Aus der Ferne strahlen die Häuser von Narsaq in verschiedenen Blau-, Rot- und Gelbtönen. Der farbenfrohe Ort liegt auf einem Hügel, der sich zwischen kargen Bergen und einem Fjord mit Eisbergen erhebt. Aber wenn man genauer hinschaut, merkt man: Das schöne Bild trügt. An vielen Häusern blättert die Farbe ab, und in den engen Gassen gibt es nur wenig Leben. 1830 als Handelsposten gegründet, bildete Narsaq lange das Zentrum der grönländischen Fischindustrie – das Rückgrat des dortigen Wirtschaftssystems. Doch in den letzten Jahrzehnten verlagerte sich die Fischerei durch die Modernisierung mehr und mehr auf die hohe See und moderne Trawler. Deshalb gingen viele Arbeitsplätze in Narsaq verloren. Seither bemühen sich die 1500 Einwohner, einen Weg aus der Krise zu finden.

Gleiches ließe sich über ganz Grönland sagen, das seit 1814 zum Königreich Dänemark gehört. Im vergangenen Jahrhundert vollzog sich im Land ein enormer Wandel: Sicherten einst Jagd und Fischerei die Existenz, setzt die Gesellschaft inzwischen auf Industrie und ein Wohlfahrtssystem nach nordischem Vorbild. Diese schnelle Entwicklung ist ins Stocken geraten, und Gemeinden wie Narsaq haben mit wirtschaftlicher Stagnation und hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Zugleich versucht Grönland, seine wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von Dänemark zu überwinden.

Grönland besteht überwiegend aus Gletschern und einer felsigen Küste
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Grönland besteht überwiegend aus Gletschern und felsiger Küste. Nur wenige Flächen können landwirtschaftlich für die Viehzucht genutzt werden. Das frei liegende Gestein ist jedoch sehr erzreich.

"Ich kenne keine Menschen – und keine Länder –, die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit ablehnen", sagt Hjalmar Dahl, Präsident der grönländischen Niederlassung des Inuit Circumpolar Council. Etwa 80 Prozent der grönländischen Bevölkerung sind Inuit. In den vergangenen 35 Jahren gewann Grönland zunehmend Kontrolle über seine inneren Angelegenheiten – 2009 wurde die Selbstverwaltung gewährt –, doch erhält es weiterhin dänische Subventionen, die immerhin etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen. Um echte Unabhängigkeit zu erlangen, muss das Land fast eine Milliarde US-Dollar an zusätzlichen Einnahmen generieren – mit einer Bevölkerung von nur 56 000 Menschen auf einer Insel mit einem nur 150 Kilometer langen Straßennetz und einem Eisschild, der etwa dreimal so groß wie Texas ist.

Die grönländische Führung in Grönland sieht allerdings durchaus Potenzial in Orten wie Narsaq. Geologische Analysen in der rauen Berglandschaft außerhalb der Gemeinde haben reiche Vorkommen an Seltenen Erden sowie Uran und Zink aufgedeckt; der Bau eines großen Bergwerks steht kurz vor der Genehmigung. Dies sind nur einige von vielen solcher Lagerstätten, die das Interesse von internationalen Bergbaufirmen geweckt haben und die laut der Befürworter eine neue Ära des Wohlstands einläuten könnten.

Wissenschaftler und auch einige Einwohner zweifeln jedoch an der Idee, Grönland könne durch den Bergbau seine Unabhängigkeit erlangen. Es entbrannte eine erbitterte Debatte über die sozialen und ökologischen Folgen des Bergbaus auf einem der letzten weitgehend unberührten Flecken des Planeten. Führende Politiker suchen nun nach Wegen – und Investoren –, um andere Wirtschaftszweige wie Tourismus und Landwirtschaft auszubauen sowie Grönlands umfangreichen Fischereisektor zu optimieren. Die Regierung muss diese Maßnahmen abwägen und dabei auch den Klimawandel einbeziehen, der traditionelle Lebensweisen bedroht und neue möglicherweise begünstigt.

