Auf der Straße sieht eine Frau einen Bekannten und winkt in seine Richtung. Doch er schaut nur verwirrt zurück. Sollte er sie denn kennen, fragt er sich? Da er nicht unhöflich sein will, lächelt er endlich zurück und geht schnell weiter. Solch peinliche Situation erlebt er häufiger.

Schätzungsweise zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter einer angeborenen Gesichtsblindheit (Prosopagnosie). Sie erkennen Bekannte oder Verwandte – ja sogar ihre eigenen Kinder – nicht wieder. Auch ein Schlaganfall oder eine andere Hirnverletzung kann diese Störung auslösen und die vorher vertraute soziale Welt in eine fremde verwandeln. Die Prosopagnostiker nehmen dabei durchaus Gesichter als solche wahr und erfassen bisweilen auch einzelne Eigenschaften des Gesichts. Aber je nach Ausbildung des Krankheitsbildes können sie bestimmte Merkmale wie etwa das Geschlecht nicht richtig zuordnen.

Um mehr über die Störung zu erfahren, gingen nun Forscher um Beatrice de Gelder von der Universität im niederländischen Tilburg der Frage nach, wie Gesichtsblinde menschliche Körper wahrnehmen, und ob Gefühle in Mimik und in Körperhaltung eines Gegenübers die jeweilige Wiedererkennung beeinflussen. Funktionelle Magnetresonanztomografie der Hirnaktivitäten dreier Probanden mit angeborener Prosopagnosie sollte die Antwort geben. Die Versuchspersonen schauten sich währenddessen Fotos von Gesichtern und Körperhaltungen an, die Freude oder Angst ausdrückten oder aber vollkommen neutral waren.

Bei gesunden Menschen repräsentiert das Gehirn problemlos diese Gesichter. Einer gängigen Theorie in der Psychologie zufolge vergleicht unser Denkapparat dazu einzelne Antlitze mit einer Art Allerweltsgesicht und merkt sich die jeweiligen Abweichungen von dieser Norm. Für Prosopagnostiker stellen dagegen vor allem neutrale Mienen eine große Hürde dar. Im Experiment ließ eine derartige Mimik ihre so genannte FFA (Fusiform Face Area) im Gyrus fusiformis vollkommen kalt – dieses Hirnareal im Schläfenlappen ist normalerweise an der erfolgreichen Gesichtserkennung beteiligt.

Experiment zur Gesichtererkennung
© Public Library of Science
(Ausschnitt)
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Völlig unerwartet brachten hingegen emotionale Mienen die FFA der Probanden zum Feuern. Gesichter, die Gefühle transportieren, seien eben viel markanter und hervorstechender, so die Forscher. Sie lösen gesteigerte Aufmerksamkeit aus und teilen uns wesentlich mehr über die jeweilige Person mit. Aktiv wurde zudem die Amygdala – ein Hirnareal, das bei Gefühlsreaktionen eine Rolle spielt. Möglicherweise findet ein Austausch zwischen der Amygdala und dem Gyrus fusiformis statt, der die Gesichtserkennung bei Prosopagnosie fördert, so de Gelder.

Ein weiteres Ergebnis überraschte die Forscher: Verglichen mit einer Kontrollgruppe aktivierten sich bei den Prosopagnostikern Areale, die eigentlich Körper neuronal abbilden, viel stärker, wenn neutrale Gesichter gezeigt wurden. Umgekehrt reagierten ihre eigentlich für Gesichter verantwortlichen Hirnregionen deutlich, wenn Körper auftauchten. Womöglich ist bei Menschen mit Gesichtsblindheit die neuronale Darstellung von Körpern und Gesichtern nicht genau getrennt.

Aus den Versuchen von de Gelder und ihren Kollegen geht aber leider nicht hervor, ob die gesichtsblinden Probanden die emotionalen Gesichter wirklich erkannten oder nur deren Gefühle erfassten. Hätte also der Mann auf der Straße seine Bekannte tatsächlich wiedererkannt, wenn sie ihm nicht nur zugewunken, sondern auch angelächelt hätte?