"Wir sind nicht gegen Bioenergie, aber dieses Projekt wird die Forstwirtschaft bei uns auf den Kopf stellen. Seine schiere Größe macht uns Angst", sagt Jean-Louis Joseph, Bürgermeister von La Bastidonne in Südfrankreich. Seine Gemeinde liegt im Einzugsbereich eines der größten französischen Kraftwerke, der "centrale thermique de Provence" in Gardanne bei Marseille. Block 4 des Kraftwerks, das dem E.on-Konzern gehört, stellt gerade von Kohle auf Holzfeuerung um. Laut einem im November 2015 erschienenen Bericht der NGO "fern" erhält E.on dafür von Frankreich über die nächsten 20 Jahre jährlich 70 Millionen Euro Fördergelder, insgesamt 1,4 Milliarden Euro [1]. Der prognostizierte Holzverbrauch liegt bei 720 000 Tonnen Holz pro Jahr, wovon 50 Prozent aus lokalen Forsten kommen sollen und 50 Prozent aus den USA importiert werden [2].

Schwarz zu Grün

Vor allem in England, aber auch in anderen EU-Staaten wie Belgien, den Niederlanden, Dänemark oder eben Frankreich werden alte Kohlemeiler – die von Gesetz wegen geschlossen werden müssen – auf den Betrieb mit Holzpellets umgerüstet. Sie verschlingen dann Hunderttausende bis Millionen Tonnen Holz im Jahr. Wirtschaftlich ist das nur durch staatliche Subventionen für Umbau und Betrieb der angeblich klimafreundlichen Energie. Die Regierungen müssen ihre Klimaziele bis 2020 erreichen, und die Energiekonzerne ergreifen die Chance, die Betriebsdauer ihrer alten Anlagen zu verlängern. Auch deutsche Konzerne wie E.on, RWE oder German Pellets sind weltweit dabei, sich den Holznachschub für ihre Biomassekraftwerke zu sichern – auf Kosten der Wälder in Europa und Nordamerika, wie Kritiker befürchten.

Rasantes Wachstum der Pelletindustrie

Der Bedarf an Holzpellets ist rapide gewachsen. Waren es 2001 noch zwei Millionen Tonnen weltweit, wurden 2014 bereits 27 Millionen Tonnen hergestellt [3]. Davon wurden drei Viertel oder 18,8 Millionen Tonnen Pellets in der EU verbrannt: 11 Millionen in privaten oder gewerblichen Heizungsanlagen und 7,8 Millionen in großen Kraftwerken als Kohleersatz [4]. Während über fünf Millionen Tonnen dieser Industriepellets aus Nordamerika importiert wurden, stammen die in Heizungen genutzten Pellets fast ausschließlich von europäischen Produzenten [5]. Nach verschiedenen Schätzungen wird sich der Pelletbedarf in den nächsten fünf bis zehn Jahren verdoppeln bis verdreifachen [6]. Eine Prognose rechnet mit einem Pelletbedarf von 35 Millionen Tonnen allein in Europa im Jahr 2020 [7]. Aber auch in Japan, Südkorea und den USA steigt das Interesse an der "Bioenergie" aus Holz.

Holzschnitzel
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(Ausschnitt)
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Um den Bedarf an Holzschnitzeln zu decken, werden Wälder im europäischen Ausland und im Südosten der USA zerkleinert.

Heizen oder Verheizen

Das größte Wachstum wird für die Stromerzeugung aus Pellets in großen Kraftwerken erwartet, aber diese Form der Bioenergie sieht selbst der Deutsche Energieholz- und Pellet-Verband (DEPV) kritisch, wie seine Sprecherin Anna Katharina Sievers sagt: "Wir sind der Ansicht, dass die Wärmeerzeugung die effizienteste Art ist, Holz energetisch zu nutzen. Bei der Stromerzeugung sind die Verluste einfach zu groß." Besser ist die Ökobilanz, wenn Holz zuerst zu Produkten verarbeitet und dann erst energetisch genutzt wird. Laut einer Studie im Auftrag des Umweltbundesamts kann "eine solche Mehrfachnutzung die fünf- bis zehnfache Bruttowertschöpfung und ebensolche Beschäftigungseffekte schaffen" [8]. Deshalb fördert die Politik hier zu Lande eher viele kleine, dezentrale Heizungsanlagen: In den inzwischen 400 000 meist privaten Pelletheizungen und -öfen in Deutschland werden jährlich rund zwei Millionen Tonnen Pellets verbrannt.

"Wir sind der Ansicht, dass die Wärmeerzeugung die effizienteste Art ist, Holz energetisch zu nutzen. Bei der Stromerzeugung sind die Verluste einfach zu groß"

Im größten Biomassekraftwerk der Welt im englischen Drax geht man einen anderen Weg. Dort werden schon heute mehr als vier Millionen Tonnen Biomasse zur Stromerzeugung verbrannt [9]. Dieses Jahr soll der dritte von sechs Meilern von Kohle auf Holz umgestellt werden, der vierte ist in Planung und wartet noch auf die Freigabe der benötigten Subventionen durch die britische Regierung. Die Umweltorganisation "fern" schätzt, dass das Kraftwerk nach der Umstellung des vierten Blocks jährlich sieben Millionen Tonnen Holzpellets benötigt.