Für welchen Kurs sich Grönland auch entscheiden wird, laut Forschern müsse man bereits heute damit beginnen, den Weg dafür zu bereiten. Selbst wenn die Insel auf volle politische Unabhängigkeit verzichtet, verharren die dänischen Subventionen auf dem Niveau von 2009 und werden lediglich an die Inflation angepasst. Die Mittel werden nicht ausreichen, um die steigenden Kosten für die alternde grönländische Bevölkerung zu decken oder kleine Orte wie Narsaq zu unterstützen. "Es ist ein sehr drängendes Problem, weil Grönland bereits ein Haushaltsdefizit verzeichnet", sagt Minik Rosing von der Universität Kopenhagen. Der Geologe ist in Grönland dafür bekannt, dass er sich für die Zukunft der Insel engagiert. Sofern sich nichts ändert, sagt er, "deutet alles darauf hin, dass sich die Situation verschlimmert, anstatt sich zu verbessern".

Reichhaltiger Fels

Der Name Narsaq bedeutet "Ebene" in Kalaallisut, der Amtssprache von Grönland. Wahrscheinlich, weil der Ort auf dem flachsten Stückchen Land weit und breit liegt. Zu allen Seiten ragen Berge empor, deren Gipfel von Millionen von Jahren der Gletschererosion abgeschliffen sind. Am Horizont zeichnet sich das Inlandeis ab und lässt nur ein dünnes Band an eisfreier Landschaft. Es mag zwar wenig frei liegenden Boden geben, doch der ist reich an Mineralien. Die Erdkruste hier ist sehr alt – teils bis zu 3,8 Milliarden Jahre – und durchlief viele Zyklen von Vulkanismus und Rifting. Metallreiche Flüssigkeiten gelangten dadurch nahe an die Oberfläche, wo sie sich ablagerten. Die Insel verfügt zudem über erhebliche Öl- und Gasvorkommen vor der Küste, die ins Spiel kommen könnten, wenn die Kraftstoffpreise steigen oder die Explorationskosten sinken.

Das Interesse an den Mineralien wuchs im letzten Jahrzehnt aus mehreren Gründen. Grönland erwarb 2009 das Recht, seine Mineralvorkommen selbst zu verwalten und damit Gewinne zu erzielen. Zeitgleich begann die globale Nachfrage an vielen Metallen zu steigen. Schnell verwiesen Politiker auf den Bergbau als den besten und vielleicht einzigen Weg, um von dänischen Subventionen unabhängig zu sein und ein eigener Staat zu werden. Momentan richten sich viele Blicke auf die Lagerstätte von Kvanefjeld nahe Narsaq, wo Grönlands erste große Mine entstehen könnte. Das Vorkommen dort ist "möglicherweise riesig", sagt Kathryn Goodenough vom British Geological Survey in Edinburgh. Die Geologin arbeitet für die Initiative EURARE, die Wissenschaftler und Bergbauunternehmen wie Greenland Minerals and Energy (GME) – die australische Firma hinter dem Kvanefjeld-Projekt – zusammenbringt, um die Exploration und Nutzung Seltener Erden in Europa voranzutreiben.

Erzreiche Zukunft
© Nature, nach: Geological Survey of Denmark and Greenland (GEUS); aus Rosen, J.: Arctic Dreams. In: Nature 532, S. 296-299, 2016; dt. Bearbeitung: Spektrum der Wissenschaft
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GME erkundet die Region bereits seit 2007 und sichtete seither Proben aus Hunderten von Bohrlöchern in den nahe gelegenen Bergen. "Dort oben erinnert es an einen Schweizer Käse", sagt Ib Laursen, ein Vertreter des Unternehmens in Narsaq. Das Gestein nahe der Stadt beherberge rund elf Millionen Tonnen an Metalloxiden der Seltenen Erden, schätzt GME. Damit wäre Kvanefjeld eine der größten Seltene-Erden-Lagerstätten außerhalb Chinas. Ein anderes Unternehmen will die Kringlerne-Lagerstätte auf der anderen Seite des Fjords anzapfen und spricht dabei von einem Vorkommen an Seltenen Erden und anderen Metallen auf Weltniveau.

Ob sich diese Lagerstätten wirklich als so herausragend erweisen wie von den Unternehmen behauptet, bleibe Rosing zufolge unklar, bis der Rohstoffabbau tatsächlich beginne. Doch der Geologe, der außerhalb der grönländischen Hauptstadt Nuuk auf einer Rentierfarm aufwuchs, ist optimistisch, was die Zukunft der Bergbauindustrie auf der Insel angeht. "Grönland ist einzigartig, es ist groß", sagt er. "Mit genügend Einsatz, denke ich, wird sich auf jeden Fall etwas bewegen." Wie viele Bewohner von Narsaq hofft auch Mariane Paviasen inständig, dass der Bergbauboom in Kvanefjeld ausbleibt. Sie arbeitet für Air Greenland und empfängt die wenigen Hubschrauberflüge, die auf Narsaqs stürmischem Landeplatz aufsetzen. Ihr Haus am Ende einer schmalen Straße auf der anderen Seite der Stadt wirkt hell und einladend an einem sonnigen Tag im September.

