Aus der ganzen Welt waren die Forscher eingeflogen, darunter ein Juraprofessor aus Michigan, aus Australien der Dekan einer ingenieurwissenschaftlichen Fakultät und eine renommierte Literaturwissenschaftlerin aus Oxford. 39 internationale Wissenschaftler, die am Mittwoch, dem 27. September 2017, im Bonner Wissenschaftszentrum eintrafen. Und während sie in Bonn-Bad Godesberg zusammensaßen, war es ein bisschen wie bei der Papstwahl: Nichts drang nach draußen, und die Gerüchte gingen um.

Das "Expertengremium für die Exzellenzstrategie" ist vor genau einem Jahr eingerichtet worden, und wann immer es tagt, wird es ernst in dem Wettbewerb, der bis vergangenes Jahr Exzellenzinitiative hieß und seit 2006 die Universitätslandschaft umpflügt. Während sie anderswo in Deutschland in Politikressorts und Talksendungen die kommenden Koalitionsverhandlungen debattierten, zitterten die deutschen Hochschulrektoren dem Freitag entgegen, dem Tag, an dem die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Entscheidung der 39 Experten bekannt geben würde. Eine Entscheidung, die noch nicht einmal eine besonders spektakuläre zu sein schien, ging es doch nur um die Vorauswahl so genannter Antragsskizzen für Exzellenzcluster. Tatsächlich aber war es für viele Universitäten die hochschulpolitische Entscheidung des Jahres.

Das hat mit der Konstruktion der neuen Exzellenzstrategie zu tun. War ihr Vorläufer "Exini" ursprünglich ein auf wenige Jahre angelegtes Vorhaben, einigten sich Bund und Länder im Juni 2016, daraus eine Dauereinrichtung zu machen: Zwar soll es alle sieben Jahre eine neue Auswahlrunde geben, doch die Mehrheit der Hochschulen, die sich jetzt den Titel "Exzellenzuniversität" verdient, wird ihn voraussichtlich behalten, und das über viele Jahre hinweg. Mit jeder Zwischenentscheidung, die das Expertengremium fällt, nähert sich die Universitätslandschaft deshalb ihrer langfristigen Neuordnung.

Wichtig ist das Kleingedruckte

Um zu verstehen, worum es vergangene Woche ging und warum schon jetzt so viel auf dem Spiel stand, muss man tief ins Kleingedruckte des Wettbewerbs eintauchen, in die so genannte "Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern gemäß Artikel 91b Absatz 1 des Grundgesetzes zur Förderung von Spitzenforschung an Universitäten". Dort steht in Paragraf 4: "Die Förderung als Exzellenzuniversität setzt die Förderung von mindestens zwei Exzellenzclustern an derselben Universität voraus." Soll heißen: ohne genügend Exzellenzcluster kein Elitetitel.

Cluster sind große Verbünde Dutzender Forscher und häufig mehrerer Unis und Forschungseinrichtungen, zusammengefasst unter einem Oberthema, das sich antragsgerecht mit einer griffigen Überschrift versehen lässt. "NeuroCure" etwa, "Gleichgewicht im Mikrokosmos" oder "Adaptives Verhalten". Herausragende Netzwerke, die international zum Besten gehören, was Wissenschaft zu bieten hat. Jedes Cluster, das bewilligt wird, erhält die nächsten sieben Jahre bis zu zehn Millionen Euro, und zwar jährlich. Und doch, wer die Exzellenzinitiative beobachtet hat, weiß: Von den Clustern redet in der Öffentlichkeit am Ende kaum einer. Aber ob die eigene Hochschule "Elite-Universität" ist, weiß jeder Student. Der Titel bringt weitere bis zu 15 Millionen Euro im Jahr, vor allem aber den begehrten Glanz.

195 Antragsskizzen aus 63 Universitäten waren bei der DFG eingegangen, 45 bis 50 Cluster sollen am Ende gefördert werden, und die Frage, die sich an den Universitäten alle stellten: Wie viele von den 195 werden die 39 Experten rauswerfen? Wie viele Projekte werden sie zu einer so genannten Vollantragstellung auffordern? Klar war: Schon am Ende der Vorentscheidung würden viele Universitäten ihre Ambitionen auf den Exzellenztitel begraben können.

Wenn Träume enden

Das Expertengremium tagte bis in den frühen Donnerstagabend hinein, und selbst die Wissenschaftsminister, die sonst überall im Hintergrund die Strippen ziehen, hatten keine Ahnung, was die 39 Wissenschaftler gerade besprechen. Keine Ahnung, weil die Minister selbst es so im vergangenen Jahr in der Verwaltungsvereinbarung bestimmt hatten: Erst im nächsten Schritt, wenn die Gewinneranträge ausgewählt werden, dürfen sie mitstimmen, aber selbst bei der Cluster-Kür behalten die Wissenschaftler die Oberhand.

Und so erzählten sich die Minister und Hochschulrektoren gegenseitig die neuesten Gerüchte: Die Experten hätten sich darauf verständigt, genau 100 Antragsskizzen durchzuwinken, sagte der eine. Der nächste hatte angeblich gehört, dass die internationalen Wissenschaftler sich in kürzester Zeit einig gewesen seien, welche Skizzen auf jeden Fall drinbleiben und welche sie herauskicken. Aber warum, fragte sich der dritte, warum beraten die dann immer noch?