Während Energiekonzerne und Pelletproduzenten die Nachhaltigkeit der Produktion beschwören, sehen Umweltschützer großflächige Abholzungen im Zusammenhang mit der Pelletproduktion. Der Südosten der USA und Kanada gehören zu den Weltregionen, in denen die Waldfläche am schnellsten schrumpft [10]. Im Vergleich zum Bekanntheitsgrad tropischer Regenwälder gibt es aber kaum ein Bewusstsein für die Bedrohung dieser Lebensräume. Nach Recherchen der US-amerikanischen NGO "Dogwood Alliance" sind große Flächen ökologisch wertvoller Wälder betroffen. So sind von den durch Eichen, Tupelo-Bäume und Sumpfzypressen charakterisierten Feuchtwäldern im Südosten der USA nur noch 16 Prozent (oder 16 000 Quadratkilometer) der ursprünglichen Fläche übrig [11]. Oftmals würden abgeholzte Flächen später mit schnell wachsenden Pinien-Monokulturen bepflanzt. Das Natural Resources Defence Council (NRDC) hat anhand der über 50 bestehenden oder geplanten Pelletwerke und deren Einzugsgebieten vier Hotspots im Südosten der USA bestimmt, in denen zusammen über sechs Millionen Hektar nicht geschützter Hartholzwälder liegen [12]. "Dogwood Alliance" sieht in der Papierindustrie die größte Bedrohung der Wälder, aber die rapide wachsende Pelletindustrie verschärfe das Problem. Der Druck auf die nordamerikanischen Wälder dürfte weiter steigen, solange in Europa die Stromerzeugung aus Holz im großen Maßstab gefördert wird. Die amerikanischen NGOs fordern deswegen von den großen Pelletproduzenten verbindliche Zusagen, dass keine ganzen Bäume in den Pelletierungsanlagen landen. Die Recherchen der NGOs konnten bereits 2012 belegen, dass in den Anlagen des US-amerikanischen Pelletproduzenten Enviva ganze Stämme verarbeitet werden, obwohl der Konzern behauptet, nur Sägerückstände und Resthölzer zu verwenden [13] [14]. Auch die Wälder Osteuropas leiden unter dem steigenden Holzhunger. Der "fern"-Report berichtet über großflächige, oft illegale Abholzungen in Rumänien und der Slowakei.

Schützt Brennholz aus Übersee das Klima?

Aber selbst wenn man annimmt, dass alles Holz für die Pellets aus strikt nachhaltig betriebener Forstwirtschaft stammt, bleiben Unsicherheiten. In der Theorie sollte die Holzverbrennung dann klimaneutral sein, denn das frei werdende CO2 wird durch nachwachsende Bäume wieder gebunden. Doch aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen liefern keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Holzpellets aus Übersee in der Praxis tatsächlich klimafreundlicher sind als Kohle. Zwei Studien von Wirtschaftswissenschaftlern um Madhu Khanna von der University of Illinois kommen zu dem Schluss, dass die Pelletverbrennung innerhalb verschiedener Modellszenarien ungefähr zwischen 50 und 90 Prozent weniger Treibhausgasemissionen verursacht als die kohlebasierte Stromerzeugung [15] [16].

Selbst bei nachhaltig betriebener Forstwirtschaft scheint die positive Klimawirkung der Pelletverstromung zumindest fraglich
Die Forscherinnen ziehen dabei neben den direkten Emissionen bei Produktion, Transport und Verbrennung der Pellets auch indirekte Effekte heran, wie Auswirkungen des Pellethandels auf die Landnutzung im Südosten der USA und Einflüsse der Pelletsparte auf die Preisentwicklung anderer Forstprodukte. Etwa, dass es durch höhere Preise für Forstprodukte zu verstärkter Aufforstung kommt. Patricia Thornley und Mirjam Röder vom Tyndall Center for Climate Change Research an der englischen University of Manchester kommen zu einem weniger eindeutigen Ergebnis: Nach ihren Berechnungen könnte das transatlantische Geschäft mit Holzpellets bei der Treibhausgasbilanz mit 83 Prozent zwar deutlich besser abschneiden als die Kohleverstromung, es könnte aber auch bis zu 73 Prozent schlechter sein [17]; abhängig ist das von verschiedenen Faktoren in der Produktionskette wie Trocknung und Lagerung. Beispielsweise entsteht bei längerer Lagerung des Holzes (in Form von Hackschnitzeln oder Sägemehl) vor der Pelettierung das potente Treibhausgas Methan, das die Bilanz deutlich verschlechtert. Selbst bei nachhaltig betriebener Forstwirtschaft scheint die positive Klimawirkung der Pelletverstromung also zumindest fraglich.

Wald ist mehr als nur Holz

Aber es ist ja nicht die einzige Leistung der Wälder, dass sie nachwachsen und dabei CO2 binden. Intakte Wälder liefern sauberes Trinkwasser, reinigen die Luft, befördern den Tourismus und bieten Erholungsräume. Sie schützen vor Erosion, Hochwasser und Stürmen, bilden Humus und sind ein Hort der Artenvielfalt. All das geht in keine klimapolitische Berechnung von Nachhaltigkeit ein. Der positive Klimaeffekt der Pelletverstromung in großen Kraftwerken bleibt zumindest sehr fragwürdig, und der Druck auf die Wälder steigt. Mit den Milliarden Euro Subventionen für Holz-Biomasse droht man ebenso über das Ziel hinauszuschießen, wie man es ein paar Jahre zuvor bei der Förderung des landwirtschaftlichen Biomasseanbaus für große Biogasanlagen getan hat.

Vielleicht wird es Bürgermeister Jean-Louis Joseph und seinen Mitstreitern gelingen, die übermäßige Ausbeutung der südfranzösischen Wälder zu verhindern. E.on wird im Zweifelsfall einfach mehr Holz aus den USA importieren. Denn wie auf der Internetseite des deutschen Energie-Riesen nachzulesen ist, befinden sich dort "einige der reichhaltigsten Holzquellen der Welt".