Die weißen "Aussies", die mehrheitlich von anglo-keltischen Einwanderern und Sträflingen abstammen, sind nicht davon abzubringen, James Cook habe Australien "entdeckt". Der große englische Seefahrer erreichte zwar tatsächlich im April 1770 als erster Europäer die Botany Bay bei Sydney an Australiens Ostküste. Als erster historisch verbriefter Europäer überhaupt tauchte jedoch bereits 1606 der Holländer Willem Janszoon in Australien auf, der von den holländischen Besitzungen auf Java mit seinem Schiff "Dyfken" auf Entdeckungsreise gesegelt war und an Australiens Nordküste ankam – 164 Jahre vor Kapitän Cook.

Duyfken
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Vor den Holländern und Engländern betraten schon die Portugiesen die Entdeckerbühne. Sie hatten zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Gewürzinseln im Gebiet des heutigen Indonesien und Osttimor für sich in Beschlag genommen und ein lukratives Handels- und Exportmonopol mit Pfeffer, Nelken und anderen Gewürzen begonnen – ein Geschäft, das ihnen später die Holländer abnahmen.

Eine heiße Spur

Eine um 1545 entstandene und nach ihrem Auftraggeber Nicolas Vallard benannte französische Seekartensammlung eines unbekannten Kartografen führte den Journalisten Peter Trickett auf eine heiße Fährte. Er sei wie "elektrifiziert" gewesen, als er in einem Buchladen in Canberra über eine Reproduktion aus dem Vallard-Atlas gestolpert sei.
"100 Jahre vor den Holländern und 250 Jahre vor Kapitän Cook"
(Peter Trickett)
"Sie liefert einen überzeugenden Beweis, dass portugiesische Schiffe unter dem Kommando des portugiesischen Seefahrers Cristóvão de Mendonça die abenteuerliche Entdeckungsreise schon um 1520 gemacht haben … Das war 100 Jahre vor den Holländern und 250 Jahre vor Kapitän Cook", jubelt Trickett in seinem in diesem Frühjahr veröffentlichten Buch "Beyond Capricorn".

Vallard-Karte
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Auf der Vallard-Karte – das Original befindet sich in einem Tresor in der Huntington-Bibliothek in Los Angeles – seien eindeutig die Ost- sowie Teile der Südküste Australiens zu sehen, schreibt Trickett. Allerdings nur, wenn man die Karte in Einzelteile zerlegt und solange dreht und wendet, bis es passt. Genau das hat Trickett getan. Seekarten, auf denen die Lage von Überseekolonien wie den Molukken verzeichnet war, hätten einen unschätzbaren politischen, militärischen und wirtschaftlichen Wert für Länder wie Portugal gehabt, so Trickett. Für den Fall, dass sie durch Raub oder Verrat fremden Mächten in die Hände fielen, habe man damals durch vorsätzliche Fälschungen versucht, die Karten nutzlos zu machen. Zudem seien auf der Karte viele Ortsnamen und andere geografische Angaben portugiesisch.

Blankes Entsetzes

Wissenschaftler schlagen entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen. Es gebe es in portugiesischen Archiven keinerlei Hinweise auf die Entdeckung Australiens, betont Martin Woods, Kurator der Land- und Seekarten in der Australischen Nationalbibliothek in Canberra. Trickett habe keine neuen Dokumente wie Marschbefehle oder Schiffslogbücher zu Tage gefördert.

Botany Bay
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Der Sprachwissenschaftler William Richardson von der australischen Flinders-Universität in Adelaide kritisiert, Trickett habe nur etwa zehn Prozent des verfügbaren Datenmaterials für sein Buch genutzt. Richardson geht in seinem Buch "Was Australia charted before 1606?" davon aus, dass die Vallard-Karte Java sowie die Küste Vietnams zeigt. Bei dem Dreieck, das Trickett nach Drehen und Wenden der Karte als Wilsons Promontory identifiziert, dem südlichsten Punkt Australiens, handele es sich in Wirklichkeit um das Mekong-Delta.

Die 120 portugiesischen Namen weist Richardson als Produkt der Fantasie des Schöpfers der Vallard-Karte zurück. "Trickett nimmt an, dass der Kartograf Zugang zu mehr Informationen hatte als andere Kartografen. Das ist absolut falsch. So mancher Kartograf hat Beschreibungen von Küstenlinien erfunden … um reiche Auftraggeber der Karten … zu beeindrucken. Das ist ein solcher Fall." Das angebliche Portugiesisch sei eine "erstaunliches sprachliches Durcheinander".

