Eine Welle der Empörung ging Anfang 2015 durch die Medien: "Finnland schafft die Handschrift ab", hieß es in zahlreichen Tageszeitungen. "Schreiben ohne Schnörkel. Finnland schafft die Schreibschrift ab", präzisierte "stern.de". Und "faz.net" fragte: "Schreibst du noch oder tippst du schon?" Der Hintergrund der Aufregung: Pisa-Sieger Finnland vermeldete, man wolle Schüler ab 2016 weniger mit der Hand als mit dem Computer schreiben lassen. "Flüssig tippen zu können, ist eine wichtige nationale Kompetenz", begründete Minna Harmann, die im finnischen Bildungsministerium die neuen Richtlinien erarbeitet hat, diese Entscheidung gegenüber der "Helsinki Times".

Im modernen Alltag nimmt der Umgang mit der Tastatur eine immer größere Bedeutung ein. Doch soll man dafür das Schreiben von Hand opfern? "Ich halte gar nichts davon, das Schreiben per Hand durch das Tippen auf der Tastatur zu ersetzen", sagt Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Nicht nur motorische Einbußen drohen laut Beckmann, wenn der Stift vermehrt gegen die Tastatur eingetauscht wird. "Von Hand zu schreiben, verbessert die Merkfähigkeit", sagt er. Das könne jeder nachvollziehen, der einen Einkaufszettel per Hand notiert. "Meist prägt man sich die Liste beim Schreiben ein und braucht sie dann im Laden kaum noch."

"Flüssig tippen zu können, ist eine wichtige nationale Kompetenz" (Minna Harmann)

Neue Wörter der aktuellen Fremdsprachenlektion ins Vokabelheft zu übertragen, ist demnach weit mehr als lästige Fleißarbeit. Die Wendungen werden gleichzeitig ins Gedächtnis geschrieben – viel besser, als es das Tippen mit der Tastatur je leisten kann. "Wer ein Wort von Hand schreibt, vollzieht den kompletten motorischen Prozess, Buchstabe für Buchstabe, bis das Wort entstanden ist", so Beckmann. "Geräte wie das iPad geben dagegen nach drei Buchstaben bereits eine Auswahl mit den wahrscheinlichsten Varianten – da muss man gar kein vollständiges Wort mehr schreiben, entsprechend prägt sich beispielsweise die Schreibweise schlechter ein."

Zahlreiche Studien der letzten Jahre bestätigen diese Einschätzung. Forscher um die Neurowissenschaftlerin Marieke Longcamp, die heute an der Université Aix-Marseille, Frankreich, arbeitet, erkannten bereits 2005: Mit dem Stift in der Hand prägen sich Kinder neue Buchstaben besser ein als per Tastatur. So konnten die Handschreiber gelernte Buchstaben zuverlässiger von Pseudolettern unterscheiden als Leseanfänger, die nur tippen durften. Außerdem fiel es den Kindern leichter, Buchstaben wie "d" und "p" und ihre spiegelverkehrten Pendants, also "b" und "q", auseinanderzuhalten.

In einer weiteren Studie der Franzosen zeigte sich, dass auch Erwachsene davon profitieren, wenn sie mit Stift statt Tastatur lernen. Probanden, die fremdartige Schriftzeichen pauken sollten, waren erfolgreicher, wenn sie diese handschriftlich üben durften. Den Grund dafür verorteten die französischen Forscher im Gehirn. Sie verfolgten im fMRT die Gehirnaktivität ihrer Probanden, während diese Schriftzeichen betrachteten und entscheiden sollten, ob diese korrekt waren oder beispielsweise auf dem Kopf standen. Dabei zeigte sich, dass beim Wiedererkennen richtiger Zeichen Hirnareale aktiv waren, die eine Rolle spielen, wenn wir eine Handlung durchführen oder sie uns vorstellen. Beim Anblick von Pseudobuchstaben oder falsch orientierten Schriftzeichen waren diese Regionen nicht aktiv.

