Ein Städter in Berlin, München oder Hamburg kann vielleicht noch 50 Sterne am Nachthimmel sehen. Wenn nicht gerade der Vollmond die übliche Lichtverschmutzung über den Metropolen verstärkt. Wer mehr erblicken möchte, muss hinaus aufs dunkle Land; am besten in die Rhön, die Eifel oder das Westhavelland. Denn der Lichtsmog nimmt weltweit stark zu, so eine Erhebung von Fabio Falchi vom Istituto di Scienza e Tecnologia dell'Inquinamento Luminoso und seinem Team. 60 Prozent aller Europäer haben demnach nur noch einen sehr eingeschränkten Blick auf die Milchstraße. Stark verschärfen könnte sich das Problem, wenn sich in der Europäischen Union die LED-Technologie weiter durchsetzt – was aus energetischen Gründen nötig und erwünscht ist. Werden LED jedoch im gleichen Maß wie herkömmliche Beleuchtungsmittel eingesetzt und dürfen sie ungehindert auch in Richtung Himmel abstrahlen, nimmt der Lichtsmog in den Ballungszentren nochmals deutlich zu.

Dicht besiedelte und wohlhabende Regionen sind am stärksten vom Lichtsmog betroffen, während weite Teile Afrikas und Australiens Inneres noch sehr dunkel sind. Ein Drittel der Menschheit sieht die Milchstraße praktisch nicht mehr.
© Falchi et al, Science Advances; Jakob Grothe/National Park Service, Matthew Price/CIRES/CU-Boulder
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernWeltkarte der Lichtverschmutzung
Dicht besiedelte und wohlhabende Regionen sind am stärksten vom Lichtsmog betroffen, während weite Teile Afrikas und Australiens Inneres noch sehr dunkel sind. Ein Drittel der Menschheit sieht die Milchstraße praktisch nicht mehr.

Im weltweiten Maßstab gehören vor allem die westeuropäischen Staaten zu den von Lichtverschmutzung am stärksten betroffenen Regionen. Sie liegen allerdings noch hinter den USA, wo 80 Prozent der Menschen den Sternenhimmel nicht mehr ungetrübt sehen. Noch schlimmer sieht die Situation in Singapur und Südkorea aus, die in der weltweiten Rangliste auf den vordersten Plätzen liegen. "Erstmals gibt es ganze Generationen an Menschen in den Vereinigten Staaten, die noch nie die Milchstraße in ganzer Pracht gesehen haben", sagt der an der Studie beteiligte Chris Elvidge vom National Center for Environmental Information in Boulder. Wer hier den Sternenhimmel in Gänze sehen will, muss in den Yellowstone-Nationalpark oder in die Wüsten des Südwestens ausweichen.

Im westeuropäischen Vergleich ist es in Teilen Schottlands und in ländlichen Regionen Norwegens am dunkelsten, in Belgien und Italien dagegen am hellsten. Weltweit kennt ein Drittel der Bevölkerung den Sternenhimmel vor allem noch aus Erzählungen. Dabei zeigt sich natürlich ein deutlicher Unterschied zwischen Industriestaaten und sich entwickelnden Regionen, doch holen Letztere stark auf. Absolut gesehen sind Australien mit seinem menschenleeren Outback sowie Afrika mit den armen ländlichen Regionen die dunkelsten Kontinente.

Lichtverschmutzung trübt allerdings nicht nur den Blick auf die Milchstraße, sie ist auch ein ökologisches Problem. Die künstlichen Lichtquellen locken Insekten an und führen wandernde Vogelarten oder Meeresschildkröten in die Irre.