Sexualkunde ist ein Thema, das bei Schülern und Lehrern nicht selten peinliches Schweigen hervorruft – die Gesellschaft diskutiert es dagegen zurzeit umso enthusiastischer. Während die Regierungen vieler Bundesländer forcieren, sexuelle Aufklärung künftig stärker interdisziplinär im Lehrplan zu verankern, und auch auf die Auseinandersetzung mit den Themen Homo-, Trans- und Intersexualität pochen, runzeln manche Eltern besorgt die Stirn. Müssen Kinder und Jugendliche denn in der Schule wirklich lernen, was schwul und lesbisch ist? Dass es auf die Frage nach dem Geschlecht möglicherweise mehr als zwei Antworten gibt?

Alarmglocken schrillen bei vielen auch, wenn in den Medien von vermeintlich modernen Unterrichtsmaterialien die Rede ist, die Lehrer dazu anleiten, ihre Schüler doch mal einen Puff so umgestalten zu lassen, dass sich alle darin wohlfühlen. Oder mit ihnen offen über ihr erstes Mal zu sprechen. Beide Übungen sind Beispiele, die in der öffentlichen Diskussion zuletzt häufig genannt und mitunter auch stark kritisiert wurden. Hinzu kommt: Tendenziell beginnt der Aufklärungsunterricht inzwischen immer früher, manchmal sogar schon in der Kita. Für manche Kritiker reicht das aus, um eine "Frühsexualisierung" der Schüler zu befürchten – oder gar gleich die Umerziehung zur Homosexualität.

Sexualerziehung ist ein heißes Thema

Klar ist: Sexualerziehung in der Schule ist seit jeher ein heißes Thema – das war es auch schon, bevor die Debatte im vergangenen Jahr anlässlich der Reformpläne wieder aufs Neue hochkochte. In der Realität sind Gespräche über Prostitution und intime Geständnisse im Schulunterricht allerdings eher die Ausnahme als die Regel. "Es gibt zwar Lehrpläne mit verschiedenen Themenfeldern und Altersklassen. Was aber tatsächlich in den einzelnen Klassen und in welchem Umfang behandelt wird, ist sehr unterschiedlich. Das hängt auch von der Kompetenz der Lehrkraft und den Themen ab, die für die Schüler besonders relevant sind", erklärt Anja Henningsen, Professorin für Sexualpädagogik an der Universität Kiel und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Sexualpädagogik.

So zeigt etwa die Jugendsexualitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2010: Fast alle Schüler zwischen 14 und 17 Jahren nehmen im Unterricht irgendwann einmal die "Geschlechtsorgane von Mann und Frau" durch und sprechen über "Regel, Eisprung und fruchtbare Tage der Frau". Ebenfalls zum Pflichtprogramm gehören offenbar die Themen Geschlechtskrankheiten, körperliche Entwicklung Jugendlicher, Empfängnisverhütung und Schwangerschaft und Geburt. Bei dem Rest klaffen die Erfahrungen der Jugendlichen allerdings weit auseinander. Homosexualität oder sexuelle Gewalt werden manchmal besprochen, Tabuthemen wie Pornografie oder Prostitution fügen sich nur selten in diesen – wie die Autoren der Studie ihn nennen – "Themenkanon der Schulen um Körperanatomie, Reproduktion und Verhütung" ein.

Aus pädagogischer Sicht sieht Anja Henningsen diesen Themenkanon zum Teil auch kritisch: "Sexualerziehung ist uns oft nur dann wichtig, wenn wir Sorgen haben." Natürlich seien es wichtige Ziele des Aufklärungsunterrichts, Jugendschwangerschaften und HIV-Infektionen zu verhindern und die Schüler für sexuelle Gewalt zu sensibilisieren. Aber man dürfe nicht nur auf die Gefahren blicken: "Eine gute Sexualerziehung soll Kinder und Jugendliche später zu einem selbstbestimmten Umgang mit Sexualität befähigen", sagt die Kieler Pädagogin. Sie glaubt daher, dass Sexualkundeunterricht auch Hilfestellung bei Fragen bieten muss, die bisher oft vernachlässigt werden: Wie kann ich mich mit meinem Partner am besten über Verhütung unterhalten? Tut mir eine Beziehung gut? Was kann ich bei Liebeskummer tun? Dabei müsse man die Schüler auch in dem bestärken, was sie richtig machen, und nicht nur das verurteilen, was schiefläuft. "Wenn man mit dem erhobenen Zeigefinger kommt, gehen Jugendliche sehr schnell in eine Abwehrhaltung", so Henningsen. "Ich kann das Gespräch nicht beginnen, indem ich sage, 'Ihr wisst ja alle, dass ihr keine Pornos gucken dürft. Aber wer hat denn schon mal einen geschaut?', und dann eine gute Unterhaltung darüber führen, welche realitätsfremden Bilder in solchen Filmen meist transportiert werden."

