In den Händen hält der Mann einen Federkiel, den er mit einem Messer anspitzt. Der Blick ist gesenkt, der Mund geschlossen, nur die Mundwinkel deuten eine leichte Verstimmung der Laune an. Woran mag's liegen? "Wenn jemand mit mir eine Diskussion über etwas anfängt, womit ich mich sehr gut auskenne", steht über dem barocken Gemälde. Der Text stammt natürlich nicht von Gerard Dou, dem niederländischen Maler, der das Bild des Gelehrten um 1630 schuf. Internetnutzer haben die Erläuterung hinzugefügt und dem Bild damit fast 400 Jahre nach seiner Entstehung eine neue, durchaus originelle Lesart verpasst.

Bild eines Gelehrten, der einen Federkiel anspitzt. Darüber die Caption "When someone starts an argument with me about something I know a lot about". Ob man in solchen Situationen die Feder oder den Knüppel klar macht, ist mentalitätsabhängig.
© Gerrit Dou: Geleerde die zijn pen snijdt. 1630-1635 / public domain
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 Bild vergrößernClassical Art Meme

So genannte "Classical Art Memes", eine Kombination aus Bilddetails klassischer Gemälde und überraschenden Bildunterschriften, sind global anschlussfähig – das heißt, sie treffen den Humor vieler. Der Trend schwappt gerade durch die sozialen Netzwerke. Andere Internetphänomene der letzten Jahre: das Badezimmerspiegel-Selfie, die Ice Bucket Challenge oder die "Send Nudes"-Botschaften (die ebenso ironische wie ziellose Aufforderung, Nacktbilder zu verschicken). Zehn Jahre, nachdem Steve Jobs das erste iPhone der Weltöffentlichkeit präsentierte, haben Smartphones die Zitat- und Remixkultur des Internets auf die Spitze getrieben und dutzende visuelle und dialogische Biotope hervorgebracht. WhatsApp und Snapchat, Instagram und Musical.ly sind nur einige davon. Doch verständigt sich die Menschheit wirklich grundlegend anders, seit iPhone und Co. ihren Siegeszug antraten? Und wenn ja, was ist konkret mit der Sprache und den Bildern passiert?

Eine neue Stilvielfalt

Apps sind eine Fundgrube für Sprach-, Literatur- und Kunstwissenschaftler, für Anthropologen, Soziologen, Medien- und Kommunikationswissenschaftler. Das neue Forschungsfeld boomt in vielen Fächern. Die Kanäle haben sich vervielfacht – und mit ihnen die kulturellen Praktiken. Jede Disziplin versucht mit ihren Methoden, der Fülle der Inhalte Herr zu werden. "Wir haben es mit einer ungeheuren semiotischen Produktivität der Basis zu tun", sagt Jannis Androutsopoulos, Linguistikprofessor an der Universität Hamburg. Man könne sogar von einer "neuen Ära der Schriftlichkeit" sprechen. "Denn ein Großteil der Alltagskommunikation wird heute schriftlich bewältigt."

Die neue Schriftlichkeit ist vor allem eins: reich an stilistischen Mitteln. Eine SMS an den Babysitter klingt anders als eine E-Mail an die Vorgesetzte, öffentliche Kommentarspalten unterliegen anderen sprachlichen Konventionen als private Gruppenchats. "Soziale Ausdifferenzierung hat es in der Sprache immer schon gegeben", erklärte Androutsopoulos, "aber die digitale Kommunikation macht die Unterschiede deutlicher sichtbar." Linguisten nennen das "Soziolekte"; gemeint sind Varietäten einer Sprache, die von einer bestimmten Gruppe hervorgebracht und genutzt werden. Selbst innerhalb eines dyadischen Dialogstrangs – also einer Unterhaltung, an der nur zwei Menschen beteiligt sind – können die Nutzer mittlerweile ihren Stil variieren, ohne Unverständnis oder gar Sanktionen fürchten zu müssen. Im Gegenteil, der abwechslungsreiche Einsatz von Buchstaben, Satzzeichen, Emojis, Bildern, Fotos und grafischen Elementen ist sogar erwünscht. "Das Transmodale, der Wechsel zwischen unterschiedlichen semiotischen Modi, ist der letzte Schrei. Damit experimentiert unsere Gesellschaft gerade exzessiv", sagt Androutsopoulos.

Dass der permanente Wechsel trotzdem Regeln folgt, konnte der Hamburger Forscher anhand von WhatsApp-Chats zeigen. Emojis tauchen zum Beispiel eher gegen Ende einer Konversation auf, "wenn es darum geht zu konkludieren oder eine Vereinbarung zu bekräftigen". Punkte dagegen, die in der Schriftsprache das Ende eines Satzes markieren, werden im digitalen Raum gerade vollkommen neu definiert. In den meisten Chatbeiträgen fallen sie ersatzlos weg. Dort aber, wo doch ein Punkt zum Einsatz kommt, hat er nun eine pragmatische Bedeutung. "Der Schlusspunkt wird nicht mehr grammatikalisch verstanden, sondern als Signal für Aggression, schlechte Laune, Überdruss." Einen Punkt machen heißt: Mich nervt der Gesprächsverlauf, ich will das Thema hiermit beenden. "Diese Verwendung ist hochsprachlich weder erfasst noch vorgesehen", erläutert Androutsopoulos. Dennoch ist die Neufunktionalisierung in vollem Gang.

