Die allgemeine Relativitätstheorie geht auf einen plötzlichen Einfall zurück. Ende 1907 – zwei Jahre nach dem "Wunderjahr", in dem er seine spezielle Relativitätstheorie und seine Theorie der Lichtquanten formuliert hatte – arbeite Albert Einstein noch immer als Prüfer im Schweizer Patentamt. Die Fachwelt hatte seine Genialität noch nicht gänzlich erkannt. Als er in seinem Büro in Bern saß, ging ihm plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: "Befindet sich eine Person im freien Fall, wird sie ihr eigenes Gewicht nicht spüren." Später sprach er in diesem Zusammenhang von "dem glücklichsten Gedanken in meinem Leben".

Die Fabel vom fallenden Mann ist inzwischen legendär. Manchen Versionen zufolge soll es bei der Person um einen Maler gehandelt haben, der nahe dem Patentamt vom Dach eines Wohnhauses fiel. Wie auch andere große Legenden rund um die Gravitation – Galileo warf demnach verschiedene Dinge vom Schiefen Turm von Pisa und Isaac Newton fiel ein Apfel auf den Kopf – schmückte der Volksmund sicher auch diese Geschichte etwas aus. Obwohl sich Einstein lieber auf die Wissenschaft als auf das "rein persönliche" konzentrierte, hätte selbst er wohl kaum zugeschaut, wie ein echter Mensch von einem Dach stürzt und dabei an die Gravitationstheorie gedacht – geschweige denn, es den glücklichsten Gedanken seines Lebens genannt.

Wenig später entwickelte Einstein sein Gedankenexperiment weiter: Der fallende Mann befand sich nun in einer geschlossenen Kabine, beispielsweise einem Aufzug. Im freien Fall würde er sich schwerelos fühlen. Und sobald er Gegenstände loslässt, schweben diese neben ihm. Für den Mann gäbe es keine Möglichkeit festzustellen – also kein Experiment, mit dem er herausfinden könnte –, ob die Kabine mit zunehmender Geschwindigkeit in die Tiefe stürzt oder in einer gravitationsfreien Region des Weltraums umhertreibt.

Dann stellte sich Einstein vor, dass sich der Mann in der Kabine tatsächlich weit draußen im Weltall befände, wo es keine spürbare Schwerkraft gibt. Allerdings würde die Kabine nun durch eine konstante Kraft nach oben hin beschleunigt und die Füße des Mannes infolgedessen auf den Boden gedrückt. Lässt der Proband einen Gegenstand fallen, so bewegt sich dieser beschleunigt nach unten – genau wie auf der Erde. Auch in diesem Fall wäre es unmöglich zwischen dem Einfluss der Schwerkraft und dem Einfluss der beschleunigten Bewegung zu unterscheiden. Einstein nannte dies "das Äquivalenzprinzip". Die lokalen Auswirkungen von Schwerkraft und Beschleunigung sind äquivalent. Deshalb müssen sie Ausprägungen desselben Phänomens sein: irgendeines kosmischen Feldes, das sowohl für die Beschleunigung als auch für die Schwerkraft verantwortlich ist.

Es sollte noch weitere acht Jahre dauern, bis das Gedankenexperiment vom fallenden Mann in die schönste Theorie der Physikgeschichte mündete. Sein beschauliches Leben als verheirateter Mann und Familienvater, der im Schweizer Patentamt arbeitet, tauschte er gegen ein Leben als alleinstehender Professor in Berlin ein, entfremdet von seiner Familie und durch den aufkommenden Antisemitismus auch zunehmend von seinen Kollegen an der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Im vergangenen Jahr machten das California Institute of Technology und die Princeton University viele Briefe und Abhandlungen von Einstein online zugänglich – dieses kostenfreie Archiv vermittelt einen Eindruck sowohl von seinen kosmischen als auch von seinen persönlichen Problemen. So lässt sich seine Erregung erahnen, als er Ende 1907 aufs Papier brachte, was er "eine neue relativitätstheoretische Betrachtung über Beschleunigung und Gravitation" nannte.