"Sexualerziehung darf uns nicht nur dann wichtig sein, wenn wir Sorgen haben" (Anja Henningsen)

Zu sexueller Selbstbestimmung gehört, dass Menschen frei entscheiden dürfen, wie sie ihr Sexualleben und ihre Partnerschaften gestalten wollen. Dass auch sexuelle Vielfalt damit zum Unterrichtsthema wird, versteht sich für Anja Henningsen von selbst. Aus diesem Grund darf Aufklärung nicht nur bereits in der Kita beginnen – sie sollte es in den Augen der Wissenschaftlerin idealerweise sogar.

Auch kleine Kinder haben Fragen

"Auch kleine Kinder leben bereits in einer Welt, in der sexuelle und geschlechtliche Vielfalt existieren", sagt Anja Henningsen. Das Modell von Vater-Mutter-Kind gilt längst nicht mehr in allen Familien, manche Kinder wachsen längst mit zwei Vätern oder zwei Müttern auf. Und Conchita Wurst, die "Frau mit Bart", gewann 2014 vor den Augen der Weltöffentlichkeit den Eurovision Song Contest. Fragen tun sich damit auch bei den Jüngsten schon zur Genüge auf, erklärt die Forscherin. "Sexualerziehung bietet Kindern altersangemessene und zielgruppenorientierte Antworten. Damit ermöglicht sie es ihnen, diese Welt besser zu verstehen. Das heißt nicht, dass man im Kindergarten über Sexstellungen spricht. Aber warum sollten wir unter diesen Bedingungen warten, bis Jugendliche ihre eigene sexuelle Identität entdeckt haben, bevor wir ihnen vermitteln, dass Unterschiede zwischen allen Menschen anerkannt werden sollten – auch in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung oder ihr Geschlecht?" Dass die Kinder dadurch zur Homosexualität angeleitet würden, wie viele Kritiker befürchten, hält Henningsen für Quatsch. Es gibt bisher auch keine Studien, die diese Sorge ernsthaft stützen.

Stattdessen kann eine frühe Sexualerziehung, die sich auch bewusst solchen als heikel empfundenen Themen widmet, aber nachweislich dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Wissen zu mehren. Das zeigt beispielsweise eine Untersuchung von Ulrich Klocke von der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Forscher befragte 2012 gemeinsam mit seinen Kollegen Schüler, Lehrer und Schulleiter an 99 Berliner Schulen quer durch alle Bildungssegmente. Dabei deckte er auf, dass Homophobie unter den Jugendlichen nach wie vor keine Seltenheit ist: Mehr als die Hälfte aller Sechst- und Neuntklässler hatten in den vergangenen zwölf Monaten nach Angaben von Mitschülern die Wörter "schwul" oder "Schwuchtel" als Schimpfwort benutzt. Auch "Lesbe" musste häufig als Beschimpfung herhalten.

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Die meisten Schüler wissen nach dem Sexualkundeunterricht über Verhütung und Geschlechtskrankheiten Bescheid. Doch Themen wie sexuelle Vielfalt und Missbrauch sind heutzutage ebenfalls wichtig, mahnen Forscher.

Langfristig thematisiert wurde Homosexualität in den meisten Klassen nach Angaben der Schüler nur selten. Meist tauchte sexuelle Vielfalt nur im Zusammenhang mit negativen Vorfällen wie Mobbing auf und wurde von den Lehrkräften dann als "nicht schlimm" bezeichnet. Damit hätten die Lehrer den Betroffenen aber vermutlich einen Bärendienst erwiesen, glauben die Forscher, weil bei den Schülern so eher die negative Assoziation hängen blieb.

Mehr Wissen, weniger Vorurteile

Die Jugendlichen, die das Thema aber tatsächlich ausführlicher im Unterricht besprochen hatten, hatten die Nase in puncto Toleranz deutlich vorn: "In je mehr verschiedenen Jahrgängen und Fächern Lesbischsein und Schwulsein thematisiert wurden, desto besser wussten die Schüler über LSBT (Anmerkung der Redaktion: Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender) Bescheid und desto positivere Einstellungen zu LSBT hatten sie", schreibt Klocke in seiner Zusammenfassung der Ergebnisse. Der Forscher plädiert daher ebenfalls dafür, das Thema möglichst früh zu behandeln. Erst ab der 6. Klasse darüber zu sprechen, wie es sich viele Lehrer und Eltern in der Befragung wünschten, sei viel zu spät: "Kindern soziale Vielfalt als etwas Selbstverständliches nahezubringen, ist einfacher, als bereits verfestigte Vorurteile bei Jugendlichen abzubauen."

