgreichen Verbrechern sucht, findet sie dem Modell zufolge nicht unter Krimiserienfans, sondern am ehesten unter Männern in ihren Zwanzigern mit hohem Bildungsgrad. Dahinter steckte wiederum ein anderer Faktor, den die Forscher bei dieser Gruppe gehäuft vorfanden: die Technikaffinität. "Probanden in technischen Berufen und Ingenieure waren mit Abstand die Besten", erklären Hecht und seine Kollegen.

Ob Krimifan oder nicht: Wer sich nicht für die forensische Wissenschaft interessierte, war beim Tatortsäubern wenig erfolgreich. Hecht und sein Team hatten außerdem von deutschen Gefängnisinsassen erfahren, dass diese ihr Wissen nicht aus dem Fernsehen bezogen, sondern vielmehr von gleichgesinnten Freunden und Bekannten. Für zunehmend professionelle Vertuschungsversuche echter Krimineller sind demnach deren forensisches Interesse und technische Expertise verantwortlich – nicht aber "CSI", "Sherlock" & Co.