Starke Opposition gegen den Bergbau

Einige lehnen die Mine ab, weil sie einen Zustrom von ausländischen Arbeitern bedeuten würde. Paviasen aber beunruhigt am meisten das Uran in der Lagerstätte, das GME zusammen mit den Seltenerdelementen fördern und verkaufen will. Uran weckte erstmals das Interesse von Wissenschaftlern an Narsaq, unter ihnen auch Niels Bohr, der die Insel 1957 im Rahmen der dänischen Forschung zur Kernenergie besuchte. Das Land untersagte später alle kerntechnischen Aktivitäten – einschließlich Uranbergbau –, und Paviasen wünschte, dass Grönland diese Tradition weitergeführt hätte. "Ich halte das für sehr gefährliches Material – das gefährlichste der Welt", sagt sie. Aus diesem Grund unterstützte sie Ende 2014 die Gründung einer Bürgerinitiative namens Urani Naamik oder "Nein zum Uran".

Die derzeitigen Pläne von GME sehen auf der Hochebene, etwa zehn Kilometer von der Stadt entfernt, eine Tagebaumine vor. Die Gruppe um Paviasen machte auf die potenziellen Risiken von Uran auf die menschliche Gesundheit und Umwelt aufmerksam, durch Wasserverschmutzung und Staubbelastung. "Mein Mann, meine Söhne und mein Vater – sie gehen gerne raus und besorgen etwas zu essen", sagt Paviasen. Das würde sie aber nicht mehr verzehren, wenn der Bergbaubetrieb losgeht.

Andere, darunter Umweltorganisationen aus Dänemark, informieren über die Gefahren von radioaktivem Thorium in den Lagerstätten, das derzeit wenig kommerziellen Wert besitzt, sowie von fluorhaltigen Mineralien, die zu einer Versauerung des Wasser führen können. Solche Bedenken haben eine hitzige Debatte darüber ausgelöst, wie man den wirtschaftlichen Nutzen des Abbaus natürlicher Ressourcen in Grönland gegen die Umweltrisiken abwägen soll.

Der Abbau in Kvanefjeld werde sicher sein, beteuert dagegen GME. Laut dem Unternehmen prüfe man derzeit Wege, um einerseits mit dem Thorium umzugehen und anderseits das Fluor zu verwerten, indem es in ein vermarktungsfähiges Mineral umgewandelt wird. "Das gehört zu den Vorgaben seitens der Regierung – die besten Verfahren sollen zum Einsatz kommen", sagt Laursen. Moderne Techniken können das Kontaminationsrisiko durch Rückstände aus dem Bergbau minimieren, zeigten Studien – zumindest auf kurzen Zeitskalen.

Die Erderwärmung läuft in Grönland schneller ab als an vielen anderen Stellen der Erde. Wo vor wenigen Jahren noch Gletscher lagen, wachsen heute Gräser und Blumen.
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Die Erderwärmung läuft in Grönland schneller ab als in vielen anderen Regionen der Erde. Wo vor wenigen Jahren noch Gletscher lagen, wachsen heute Gräser und Blumen.

Wirtschaftliche Faktoren stellen vielleicht die größte Hürde für die grönländischen Bergbaupläne dar: Nachdem die Preise für Seltene Erden und andere Metalle 2011 ein Allzeithoch erreicht hatten, brachen sie ein. "Die einfache Wahrheit ist, es sieht nicht gut aus", sagt Tim Boersma von der Brookings Institution in Washington D. C., der an einem 2014 erschienenen Bericht zum grönländischen Bergbaupotenzial mitwirkte. Grönland würde etwa 24 gleichzeitig betriebene große Minen benötigen, um die dänischen Subventionen zu ersetzen. Zu diesem Schluss kommt ein gemeinsamer Bericht von der Universität Kopenhagen und der Universität von Grönland in Nuuk aus dem Jahr 2014. Er schätzt ein, wie die Bodenschätze die Zukunft der Insel gestalten könnten. Nach allem, was über die Lagerstätten bekannt ist, wäre das eine gewaltige Aufgabe – selbst in wirtschaftlich guten Zeiten, so Rosing. Der Geologe leitete die Gruppe, die den Bericht verfasste. "Der Traum, dass der Bergbau eine schnelle Lösung für die Wirtschaft sein könnte, wird nicht in Erfüllung gehen", sagt er.