Und auch später bedeutet das nicht, dass man sich zwangsläufig in einen großen Stuhlkreis zusammensetzen und über Lesbisch- oder Schwulsein reden muss. Gerade um die Betreffenden nicht nur auf ihre Sexualität zu reduzieren, sollte man das Thema ganz bewusst auch außerhalb des Sexualkundeunterrichts ansprechen, empfiehlt Klocke: "So könnten in Romanen oder Filmen im Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht neben heterosexuellen auch LSBT-Charaktere vorkommen, im Ethikunterricht beim Thema Liebe und Partnerschaft auch gleichgeschlechtliche Paare berücksichtigt werden und im Geschichtsunterricht der Kampf um Gleichberechtigung am Beispiel der LSBT-Bürgerrechtsbewegung veranschaulicht werden."

"Kindern soziale Vielfalt als etwas Selbstverständliches nahezubringen ist einfacher, als Vorurteile bei Jugendlichen abzubauen" (Ulrich Klocke)

In eine ähnliche Richtung wie Klockes Untersuchung weisen auch die Ergebnisse von Modellprojekten aus den Niederlanden, an denen in den vergangenen Jahren hunderte Grundschüler zwischen vier und zwölf Jahren teilnahmen. Auch sie bestätigen: Lässt man bereits kleinen Kindern eine altersangemessene Sexualerziehung in Vor- oder Grundschule zukommen, in die man bewusst sensible Themen miteinbezieht, wissen die Schüler später besser Bescheid. Und zwar nicht nur über Körperanatomie und Partnerschaften, sondern auch über sexuelle Belästigung und Missbrauch. Die Einstellung gegenüber Homosexuellen ist positiver, das Selbstvertrauen stärker.

Eltern und Lehrer in der Pflicht

Von einer frühzeitigen Sexualerziehung können Kinder also durchaus profitieren. Aber muss die denn unbedingt in der Schule stattfinden? Oder reicht es nicht auch aus, wenn jeder seinen Kindern daheim das nötige Grundwissen und die nötigen Werte mitgibt?

Eltern kommt unstreitig nach wie vor eine Schlüsselrolle in der Aufklärung ihrer Kinder zu. Laut der BZgA-Studie ist vor allem bei Mädchen die eigene Mutter noch vor der besten Freundin die wichtigste Ansprechpartnerin, wenn es um intime Fragen zu Sexualität und Verhütung geht. Die Schule ist allerdings die wichtigste Informationsquelle: So geben acht von zehn Jungen und Mädchen an, den Großteil ihres Wissens über Sexualität, Fortpflanzung und Verhütung aus dem Unterricht zu haben; wenn sie Wissenslücken entdecken, fragen sie dort auch am häufigsten nach. Neben Eltern sind Lehrer daher ebenfalls in der Pflicht, ihren Teil zur Aufklärung beizutragen – vor allem in Bezug auf Jungen beziehungsweise Jugendliche mit Migrationshintergrund, die ihre Eltern seltener ins Vertrauen ziehen, wenn es um das Thema Sex geht.

Nicht alle Lehrer fühlen sich jedoch ausreichend auf ihre Aufgabe vorbereitet. Eine Untersuchung mit Grundschullehrern in Schleswig-Holstein von Forschern der Universität Kiel um Uwe Sielert zeigte, dass die überwiegende Mehrheit der praktizierenden Pädagogen während des Studiums keine Ausbildung in Sexualerziehung erhielt. Und von denjenigen, die entsprechend geschult wurden, bezeichneten nur zehn Prozent ihre Ausbildung als gut. Auch in den übrigen Bundesländern lässt sich ein vergleichbarer Trend erkennen. Entsprechend sind die Lehrkräfte verunsichert, man unterrichte lieber "Elektrizität und Deichbau", so einer der O-Töne der Befragung.

"Sexualpädagogik ist an den Unis ein Randthema", sagt Anja Henningsen. Ein Thema, an das man sich endlich heranwagen müsse, um auch den Unterricht zu verbessern. "Alles in allem ist die Ausbildung unzureichend", schreiben sie und Sielert in ihrer Kurzzusammenfassung der Studie. "Unreflektierte Eigenerfahrungen, 'gesunder' Menschenverstand und guter Wille reichen nicht aus, um eine sensible und qualifizierte Sexualerziehung zu leisten." Henningsen wünscht sich auch aus diesem Grund, dass Themen wie sexuelle Vielfalt und sexualisierte Gewalt überall verpflichtend auf dem Lehrplan landen und nicht nur im Biounterricht zur Sprache kommen – um die Universitäten endlich unter Zugzwang zu setzen. "Die Universitäten müssen Sexualpädagogik endlich stärker in der Lehrerausbildung berücksichtigen, anstatt die Lehrkräfte mit ihrer Unsicherheit allein zu lassen."