Einige Tage später schien Einstein dagegen nicht so gut gelaunt. Er lehnte den Patentantrag einer Elektrizitätsgesellschaft für eine Wechselstrommaschine ab, wobei er den Patentanspruch als "inkorrekt, ungenau und unklar redigiert" bezeichnete. Die kommenden Jahre waren geprägt von persönliches Krisen: Einstein lieferte sich ein Wettrennen mit einem Rivalen, um die Relativitätstheorie in mathematische Formeln zu fassen, während er mit seiner Nochehefrau über Geld und das Recht stritt, seine beiden Söhne besuchen zu dürfen. 1915 gipfelte seine Arbeit schließlich dennoch in einer Theorie, die unser Verständnis des Universums für immer verändern würde.

Abgelenktes Licht

Einstein hatte zwar postuliert, dass Schwerkraft und Beschleunigung gleichwertig sind, doch nahezu vier Jahre fing er mit der Idee kaum etwas an. Stattdessen konzentrierte er sich zunächst auf die Quantentheorie. Erst als er Professor an der Karl-Ferdinands-Universität in Prag geworden war, entwickelte er sein Konzept weiter und formulierte 1911 schließlich eine Feldtheorie der Gravitation. Mit deren Hilfe konnte er die spezielle Relativitätstheorie – die er 1905 aufgestellt hatte – verallgemeinern.

Albert Einstein
© Ferdinand Schmutzer, 1921 / public domain
(Ausschnitt)
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Albert Einstein – hier während eines Vortrags in Wien im Jahr 1921 – hatte nach der Entwicklung der allgemeinen Relativitätstheorie begonnen, deren Feldgleichungen auf die Kosmologie anzuwenden.

Als Einstein sein Äquivalenzprinzip ausarbeite, erkannte er, dass es einige überraschende Auswirkungen habe dürfte. So deutete sein Gedankenexperiment mit der geschlossenen Kabine beispielsweise darauf hin, dass die Schwerkraft das Licht ablenken sollte. Angenommen die Kabine wird nach oben beschleunigt, während ein Lichtstrahl durch ein Loch in einer der Wände dringt. Bis der Strahl die gegenüberliegende Wand erreicht, schießt die Kabine weiter in die Höhe, so dass das Licht ein wenig näher am Boden auftrifft. Ließe sich die Flugbahn in der Kabine nachzeichnen, wäre die Kurve auf Grund der Beschleunigung nach oben gekrümmt. Laut dem Äquivalenzprinzip müsste dieser Effekt gleich ausfallen – egal, ob die Kammer nach oben hin beschleunigt wird oder bewegungslos in einem Gravitationsfeld verharrt. Mit anderen Worten: Licht sollte abgelenkt werden, wenn es sich durch ein Gravitationsfeld bewegt.

Auf der Suche nach der komplizierten Mathematik, die eine gekrümmte und vierdimensionale Raumzeit beschreiben könnte, bat Einstein 1912 einen alten Studienfreund um Hilfe. Bis dahin gründete sein Erfolg vor allem auf seinem Talent, die zu Grunde liegenden physikalischen Prinzipien der Natur ausfindig zu machen. Die mathematische Formulierung dieser Prinzipien überließ er gerne anderen. Doch nun erkannte Einstein, dass sich mittels Mathematik auch Naturgesetze entdecken – und nicht nur beschreiben ließen. Auf dem Weg zur allgemeine Relativitätstheorie suchte Einstein nach mathematischen Gleichungen, die zwei eng miteinander verwobene Vorgänge beschreiben: einerseits wie sich ein Gravitationsfeld auf Materie auswirkt und dessen Bewegung beeinflusst, andererseits wie Materie Gravitationsfelder in der Raumzeit hervorruft und die Krümmung der Raumzeit bestimmt. Drei weitere Jahre lang schlug sich Einstein dann mit Entwürfen und Ansätzen herum, die allesamt Mängel aufwiesen. Ab Sommer 1915 fanden Mathematik und Physik dann endlich zusammen.