Heute schon mit der Hand geschrieben?
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Weil der Computer unseren Alltag beherrscht, greifen wir immer seltener zu Stift und Papier. Schade eigentlich. Denn handschriftliche Notizen beflügeln oft das Gedächtnis und die Kreativität, erklären Forscher.

Wahrscheinlich werden beim Erinnern die Schreibbewegungen im Geiste nachvollzogen, so die Schlussfolgerung der Wissenschaftler. Dieser Effekt kommt auch zum Tragen, wenn man versucht, sich an eine Schreibweise zu erinnern, und dafür das Wort niederschreibt oder mit dem Finger in die Luft malt.

Aber auch bei anderen Lerninhalten klappt es mit dem Merken besser, wenn sie handschriftlich festgehalten werden. Das zeigte eine Studie der US-Psychologen Pam Mueller und Daniel Oppenheimer aus dem Jahr 2014. Demnach nehmen Studenten mehr von einer Vorlesung mit, wenn sie sich handschriftliche Notizen machen, als wenn sie ihre Mitschrift am Computer tippen. Zwar schnitten in der Studie beide Gruppen gleich gut ab, wenn es darum ging, anschließend reines Faktenwissen wiederzugeben. Doch die Probanden mit Papier und Stift hatten komplizierte Zusammenhänge besser erfasst.

Andere Studien zeigen, dass Kinder mit Stift und Papier komplexere und längere Sätze verfassen und dabei sogar schneller sind als am Computer. Wieder andere kommen zu dem Schluss, dass Grundschüler am PC schlechtere Aufsätze schreiben als von Hand. "Schreibende benutzen viele Modalitäten im Gehirn", sagt der Motorik- und Handschriftenexperte Christian Marquardt vom Schreibmotorik-Institut im bayerischen Heroldsberg. "Man kann daher davon ausgehen, dass die gesamte kognitive Entwicklung von Kindern stärker befruchtet wird als durch das Tippen." Demnach profitieren neben dem Erinnerungsvermögen und der Fähigkeit zur korrekten Rechtschreibung auch Vorstellungskraft und Kreativität.

Aber braucht es dafür wirklich die Schreibschrift, oder können auch Druckbuchstaben diesen Zweck erfüllen? An der Blockschrift wollen selbst die Finnen nicht rütteln. "Wir geben das Schreiben mit den Händen nicht auf", sagt Irmeli Halinen, Leiterin der Lehrplanentwicklung. "Finnische Kinder werden auch weiterhin lernen, mit einem Stift zu schreiben." Worauf man im Norden künftig verzichten will, ist die schnörkelig geschwungene Schreibschrift, auch Ausgangsschrift genannt, die in unseren Schulen meist der Blockschrift folgt.

Druckbuchstaben oder "verbundene Schrift"?

Für den VBE-Vorsitzenden Beckmann ist die Schreibschrift Trumpf. "Die verbundene Handschrift schult die Feinmotorik der Kinder", sagt er. "Sie ist außerdem motorisch komplexer, so dass es naheliegt, dass sie auch die kognitive Entwicklung besser fördert als die reine Blockschrift." Bewiesen ist diese Hypothese allerdings nicht. "Da wurde bislang erstaunlich wenig geforscht. Gute flüssige Handschrift ist normalerweise nur teilverbunden, und es ist unklar, ob eine schnell geschriebene Druckschrift hier wirklich schlechter abschneidet als die Schreibschrift", entgegnet Marquardt.