Energiesparpläne als Alternative

Nachdem sich die Ergebnisse des Berichts herumgesprochen hatten, wurden die Rufe nach politischer Unabhängigkeit leiser. Viele Grönländer erkennen, dass dieser Prozess seine Zeit braucht. Unter den jungen Leuten stellen manche die Vorteile einer vollständigen Loslösung von Dänemark inzwischen sogar in Frage, weiß Rosing. Aus ihrer Sicht, sagt er, "ist eine Nation mit 56 000 Menschen vielleicht nicht die beste Voraussetzung, um sicherzustellen, dass die Bewohner in Grönland ihre eigene Zukunft gestalten können".

Die Enttäuschungen im Bergbausektor regten Diskussionen darüber an, die Strategien für eine wirtschaftliche Autarkie zu diversifizieren. Grönland solle andere Konzepte ausarbeiten, schlägt Rosing vor, um von seiner Einzigartigkeit zu profitieren. Der Wissenschaftler prüft derzeit die Vermarktung von Gesteinsmehl – das feine Pulver entsteht durch Gletschererosion – als Quelle von Nährstoffen und Neutralisationsmittel für tropische Böden. Zudem solle sich Grönland nach Unternehmen umschauen, so Rosing, die vom kalten Klima dort profitieren würden; etwa Computerserver-Betriebe, die enorme Energiemengen zur Kühlung aufwenden müssen.

Herabströmendes Gletscherschmelzwasser nutzt Grönland inzwischen als Energiequelle. Die Insel verfügt bereits über fünf Wasserkraftwerke, und Schätzungen der Regierung zufolge wäre sogar das Potenzial vorhanden, um weitere 800 000 Gigawattstunden an Energie pro Jahr zu erzeugen. Das entspricht mehr Energie, als das Vereinigte Königreich und Frankreich zusammen verbrauchen. Der Aluminiumhersteller Alcoa mit Sitz in New York möchte die billige Energie für eine Schmelzhütte nutzen. 2010 startete das nationale Energieunternehmen in Grönland ein Pilotprojekt, um Wasserstoff als sauberen Kraftstoff mit Hilfe von Wasserkraft zu produzieren.

Vorerst handelt es sich bei diesen Ansätzen jedoch überwiegend um Zukunftsperspektiven. Heute sind rund 40 Prozent der grönländischen Arbeitnehmer im öffentlichen Sektor beschäftigt, und 90 Prozent der Exportwirtschaft dreht sich um Fischerei, vor allem um Eismeergarnelen (Pandalus borealis) und Schwarzen Heilbutt (Reinhardtius hippoglossoides). Obwohl die Fänge nach wie vor gut ausfallen, gingen die Garnelenbestände im Westen Grönlands in den vergangenen zehn Jahren zurück – womöglich beeinflusst durch den Klimawandel.

Verantwortlich dafür könnte der Kabeljau (Gadus morhua) sein, vermutet Helle Siegstad, Direktorin des Bereichs Fisch und Schalentiere am Institut für Natürliche Ressourcen in Nuuk. Dieser Raubfisch profitiert anscheinend von der Erwärmung nahe Grönland: Nachdem er überfischt war, nehmen nun die Bestände wieder zu. Ein weiterer Faktor für den Rückgang der Garnelen wäre möglicherweise, dass der Klimawandel zu einem zeitlichen Versatz zwischen ihrer Laichzeit und der Blüte von Phytoplankton führte, das ihnen als Futter dient.

Doch höhere Wassertemperaturen haben auch neue Arten gen Norden gelockt, wie Makrelen, Atlantischen Hering und sogar Roten Thun, berichtet Brian MacKenzie von Dänemarks Technischer Universität in Lyngby. In den letzten Jahren waren die Temperaturen vor der Küste von Ostgrönland warm genug für Tunfisch, so der Meeresökologe. "Im Grunde ist es ein ganz neuer Lebensraum." Die Fischereiflotte machte sich diese neuen Optionen schnell zu Nutze, so Siegstad. Sie ist optimistisch, dass Veränderungen im marinen Ökosystemen letztlich der grönländischen Fischindustrie zugutekommen. Dennoch sorgt sie sich um die erdrückende Abhängigkeit der Insel von dieser variablen, unkontrollierbaren Ressource. "Ich hoffe, dass wir etwas anderes finden werden", sagt sie.