Wettlauf um den Ruhm

Inzwischen war Einstein nach Berlin gezogen, um Professor und Mitglied der Preußischen Akademie zu werden. Bei seiner Arbeit erhielt er allerdings wenig Unterstützung. Antisemitismus nahm zu und mit seinen Kollegen hatte er wenig zu tun. Zudem trennten sich seine Frau Mileva Marić und er, woraufhin sie mit den beiden gemeinsamen Söhnen im Alter von elf und fünf Jahren zurück nach Zürich zog. Als ehemalige Kommilitonin hatte sie Einstein bei der Formulierung der speziellen Relativitätstheorie im Jahr 1905 zur Seite gestanden. Er hatte eine Affäre mit seiner Kusine Elsa, die er später sogar heiraten sollte. Dennoch lebte der Einstein allein in einer spärlich möblierten Wohnung im Zentrum von Berlin, aß und schlief unregelmäßig, spielte auf seiner Geige und führte ein eigenbrötlerisches Leben.

Im Lauf des Jahres 1915 geriet sein Privatleben dann allmählich aus den Fugen. Einige Freunde empfahlen ihm, sich scheiden zu lassen und Elsa zu heiraten; er solle nicht mit ihr gesehen werden oder sie in die Nähe seiner beiden Jungen lassen, warnten andere. Marić schickte wiederholt Briefe, in denen sie nach Geld fragte – einmal reagierte Einstein äußert verbittert. "Ich finde eine derartige Forderung indiskutabel", schrieb er. "Ich finde Deine unablässigen Versuche, alles in meiner Hand befindliche an Dich zu reissen, höchst unwürdig." Einstein war bemüht, einen Briefwechsel mit seinen Söhnen aufrechtzuerhalten. Doch die beiden schrieben nur selten zurück – und er beschuldigte Marić, seine Briefe nicht an die beiden auszuhändigen.

Trotz dieser persönlichen Turbulenzen gelang es Einstein bis Juni 1915, viele Elemente der allgemeinen Relativitätstheorie auszuarbeiten. Am Ende des Monats hielt er an der Universität Göttingen, dem damals weltweit herausragenden Zentrum für Mathematik, eine einwöchige Vorlesungsreihe über seine neuen Ideen. Unter den Genies stach besonders David Hilbert hervor und Einstein war sehr bemüht – vielleicht zu bemüht, wie sich herausstellen sollte –, ihm seine Relativitätstheorie im Detail darzulegen.

Der Besuch in Göttingen war ein voller Erfolg. Einige Wochen später berichtete Einstein einem Freund, ebenfalls ein Physiker, dass er "Hilbert von der allgemeinen Relativität überzeugen konnte". In einem Brief an den Physiker Arnold Sommerfeld war er noch überschwänglicher: "Von Hilbert bin ich ganz begeistert."

Hilbert war ebenfalls begeistert von Einstein und dessen Theorie – so sehr, dass er bald selbst versuchte, was Einstein bisher nicht gelungen war: Die mathematische Formulierung der allgemeinen Relativitätstheorie zu vervollständigen. Dass Hilbert ihm auf den Fersen war, realisierte Einstein im Oktober 1915. Kurz zuvor hatte er festgestellt, dass seine aktuelle Version der Theorie – die auf einem Entwurf beruhte, an dem er seit zwei Jahren arbeitete –, erhebliche Schwachstellen aufwies. Denn seine Gleichungen beschrieben Drehbewegungen nicht korrekt. Darüber hinaus waren seine Gleichungen nicht allgemein kovariant, galten also nicht für beliebige Bezugssysteme. Und auch eine Anomalie in der Umlaufbahn des Merkurs vermochten sie nicht vollständig zu erklären: Der Perihel des Planeten – der Punkt der größten Annäherung an die Sonne – hatte sich in einer Weise verschoben, die sich weder mit newtonscher Physik noch durch Einsteins damalige Fassung seiner Theorie beschreiben ließ.