Und dabei wird es nicht bleiben. Zwischenfazit nach zehn Jahren iPhone: Für die digitale Kommunikation nutzen Menschen alles, was ihnen an analogen Ausdrucksmitteln zur Verfügung steht – deuten diese aber oft radikal um. Das gilt auch für das Selbstporträt. Doch lässt sich das vor rund fünf Jahren "erfundene" und 2013 zum Wort des Jahres gekürte Selfie überhaupt nahtlos in die ästhetische Tradition von gemalten und fotografierten Selbstbildnissen einreihen? Eine Frage, die nicht nur Kunsthistoriker umtreibt. Schon um die Jahrtausendwende rief man in vielen geisteswissenschaftlichen Disziplinen den "iconic turn", die Hinwendung zur Bildwissenschaft, aus. "Lange wurde intensiv daran geforscht, wie sich Welt und Alltag durch Sprache konstituieren", erläutert Maria Schreiber, die an der Universität Wien im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts ihre Dissertation über private Smartphone-Fotos schreibt. "In den letzten Jahren sind Bilder mehr und mehr ins Zentrum der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt." Kommuniziert durch Abbildungen habe die Menschheit schon immer, sagt Schreiber, "aber die Verbreitung der digitalen Fotografie hat die visuelle Kommunikation demokratisiert".

Eine Frau benutzt Emojis in einer Konversation mit Smartphone. Nicht so wie früher, als man noch mühevoll ASCII-Smileys basteln musste. Wir hatten ja nix, damals.
© georgejmclittle / stock.adobe.com
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 Bild vergrößernEmojis sind ein zentrales Element der mobilen Kommunikation

Massiv beschleunigt wurde diese Entwicklung, nachdem 2010 auf dem iPhone 4 erstmals eine Frontkamera integriert wurde. Diese zweite, kleine Kamera, ursprünglich eher für Videotelefonie konzipiert, gehört seitdem zum Ausstattungsstandard bei Smartphones. Doch kann man der digitalen Selbstporträt-Manie wirklich wissenschaftlich etwas abgewinnen? Durchaus, findet Kommunikationswissenschaftler Paul Frosh von der Hebrew University of Jerusalem. Selfies seien komplexe, selbstreflexive Konstrukte, schreibt er in einem aktuellen Aufsatz: "Sie zeigen ein Selbst, das sich selbst spielt." Das Selfie lenke die Aufmerksamkeit des Betrachters außerdem "auf die Bedingungen und den Kontext" seiner Entstehung: "Es macht seine eigene Konstruktion als einen Akt und ein Produkt der Vermittlung sichtbar." Das gelte vor allem für das "populäre Subgenre, bei dem Spiegel und Bildschirme eingesetzt werden".

Neue Medien, neue Bedeutungen

Selbstrepräsentationen, Narrative des Selbst, kuratiertes Ich – all diese Stichworte stammen aus der aktuellen Forschung und meinen etwas Ähnliches: Wer ein Selfie macht und verschickt, ist nicht nur Regisseur, Choreograf und Dokumentar seiner selbst. Er nutzt das Bild, um sich und anderen eine Geschichte zu erzählen – und darüber ins Gespräch zu kommen. Auch hier gilt: Jede Plattform und jede soziale Gruppe hat ihre eigenen Moden und Gepflogenheiten. Bildstile funktionieren ähnlich wie sprachliche Soziolekte, fand Maria Schreiber in ihrer Untersuchung heraus. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Körper. Wie er gezeigt und in Szene gesetzt wird, hängt wiederum stark vom Modus der Kommunikation ab. "In reziproken, also auf wechselseitigen Austausch angelegten Plattformen wie Snapchat wird der Körper ganz anders gezeigt – oft unvorteilhafter und hässlicher oder auch intimer und verletzlicher als in repräsentativen Umgebungen wie Facebook oder Instagram", sagt Schreiber.

Ein komisches Selfie garniert mit einem knappen (oft englischsprachigen) Kommentar und einer Ansammlung bunter Emojis – auf Außenstehende wirken solche Beiträge auch deshalb kryptisch, weil sie die intertextuellen Bezüge nicht verstehen. Die Adressaten dagegen wissen genau, wer hier womit auf was anspielt. "In Briefen oder am Telefon muss das Gesprächsthema jedes Mal wieder kontextualisiert werden", erklärt Androutsopoulos. Innerhalb einer App entfällt die sprachliche Vor- und Nachbereitungsarbeit. Wer doch einmal den Überblick verliert, kann meist zurückscrollen und sich den Gesprächsverlauf anhand des Archivs noch einmal vergegenwärtigen.

Das ist das wirklich Neue an der digitalen Kommunikation: Auf dem Smartphone reißt der Dialog nie gänzlich ab. Die Fäden sind immer alle da, sie müssen nur wieder aufgenommen und weitergesponnen werden. Was macht das mit uns, den Nutzern? Genau hier warte noch viel Arbeit auf die Wissenschaft, meint Androutsopoulos, der im Juni 2017 in Hamburg ein Symposium zu dem Thema ausrichtet. "In den letzten Jahren wurden ausgiebig einzelne subkulturelle Stilmittel erforscht. In Zukunft sollten wir den Blick weiten und fragen, wie sich die menschliche Interaktion durch Smartphones gesamtgesellschaftlich weiterentwickelt."