Wachstumsbranchen Landwirtschaft und Tourismus

Kalista Poulsen und Agathe Devisme besitzen – rund 30 Minuten mit dem Boot von Narsaq entfernt – zehn Hektar Land und 300 Schafe. Verglichen mit der umgebenden Tundra wirkt ihre grasreiche Farm üppig. Violette Wildblumen und Angelica archangelica, eine verbreitete Heilpflanze, säumen die sorgsam gepflegten Ländereien. Das Paar trägt damit zur aufkeimenden grönländischen Agrarindustrie bei: eines von mehreren kleinen Wirtschaftszweigen, den führende Personen der Insel gerne ausbauen wollen. Die Landwirtschaft leistet derzeit weniger als ein Prozent des grönländischen BIP. Dank des Klimawandels könnte dieser Wert steigen: Im Süden nahmen die Temperaturen in den letzten Jahrzehnten um fast zwei Grad Celsius zu. Modelle von Jens Christensen und seinen Kollegen am Dänischen Meteorologischen Institut in Kopenhagen legen nahe, dass – sollte sich die Welt gemäß der dramatischsten Prognosen erwärmen – sich die Dauer der Vegetationsperiode im südlichen Grönland mehr als verdoppeln wird.

Allerdings wird das Klima voraussichtlich auch unbeständiger. Schon jetzt zwang eine Serie von trockenen Sommern die Bauern dazu, zusätzliches Heu aus dem Ausland zu importieren. Das selbst angebaute Futter reichte einfach nicht aus, um die Tiere durch den langen, harten Winter zu bringen. Das warf die Frage auf, berichtet Devisme, ob der Klimawandel ihnen schadet oder nutzt. "Momentan ist es eher ziemlich beunruhigend."

Um ihr Einkommen aus der Landwirtschaft aufzubessern, betreibt Devisme ein kleines Bed & Breakfast. Die Gäste können Saiblinge im Flüsschen hinter den Feldern fangen oder sich einfach nur entspannen. Viele Grönländer sehen die entstehende Tourismusbranche der Insel als willkommene Alternative zu ausbeuterischen Aktivitäten wie dem Bergbau bei Kvanefjeld. Der stellt eine Gefahr für ihren Betrieb dar, erklärt Devisme.

2013 zählte die Regierung rund 35 000 Besucher, die rund drei Prozent zum BIP beigetrugen. Grönland hofft, den Abenteuertourismus – wie etwa Wandern und Kajakfahren – sowie den Kreuzfahrtverkehr steigern zu können. In Island hat sich dieses Konzept bereits bewährt. Die Beratungsfirma Ramboll aus Ørestad in Dänemark prognostizierte, die Tourismusindustrie könnte sich bis 2025 mehr als verdoppeln, auch wenn dies hohe Investitionen in die Infrastruktur erfordern würde, etwa in Hotels und Flughäfen, sowie verstärkte Marketingmaßnahmen und internationale Zusammenarbeit.

Will Grönland aus diesen Branchen profitieren, müssen die Bewohner aber auch in der Lage sein, dort zu arbeiten. Die Entwicklung des Humankapitals der Insel könnte der Schlüssel zum grönländischen Erfolg sein, wie 2013 ein Bericht vom Institut für Zukunftsstudien in Kopenhagen aufzeigte. Obwohl viele Grönländer reichlich informelles Wissen besitzen, besuchen derzeit nur 35 Prozent der Schüler nach der Pflichtschule, die sie im Alter von 15 oder 16 Jahren abschließen, eine weiterführende Schule. Die Regierung verfolgt das Ziel, diese Zahl zu erhöhen, wobei sie zunächst die allgemeine Schulbildung verbessern will.

Die Bewohner von Narsaq leisten ihren Beitrag. An einem späten Sonntagnachmittag eilen hier Arbeiter auf einer abgesperrten Baustelle in der Ortsmitte hin und her. Über ihren Köpfen schwenkt ein Kran, der Holzbalken auf ein Baugerüst hebt: Einige Kollegen renovieren die rot verkleidete Schule. Das Gebäude wird bald über eine Fensterfront verfügen und den Kindern von Narsaq eine grandiose Aussicht auf die mineralreichen Berge ermöglichen, auf die Eisberge im Fjord und ihre eigene kleine Gemeinde – die in Grönlands ungewisse Zukunft blickt.