Einstein geriet gleich zweifach unter Druck: Einerseits spürte er, dass Hilbert sich den richtigen Gleichungen annäherte, andererseits hatte er zugestimmt, im November für die Mitglieder der Preußischen Akademie vier Vorträge über seine Theorie zu geben. Die Folge waren anstrengende Monate, in denen sich Einstein intensiv mit den mathematischen Gleichungen auseinandersetzte, um schnellstmöglich eine vollständige Theorie vorzulegen.

Doch auch als er am 4. November im großen Saal der Preußischen Staatsbibliothek eintraf, um die erste seiner Vorlesungen zu geben, war Einstein noch nicht am Ziel. "In den vergangenen vier Jahren", begann er, "habe ich versucht, eine allgemeine Relativitätstheorie zu formulieren." Mit großer Offenheit schilderte er die Probleme, denen er begegnet war, und gab zu, dass er immer noch keine Gleichungen gefunden habe, die uneingeschränkt funktionierten.

Die gravitationstheoretische Revolution
© Nigel Holmes
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1915 stellte Einstein seine allgemeine Relativitätstheorie vor und interpretierte die Gravitation vollkommen neu: als Krümmung von Raum und Zeit.

Einstein steckte mitten in einer der euphorischsten Phasen von wissenschaftlicher Kreativität in der Geschichte. Und gleichzeitig sah er sich mit persönlichen Krisen in seiner Familie konfrontiert. Es trafen weiterhin Briefe von seiner Nochehefrau ein, die weiterhin Geld forderte und die Richtlinien für den Kontakt mit ihren beiden Söhnen diskutierte. Durch einen gemeinsamen Freund ließ sie mitteilen, er solle nicht darum bitten, dass seine Kinder ihn in Berlin besuchen kommen, wo sie seine Affäre entdecken könnten. Einstein versicherte dem Freund, dass er in Berlin allein lebt und dass sein "einsames" Haus "fast den Eindruck einer Kirche" erwecke. Der Freund antwortete, Bezug nehmend auf Einsteins Arbeiten zur allgemeinen Relativitätstheorie: "Und mit Recht, denn es walten darin ungewöhnliche göttliche Kräfte."

Am Tag seiner ersten Vorlesung schrieb er einen rührenden Brief an seinen älteren Sohn, Hans Albert, der in der Schweiz lebte: "Gestern erhielt ich Dein liebes Briefchen und freute mich sehr damit. Ich fürchtete schon, Du wolltest mir überhaupt nicht mehr schreiben […]. Ich werde jedenfalls darauf dringen, dass wir jedes Jahr einen Monat zusammen sind, damit Du siehst, dass Du einen Vater hast, der an Dir hängt, und Dich lieb hat. Du kannst auch viel Schönes und Gutes von mir lernen, was Dir nicht so leicht ein anderer bieten kann […]. Dieser Tage habe ich eine der schönsten Arbeiten meines Lebens fertig gemacht; wenn Du einmal grösser bist, erzähle ich Dir davon." Er beendete den Brief mit einer kleinen Entschuldigung dafür, warum er so zerstreut erscheint. "Ich bin oft so in meiner Arbeit, dass ich das Mittagessen vergesse", schrieb er.