"Die verbundene Handschrift schult die Feinmotorik der Kinder" (Udo Beckmann)

Für den Schreibexperten steht jedoch eine ganz andere Frage im Mittelpunkt: Wie kommen die Kinder von den mühsam erlernten Buchstaben zu einer flüssigen individuellen Handschrift? "Das ist eine bewegungsökonomische Schrift, die entsteht, wenn man irgendwann anfangen muss, schnell, aber trotzdem leserlich zu schreiben", erklärt Marquardt. Wenn plötzlich Tempo zählt, schmeiße man sämtliche Schnörkel raus, die zu viel Zeit kosten, und schreibe plötzlich Buchstaben, die einem so keiner gezeigt hat. "Oder hat Ihnen vielleicht jemand in der Schule gesagt, dass Sie ein "n" auch wie ein "u" schreiben können?", lacht der Psychologe, "oder dass Sie 'ch' verbinden, nicht aber 'no'?"

Marquardt bezweifelt, dass dieser Schritt ohne weitere Hilfestellung aus der reinen Druckschrift heraus gelingen kann. Doch auch die herkömmlichen Schreibschriften seien nur bedingt als Grundlage für eine gute Handschrift geeignet, die später keinerlei Probleme beim Schreiben bereitet. Bereits in den 1980er Jahren habe man festgestellt, dass die bis dahin unterrichtete "lateinische Ausgangsschrift", also die klassisch-schnörkelige Schreibschrift, motorisch zu kompliziert zu schreiben sei. "Danach wurde an deutschen Schulen auf die so genannte vereinfachte Ausgangsschrift umgestellt."

"Den Kindern steht keine Schrift zur Verfügung, mit der sich schnell und gut lesbar schreiben lässt" (Christian Marquardt)

Doch auch die brachte noch lange nicht die Lösung aller Probleme. Laut einer aktuellen Umfrage des Schreibmotorik-Instituts haben bundesweit rund 30 Prozent der Mädchen und 50 Prozent der Jungen Probleme, eine flüssige und lesbare Handschrift zu entwickeln. Schlimmer noch: Fast zwei Drittel aller Schüler können über einen Zeitraum von 30 Minuten nicht beschwerdefrei schreiben, also ohne dass die Hand schmerzhaft verkrampft oder die Schrift auf Grund der Ermüdung unleserlich wird. "Die Probleme sind bei herkömmlichen Schriftvarianten, die in Deutschland unterrichtet werden, ähnlich gelagert," so Marquardt. "Den Kindern steht keine Schrift zur Verfügung, mit der sich schnell und trotzdem gut lesbar lässt."

Verdrängte Schnürlischrift

In der Schweiz rückt daher bereits die "Schnürlischrift" zu Gunsten einer Basisschrift in den Hintergrund. Diese erinnert auf den ersten Blick an ein Mittelding zwischen Schreib- und Blockschrift. Im Prinzip lernen die Kinder zunächst Blockbuchstaben und werden dann Schritt für Schritt an Techniken herangeführt, diese miteinander zu verbinden und so zu einer flüssigen Schrift zu gelangen. An der Pädagogischen Hochschule in Luzern entwickelt, wurde die Schweizer Basisschrift dort 2010 auch evaluiert. Demnach können Grundschüler per Basisschrift schneller und leserlicher schreiben als mit der traditionellen "Schnürlischrift". Dieser Effekt wurde bereits im zweiten Schuljahr deutlich. Zudem zeigte sich, dass die Kinder eine höhere Motivation beim Schreiben hatten – die beste Voraussetzung für einen guten Lernerfolg.

Am Ende sollte die Frage also eher nicht lauten: Schreibschrift oder Computer? "Vielmehr müssen wir das Schreiben und die Schreibmotorik besser erforschen, um die Kinder dabei zu unterstützen, eine schnelle und leserliche, aber auch ergonomische Handschrift zu entwickeln", sagt Marquardt.

Computer haben im Klassenzimmer dennoch ihre Berechtigung. "Die moderne Technik spielt eine wichtige Rolle im Alltag, und da ist es sinnvoll, wenn Kinder lernen, Computer bestmöglich zu bedienen", sagt Beckmann. Das könne man prima in den Unterricht mit einbauen oder in gesonderten Einheiten lehren. Als Ersatz für die Handschrift taugen iPad und Co jedoch nicht.