Viel Kritik musste sich die Weltgesundheitsorganisation WHO während der Ebolakrise in Westafrika anhören: Die Organisation habe den Ausbruch schlicht verschlafen, und viel zu spät erst seien koordinierte Hilfsmaßnahmen in Gang gekommen. Das soll nicht noch einmal passieren. Ein Notfallkomitee der Organisation hat heute beschlossen, die schnell wachsende Epidemie zu einem internationalen medizinischen Notstand zu erklären. Mit dieser Einstufung übernimmt die WHO quasi offiziell die Aufgabe, die verschiedenen nationalen Maßnahmen gegen das Zika-Virus zu koordinieren.

Anders als die alarmierende Bezeichnung vermuten lässt, ist ein "Public Health Emergency of International Concern" (PHEIC), der internationale medizinische Notstand nach WHO-Regeln, eine eher trockene Angelegenheit: eine Krankheit, die ernst, ungewöhnlich oder unerwartet ist und sich international ausbreitet; so lauten die Kriterien dafür. Dann beraten die WHO-Gremien, ob international koordinierte Maßnahmen nötig und sinnvoll sind. Eine filmreife Bedrohung der Menschheit ist nach den WHO-Statuten dafür nicht notwendig und geht vom Zika-Virus auch nicht aus.

Wie viele Mikrozephalie-Fälle gibt es wirklich?

Die öffentliche Wahrnehmung allerdings ist eine andere – sowohl was das Zika-Virus angeht als auch im Bezug auf die Einstufung einer Krankheit durch die WHO. Damit war das Gremium der Weltgesundheitsorganisation in einem unglücklichen Dilemma: Entweder nennt sie Zika einen internationalen Notfall – was sie nun getan hat – und setzt sich dem Vorwurf von Panikmache und Übertreibung aus. Oder sie verzichtet darauf und hätte damit riskiert, wie im Fall von Ebola, im Nachhinein wieder zu spät zu reagieren. "Die WHO steht vor einem großen Problem im Hinblick auf einen möglichen internationalen Gesundheitsnotstand, da die Definition hierfür sehr weit gefasst ist und es noch keine Vor- oder Zwischenstufen gibt", erklärte der Mediziner und WHO-Berater Mathias Bonk das Problem im Vorfeld der Entscheidung.

So machte auch die schlechte Datenlage der Organisation die Entscheidung schwer. Nicht zuletzt, da die für die öffentliche Wahrnehmung entscheidende Frage noch völlig ungeklärt ist: Wie gefährlich ist das Zika-Virus überhaupt? Die Kombination aus sehr schneller Ausbreitung und dem begründeten Verdacht, dass der Erreger fruchtschädigend ist und Nervenleiden auslöst, hat in den betroffenen Regionen und unter Fachleuten Alarmstimmung ausgelöst.

Nur: Wie häufig solche schweren Folgen tatsächlich vorkommen, ist unbekannt – lediglich etwas über 250 Fälle von Mikrozephalie wurden bisher laut WHO nachgewiesen. Angesichts der nach wie vor nicht nachgewiesenen kausalen Verbindung bleibt die Bewertung schwierig, zumal sehr viele Menschen symptomlos mit Zika infiziert sind. Die ersten Zika-Diagnosen in Brasilien stellten Ärzte im Mai 2015, entsprechend vorläufig sind die bisher genannten Zahlen. Sollte sich im Nachhinein herausstellen, dass solche Komplikationen extrem selten sind oder überhaupt nichts mit Zika zu tun haben, könnte die WHO mit ihrem internationalen Alarm wieder blamiert dastehen.

Und das, obwohl Fachleute die Beratungen des Notfallkomitees überwiegend begrüßten. "Ich denke nicht, dass es voreilig ist, dass sich die WHO vorrangig mit dem Problem beschäftigt", sagte zum Beispiel Martin Grobusch, Professor für Tropenmedizin an der Universität Amsterdam. "Vor allem die Häufung von Mikrozephalien ist Besorgnis erregend." Er verwies außerdem auf die Ähnlichkeit der Zika-Symptome zu Dengue und dem Chikungunya-Fieber sowie auf die ungewöhnlich schnelle Ausbreitung des Erregers, die internationale Koordination erfordere. "Allein aus diesen Gründen ist das Handeln der WHO angemessen."

Wie man's macht, macht man's falsch

Nicht zuletzt stehen im Juni die olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro auf dem Programm – inmitten des potenziellen Zika-Verbreitungsgebietes. Die internationale Großveranstaltung droht nicht nur Brutstätte des Virus zu werden, sondern auch Ursprung einer neuen, globalen Verbreitungswelle, fürchten Fachleute.

Die WHO habe im Grunde gar keine Wahl, als wieder den Notfall auszurufen, vermutet auch Gesundheitsberater Bonk, der als Berater an der Ebolakampagne der WHO beteiligt war – dem letzten solchen Notfall. Durch Ebola gesteigerte öffentliche Wahrnehmung und missverständliche mediale Berichterstattung trügen ihm zufolge ihren Teil bei. Auch die Veröffentlichungen der nationalen Behörden, die von Reisewarnungen bis hin zur Empfehlung reichten, vorerst gar nicht mehr schwanger zu werden, erhöhten den Druck auf das Notfallkomitee.

Umgekehrt aber befeuert nun, da die WHO die höchste Seuchenalarmstufe ausruft, das Beispiel Ebola womöglich schlimmste Befürchtungen über das Zika-Virus. Doch Zika ist – glücklicherweise – längst nicht so gefährlich wie Ebola, und es scheint eine gewisse Immunität in Infizierten zu hinterlassen. Der Spuk könnte also so schnell vorbei sein, wie er angefangen hat, vermutet der Virologe Jan Felix Drexler vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung: "Ich denke, dass sich die Zika-Lage bis zu den Olympischen Sommerspielen beruhigt hat, da die Populationsimmunität dann bereits hoch sein wird und weniger empfängliche Individuen für den Erhalt und die Ausbreitung des Virus bleiben werden."

Dieser Artikel wurde um 20:30 Uhr aktualisiert, um die Entscheidung des WHO-Notfallkomitees einzuschließen.