Den Journalisten hatte die DFG-Pressestelle angekündigt, am Freitagmorgen gegen zehn Uhr die Liste der erfolgreichen Antragsskizzen online zu stellen. Den Wissenschaftsministern gewährte man ein paar Stunden Vorlauf: Bei ihnen ging die Mail mit den Ergebnissen schon am Donnerstagabend ein. Kurz danach klingelten bei den ersten Rektoren die Telefone, die Minister lasen ihnen die Liste vor, und noch mal ein paar Stunden später wusste fast die gesamte Szene Bescheid: Nur 88 potenzielle Cluster hatten es in die nächste Runde geschafft, weit weniger als die Hälfte der 195 Projekte. Und von den 63 Universitäten im Wettbewerb bleibt nur 29 die Chance auf mindestens zwei Cluster und damit auf die Voraussetzung, sich überhaupt um den Status "Exzellenzuniversität" bewerben zu dürfen.

Die Liste der Enttäuschungen war so lang wie die der Überraschungen. Die Universität Bremen, eine von aktuell elf Elite-Universitäten: nur eine erfolgreiche Clusterskizze, damit ist der Exzellenztitel futsch, ein "schmerzlicher Verlust", sagte Uni-Rektor Bernd Scholz-Reiter. Die Goethe-Universität Frankfurt, gehandelt als einer der Top-Favoriten im Wettbewerb, hat auch nur einen Cluster-Antrag in die Hauptrunde bekommen. Unipräsidentin Birgitta Wolff nannte das Ergebnis "bitter": "Warum wir die hervorragende wissenschaftliche Substanz der Goethe-Universität in diesem Wettbewerb nicht ausreichend zur Geltung bringen konnten, müssen wir jetzt untersuchen."

Sieger und Verlierer

Die einen rangen nach Worten, die anderen rechneten ihre Erfolgsquoten vor. "Wir freuen uns sehr, dass vier von fünf eingereichten Clusteranträgen in die Endausscheidung gekommen sind", sagte der Hamburger Uni-Präsident Dieter Lenzen, dessen Hochschule lange Zeit als Synonym für Mittelmäßigkeit galt. Und die mit rund 12 000 Studenten kleinste Eliteuniversität Konstanz, der viele schon das Scheitern an der Zwei-Cluster-Hürde prophezeit hatten, ist mit drei Anträgen noch gut im Rennen. "Auf exzellentem Kurs", steht jetzt auf ihrer Website.

Während die Rektoren mancherorts lange Gesichter machten, konnten ein paar Gebäude weiter durchaus die Sektkorken knallen. Beispiel wiederum Bremen: Auch wenn die Cluster-Bilanz insgesamt mies ist, feierten die Meeresforscher. Das geplante Cluster "Der Ozeanboden – unerforschte Schnittstelle der Erde" geht in die Hauptantragsphase. Auch Frankfurts "Cardio-Pulmonales Institut" ist eine Runde weiter.

Und obgleich die nächste offizielle Entscheidung des Expertengremiums, die Kür der Exzellenzcluster, erst in genau einem Jahr ansteht, bleibt es spannend. Auch das hat mit der Konstruktion der "ExStra" zu tun. Die Universitäten brauchen zwei geförderte Cluster, um sich allein mit ihrer Gesamtstrategie um den Exzellenztitel bewerben zu dürfen. Oder aber sie tun sich zusammen, zu zweit oder dritt, und reichen in der so genannten "Förderlinie Exzellenzuniversitäten" einen Verbundantrag ein. Einem Verbund reichen drei erfolgreiche Cluster. Wenn also eine Universität allein nicht genügend Projekte durchzubekommen droht, hat sie eine neue Chance im Konvoi.

Die erste entscheidende Frage dürfte also in den nächsten Monaten lauten: wer mit wem? Die zweite entscheidende Frage wird erst im Juli 2019 beantwortet, wenn das Expertengremium, dann zusammen mit der Politik, die Elite-Titel verteilt: Haben offensichtliche Zweck-Ehen, selbst wenn sie passable Anträge zu Stande bringen, überhaupt eine Erfolgschance? Im Dezember 2016 hatte DFG-Präsident Strohschneider mit einem "Zeit"-Interview für Aufsehen gesorgt, in dem er Verbundvorhaben auch als eine Risikovermeidungsstrategie deutete nach dem Motto: "Wenn wir gemeinsam kommen, sind wir stärker." Ein Vabanque-Spiel für manches Rektorat und ein wahres Fest für Spieltheoretiker.

Entspannte Berliner

Entspannt zeigen können sich in der Verbundfrage zurzeit allein die Berliner. Die Freie Universität, die Humboldt- und die Technische Universität hatten schon im Sommer 2016 angekündigt, sich gemeinsam in den Exzellenzuni-Wettbewerb stürzen zu wollen. Mit dabei ist auch die Charité. Spätestens jetzt kann ihnen keiner mehr eine Verlegenheitslösung vorwerfen: Neun Antragsskizzen haben die Berliner durchbekommen.

Ihr Marketing läuft derweil bereits auf Hochtouren: Pünktlich am Freitagmorgen, als die offizielle DFG-Pressemitteilung in den Postfächern der Journalisten landete, stellten die "Berlin University Alliance" ihren Twitter-Account online. Der fünfte Tweet stammte von den drei Unipräsidenten gemeinsam: Der Erfolg bestärke sie darin, in der Exzellenzstrategie gemeinsam voranzugehen. Dann folgt ein Satz, der klingt, als sei er direkt für das internationale Expertengremium bestimmt: "Die Basis dafür sind unsere seit Jahrzehnten etablierten Forschungskooperationen." Soll heißen: Wir sind keine Zweckehe! Berlins Regierender SPD-Bürgermeister Michael Müller gab in seiner Funktion als Wissenschaftssenator die Richtung vor: "Wir wollen alle neune."

Als er es sagte, waren einige der 39 Experten schon wieder abgereist.