Wenige Tage später schrieb Einstein auch einen Brief an Hilbert. Denn ihm wurde zugetragen, dass der Göttinger Mathematiker die Fehler in den Gleichungen seines Entwurfs ausgemacht habe. Aus Sorge, Hilbert könne ihn ausstechen, teilte er diesem mit, die Schwachstellen nun selbst entdeckt zu haben. Dazu legte er ein Manuskript seiner Vorlesung vom 4. November. In seiner zweiten Vorlesung am 11. November 1915 führte Einstein neue Koordinatenbedingungen ein, durch die seine Gleichungen die geforderte allgemeine Kovarianz zeigten. Doch wie sich herausstellte, brachte die Korrektur nicht allzu viel. Er war der endgültigen Antwort zwar nahe, machte aber wenig Fortschritte. Erneut schickte Einstein seine Arbeit zu Hilbert und fragte ihn, wie seine eigenen Bemühungen vorankämen. "Die Neugier erschwert meine Arbeit!", schrieb er.

Die Antwort von Hilbert dürfte Einstein gehörig verunsichert haben. Denn darin war von einer "Lösung Ihres großen Problems" die Rede. Außerdem lud er Einstein am 16. November nach Göttingen ein, um in den zweifelhaften Genuss zu kommen, sich diese anzuhören. "Da Sie aber so interessiert sind, so möchte ich am kommenden Dienstag […] meine Theorie ganz ausführlich entwickeln", schrieb Hilbert. "Meine Frau und ich würden sich sehr freuen, wenn Sie bei uns logirten." Außerdem fügte Hilbert noch einen beunruhigenden Nachsatz hinzu. "Soweit ich Ihre neue Abhandlung verstehe, ist die von Ihnen gegebene Lösung von der meinen völlig verschieden […]."

Es ist vollbracht

Am 15. November, einem Montag, schrieb Einstein vier Briefe, die einen Einblick in seine privaten und beruflichen Dramen erlauben. So schlug er Hans Albert vor, an Weihnachten in die Schweiz zu reisen, um ihn zu besuchen. "Vielleicht wäre es besser, wenn wir irgendwo allein wären", etwa in einem abgelegenen Gasthof, sagte er zu seinem Sohn. "Was meinst Du?"

Außerdem verfasste er einen versöhnlichen Brief an seine Nochehefrau. Darin dankte er ihr dafür, dass sie seine "Beziehungen zu den Buben nicht hintertreiben" will. Und einem Freund berichtete er: "Die Gravitationstheorie habe ich abgeändert, indem ich erkannte, dass meine früheren Beweise eine Lücke hatten […]. Ich will gerne um die Jahreswende in die Schweiz kommen, um meinen lieben Jungen zu sehen."

Am 15. November antwortete er auch Hilbert und lehnte dessen Einladung nach Göttingen am nächsten Tag ab. Sein Unbehagen spricht deutlich aus dem Brief: "Die Andeutungen, welche Sie auf Ihren Karten geben, lassen das Grösste erwarten. Trotzdem muss ich mir es für den Augenblick versagen, nach Göttingen zu fahren […]. […] denn ich bin sehr übermüdet und obendrein mit Magenschmerzen geplagt. Schicken Sie mir bitte, wenn möglich, ein Korrekturexemplar Ihrer Untersuchung, um meiner Ungeduld entgegenzukommen."

Einstein suchte fieberhaft nach einer präzisen Formulierung seiner Theorie, bis ihm schließlich ein Durchbruch gelang, der seine Beklommenheit in ein Hochgefühl wandelte. Er testete eine Reihe von überarbeiteten Gleichungen und schaute, ob diese für das ungewöhnliche Verhalten der Merkurbahn richtigen Ergebnisse lieferten. Und tatsächlich ergaben sie die korrekten Werte: Seinen Gleichungen zufolge verschob sich der Perihel um 43 Bogensekunden pro Jahrhundert. Er hatte Herzklopfen, so aufgeregt war er. "Ich war einige Tage fassungslos vor freudiger Erregung", berichtete er einem Kollegen. Einem anderen Physiker schilderte er: "Das Resultat von der Perihelbewegung des Merkur erfüllt mich mit grosser Befriedigung. Wie kommt uns da die pedantische Genauigkeit der Astronomie zu Hilfe, über die ich mich im Stillen früher oft lustig machte!"