Als ein anderes Beispiel linguistischer Fehlinterpretation Tricketts führt Richardson die Erklärung für das Wort "Aljofar" an. Laut Trickett stammt das ein Wort aus der polynesischen Sprache – und so siedelt er den Ort in der Gegend von Tonga an.
"Das ist absolut falsch"
(William Richardson)
Richardson betont jedoch, "Aljofar" sei der portugiesische Begriff für Perle. Im 16. Jahrhundert galten der Persische Golf, die Gegend zwischen Sri Lanka und Indien sowie die südchinesische Insel Hainan als die bekanntesten Fundorte für Perlen. Richardson vermutet, die Portugiesen hätten Hainan selbst oder einen Ort auf der Insel "Aljofar" genannt. Hainan aber liegt nördlich vom Mekong-Delta – genau da, wo auf der Vallard-Karte "Aljofar" verzeichnet ist.

Kurzsichtige Marketingkampagnen

Richardson geht sogar soweit, Trickett als neuen Gavin Menzies zu bezeichnen. Der ehemalige U-Boot-Kapitän hatte vor fünf Jahren in seinem Weltbestseller "1421 – Das Jahr, in dem die Chinesen die Welt entdeckten" behauptet, chinesische Flotten unter Admiral Zheng Ho seien zwischen 1421 und 1423 weit vor Kolumbus in Amerika gewesen, hätten einhundert Jahre vor Magellan die erste Weltumsegelung geschafft und en passant Australien entdeckt. Richardson ist einer der Autoren der Anti-Menzies-Webseite "1421 entlarvt", mit der internationale Akademiker und Forscher sicherstellen wollen, "dass Geschichte nicht von Publizisten neugeschrieben wird, die mehr an kurzsichtigen Marketingkampagnen zur Absicherung ihrer finanziellen Sicherheit interessiert sind, als an intellektueller Integrität und Aufklärung der Öffentlichkeit".

Australien erscheint
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Weder ist Trickett der erste Autor, welcher der portugiesischen Entdeckung Australiens das Wort redet, noch lässt sich ausschließen, dass die Portugiesen tatsächlich vor den Holländern als erste Europäer "down under" waren. Die Vallard-Karte ist Teil der "Dieppe-Seekarten", von denen viele ein Land mit dem Namen "Java La Grande" zwischen Indonesien und der Antarktis zeigen. Die einzige Landmasse in dieser Region ist zwar Australien. Aber Form und Lage von Java La Grand lassen eher den Schluss zu, dass die Verfasser der Karten keine Ahnung von Australien hatten, sondern lediglich die seit vielen Jahrhunderten vermutete Existenz eines Südkontinents zu Papier gebracht hatten.

Ein Schock für Anglophile

Zweifelsohne traten die Portugiesen im 15. und 16. Jahrhundert als die mächtigste seefahrende Nation der Welt auf – mit Kolonien in Brasilien, Afrika, Arabien, Indien, China und den Gewürzinseln im heutigen Indonesien. Ein großer portugiesischer Stützpunkt war das nur 450 Kilometer von Australien gelegene Osttimor. Es erscheint also gut möglich, dass die Portugiesen von ihren Gewürzinseln aus Expeditionen losgeschickt haben, um die nähere und weitere Umgebung zu erforschen und auf so einer Tour auch über Australien gestolpert sind. Dafür könnte eine Reihe von Funden in Australien sprechen wie ein 500 Jahre altes Senkblei oder auch Tonscherben, die Trickett als portugiesische Machart identifiziert hat.

Wissenschaftliche Beweise fehlen jedoch. Die "portugiesischen Kanonen" auf der Carronade-Insel in Westaustralien, die Trickett als Beleg für die Portugiesen in Australien anführt, haben westaustralische Wissenschaftler schon weit vor Tricketts Buch als von Makassen produziertes Schießgerät identifiziert.

Sydney
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Auch fehlt jeglicher Beweis für Tricketts Behauptung, Kapitän Mendonça sei auf ausdrücklichem Geheiß von Portugals König Emanuel I. auf Entdeckertour oder Spionagemission in von den Spaniern beanspruchten asiatisch-pazifischen Gewässern unterwegs gewesen. Wenn es diesen Marschbefehl und Berichte über die Mission gegeben hat, dann sind bei dem großen Feuer und Erdbeben verloren gegangen, das 1755 Portugals Hauptstadt Lissabon fast gänzlich zerstört hat.

Trickett hat noch eine Überraschung für die Australier parat: Die Karte zeige eindeutig, dass die Portugiesen gar in Botany Bay gewesen, dem Geburtsort des weißen Australiens – wo Kapitän Cook 250 Jahre später australischen Boden betrat. Der gebürtige Neuseeländer grinst: "Das mag ein Schock für die Anglophilen sein."