Am Morgen seines dritten Vortrags, am 18. November, erhielt Einstein Hilberts neue Ausarbeitung und war bestürzt darüber, wie diese seiner eigenen Arbeit ähnelte. Seine Rückmeldung an Hilbert fiel knapp aus und formulierte klar seinen Prioritätsanspruch. "Das von Ihnen gegebene System stimmt – soweit ich sehe – genau mit dem überein, was ich in den letzten Wochen gefunden und der Akademie überreicht habe", schrieb er. "Ich überreiche heute der Akademie eine Arbeit, in der ich aus der allgemeinen Relativität ohne Hilfshypothese die von Leverrier entdeckte Perihelbewegung des Merkur quantitativ ableite. Dies gelang bis jetzt keiner Gravitationstheorie."

Hilbert reagierte entgegenkommend und wohlwollend am folgenden Tag, beanspruchte keinerlei Priorität für sich. "Herzlichste Gratulation zu der Ueberwältigung der Perihelbewegung. Wenn ich so rasch rechnen könnte, wie Sie, müsste bei meinen Gleichungen entsprechend das Elektron kapitulieren und zugleich die Wasserstoffatom sein Entschuldigungszettel aufzeigen, warum es nicht strahlt." Am nächsten Tag reichte Hilbert jedoch eine Abhandlung bei einem Göttinger Wissenschaftsjournal ein, in der er die von ihm gefundenen Gleichungen für die allgemeine Relativitätstheorie vorstellt. Der Titel des Artikels war dabei nicht gerade bescheiden gewählt: "Die Grundlagen der Physik".

Wie sorgfältig Einstein die Arbeit von Hilbert las und wie sehr diese seine Überlegungen beeinflusste, als er seinen vierten Vortrag an der Preußischen Akademie vorbereitete, ist unklar. Jedenfalls legte er rechtzeitig bis zu seinem letzten Vortrag am 25. November – mit dem Titel "Die Feldgleichungen der Gravitation" – ein kovariantes Gleichungssystem für die allgemeine Relativitätstheorie vor.

Das Ergebnis war zwar bei Weitem nicht so fassbar für den Laien wie etwa die Formel E = mc2. Doch mit der kompakten Schreibweisen von Tensoren, in der komplexe mathematische Formeln in kleine Indizes komprimiert werden, passen die finalen einsteinschen Feldgleichungen sogar problemlos auf ein T-Shirt für Physikbegeisterte. In einer der vielen Formen lassen sich die Feldgleichungen wie folgt definieren:

Rμν – 1/2 gμν R = -8 Π G Tμν

Die linke Seite der Gleichung – Einstein-Tensor genannt und als Gμν abgekürzt – beschreibt, wie die Geometrie der Raumzeit durch massebehaftete Objekte gekrümmt wird. Die rechte Seite beschreibt die Bewegung von Materie im Gravitationsfeld. Das Wechselspiel zwischen den beiden Seiten zeigt, wie Objekte die Raumzeit krümmen und wie diese Krümmung wiederum die Bewegung von Objekten beeinflusst.

Damals wie heute wird kontrovers diskutiert, welche Elemente in den mathematischen Gleichungen der allgemeinen Relativitätstheorie zuerst von Hilbert und nicht von Einstein entdeckt wurden. So oder so war es aber Einsteins Theorie, die durch diese Gleichungen formalisiert wurde – und diese Theorie hatte er Hilbert während ihrer gemeinsamen Zeit im Sommer 1915 in Göttingen dargelegt. Hilbert merkte dies wohlwollend in der finalen Version seiner Abhandlung an: "Die so zu Stande kommenden Differentialgleichungen der Gravitation sind, wie mir scheint, mit der von Einstein in seinen späteren Abhandlungen aufgestellten großzügigen Theorie der allgemeinen Relativität im Einklang." Später resümierte er: "Und doch war es Einstein, der die Arbeit dann tatsächlich leistete, und nicht die Mathematiker."

Innerhalb weniger Wochen besserte sich die Beziehung zwischen Einstein und Hilbert wieder. Hilbert schlug Einstein für die Mitgliedschaft in der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen vor und Einstein verfasste daraufhin einen wohlgesinnten Brief. Demzufolge sollten sich zwei Männer, die sich mit transzendenten Theorien beschäftigen, nicht mit irdischen Emotionen aufhalten. "Es ist zwischen uns eine gewisse Verstimmung gewesen, deren Ursache ich nicht analysieren will", schrieb Einstein. "Gegen das damit verbundene Gefühl der Bitterkeit habe ich gekämpft, und zwar mit vollständigem Erfolge. Ich gedenke Ihrer wieder in ungetrübter Freudigkeit, und bitte Sie, dasselbe bei mir zu versuchen. Es ist objektiv schade, wenn sich zwei wirkliche Kerle, die sich aus dieser schäbigen Welt etwas herausgearbeitet haben, nicht gegenseitig zur Freude gereichen."

"Meine kühnsten Träume"

Einsteins Hochmut war nur allzu verständlich. Im Alter von 36 Jahren hatte er unsere Vorstellung vom Universum drastisch verändert. Bei seiner allgemeinen Relativitätstheorie handelte es sich nicht nur um die Interpretation von experimentellen Daten oder die präzisere Formulierung von Gesetzmäßigkeiten. Es war eine ganz neuer Blick auf die Realität. Mit seiner speziellen Relativitätstheorie hatte Einstein gezeigt, dass Raum und Zeit keine unabhängigen Größen sind, sondern gemeinsam ein Raumzeitgefüge bilden. Mit der allgemeinen Relativitätstheorie wurde die Raumzeit dann mehr als nur ein bloßes Behältnis für Objekte und Ereignisse. Stattdessen besitzt sie eine eigene Dynamik, bestimmt durch die Bewegung von Objekten darin, die wiederum auch die Raumzeit beeinflussen – analog zu einer Bowling- und einigen Billardkugeln, die über ein Trampolin rollen und die Sprungmatte krümmen. Gleichzeitig bestimmt die Krümmung des Trampolingewebes aber auch die Bahn der rollenden Kugeln und lässt die Billardkugeln in Richtung der Bowlingkugel wandern.

Die gekrümmte Raumzeit erklärt die Schwerkraft, dessen Äquivalenz zur Beschleunigung und die allgemeine Relativität aller Bewegungsformen. Nach Ansicht von Nobelpreisträger Paul Dirac, einem Pionier der Quantenmechanik, war es "wahrscheinlich die größte wissenschaftliche Entdeckung aller Zeiten". Und Max Born, eine weitere Größe unter den Physikern des 20. Jahrhunderts, nannte es "die größte Leistung menschlichen Nachdenkens über die Natur, die schönste Verknüpfung von philosophischer Durchdringung, physikalischer Intuition und mathematischem Können".

Die gesamten Geschehnisse hatten Einstein ausgelaugt. Seine Ehe war zerbrochen, und der Krieg verwüstete Europa. Dennoch konnte er kaum glücklicher sein. "Die kühnsten Träume sind nun in Erfüllung gegangen", schrieb er seinem besten Freund, Ingenieur Michele Besso. "Allgemeine Kovarianz. Perihelbewegung des Merkur wunderbar genau." Er verabschiedete sich mit den Worten "von Deinem zufriedenen, aber ziemlich kaputten Albert".

Jahre später fragte sein jüngerer Sohn Eduard, warum er so berühmt sei. Um seine fundamentale Erkenntnis, dass sich die Schwerkraft als Krümmung der Raumzeit deuten ließ, zu erklären, nutzte Einstein ein einfaches Bild: "Wenn ein blinder Käfer über die Oberfläche einer Kugel krabbelt, merkt er nicht, dass der zurückgelegte Weg gekrümmt ist. Ich hingegen hatte das Glück, es zu merken."